Der "Hexenhammer"

Hexenverfolgung

Der "Hexenhammer"

Es gilt als eines der verheerendsten Bücher der Weltliteratur und hat Tausenden von Menschen den Tod gebracht: Der "Hexenhammer" des Dominikanermönchs Heinrich Kramer. Von seiner ersten Auflage im Jahr 1487 an ist das Buch ein mächtiges Instrument für die Inquisitoren. Es legitimiert die Hexenverfolgungen durch den Papst und dient als Anleitung zur Überführung und Verurteilung von vermeintlichen Hexen.

Vom einfachen Mönch zum mächtigen Inquisitor

Papst Innozenz VIII.

Papst Innozenz VIII.

Es ist das Jahr 1473. Der bis dato unbedeutende Dominikanermönch Heinrich Kramer greift in einer Rede den regierenden Kaiser Friedrich III. öffentlich an. Der Kaiser zeigt sich darüber wenig amüsiert und lässt den Mönch in Rom inhaftieren. Doch die Gefängnisstrafe schadet der Karriere von Kramer nicht.

Ganz im Gegenteil: Er scheint in dieser Zeit in der Kurie von Rom mächtige Freunde zu gewinnen. Überraschend wird er im Juni 1474 aus dem Gefängnis entlassen. Papst Sixtus IV. erteilt ihm noch am gleichen Tag die Befugnis zur Inquisition, das heißt er darf kirchliche Gerichtsverfahren gegen Andersgläubige durchführen.

Bereits im darauf folgenden Jahr tritt Kramer das erste Mal als Inquisitor auf. Bei einem Ritualmordprozess gegen die Judengemeinde in der italienischen Stadt Trient beschafft er belastendes Vergleichsmaterial aus anderen Städten, das zur Hinrichtung der Beschuldigten im Winter 1476 führt.

Zwei Jahre später wird Kramer zum päpstlichen Inquisitor für ganz Oberdeutschland befördert. In der folgenden Zeit macht er sich einen Namen als gefürchteter Hexenverfolger in den Diözesen Konstanz und Ravensburg, wo er zahlreiche Prozesse und Hinrichtungen initiiert und überwacht.

Es gibt jedoch in den eigenen Reihen Widerstand gegen die Hexenverfolgungen. Kramer benötigt mehr Rückendeckung. 1484 legt er unter seinem lateinischen Namen Henricus Institoris dem neuen Papst Innozenz VIII. einen Text vor, den der Papst absegnet und als sogenannte "Hexenbulle" veröffentlicht. Darin erkennt die Kirche zum ersten Mal die Existenz der Hexerei an, legalisiert die Verfolgung und gibt den Inquisitoren damit ein mächtiges Instrument an die Hand.

Die gescheiterte Verfolgung

Mit der Bulle im Gepäck reist Kramer im Sommer 1485 nach Innsbruck, um in der Tiroler Hauptstadt einen Hexenprozess anzustrengen. Schnell werden sieben Personen vor Gericht gestellt und angeklagt. Doch Kramer rechnet nicht mit dem Widerstand des Bischofs der Diözese Brixen, der von der Rechtmäßigkeit der Prozesse nicht überzeugt ist.

In einem Aufsehen erregenden Urteil werden die Angeklagten auf bischöfliches Drängen von dem Vorwurf der Hexerei freigesprochen. Kramer wird aus der Diözese Brixen ausgewiesen, der Bischof bezeichnet ihn in einem Brief als kindisch und hält den Inquisitor schlichtweg für verrückt.

Die gescheiterte Inquisition in Innsbruck ist für Kramer der Anlass, seine Bemühungen um eine rechtmäßige Verfolgung der Hexen auszuweiten. Aus diesem Grund verschanzt er sich fast das gesamte Jahr 1486 in einem Kloster in Speyer, um an dem Werk zu arbeiten, das ihn berühmt machen soll: Der "Hexenhammer" oder auf Latein "Malleus maleficarum". In relativ kurzer Zeit bringt er ein fast 700 Seiten starkes Werk in drei Teilen heraus, das eine verheerende Wirkung haben soll.

Ein mächtiges Instrument

Kupferstich aus dem 'Hexenhammer'. In einer wirren, kaum erkennbaren Anordnung sollen die magischen Praktiken der Hexen dargestellt werden.

Holzschnitt aus dem "Hexenhammer"

Das gesamte Werk fällt durch seine Unstrukturiertheit, extreme Frauenfeindlichkeit, inhaltliche Fehler sowie bewusste Fälschung oder Umdeutung historischer Tatsachen auf. Dem Werk vorangestellt sind die Hexenbulle, ein kaiserliches Privileg von Maximilian I. (1459-1519) zur Förderung der Hexeninquisition und zum Schutz der Inquisitoren sowie eine Approbation der renommierten Theologischen Fakultät in Köln. Diese klangvollen Namen sollen die Rechtmäßigkeit der Verfolgungen untermauern und mögliche Gegner mundtot machen.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich ausschließlich mit der Definition des Hexenverbrechens. Kramer geht es dabei um den Nachweis, dass Hexen und deren Verbrechen real existieren. Er beruft sich dabei auf die großen Kirchentheologen Augustinus (354-430) und Thomas von Aquin (1225-1274), die sich in ihren Abhandlungen bereits philosophisch mit der Zauberei auseinander gesetzt haben.

Kramer vereinfacht die Aussagen der beiden Gelehrten jedoch stark und deutet sie für seine Zwecke um. In der Folge werden ausführlich die theologisch umstrittenen Taten der Hexen diskutiert: Teufelsbuhlschaft (Geschlechtsverkehr zwischen Menschen und Dämonen), Tierverwandlung und Opferung von Kindern an den Teufel, um magische Elixiere herzustellen.

Gegenstand des zweiten Teils ist eine ausführliche Darstellung dessen, was Hexen alles anrichten können. Kramer beschreibt dabei zahlreiche Beispiele, die allerdings zu einem großen Teil aus seinem eigenen Erfahrungsschatz, das heißt ausgiebigen Folterungen, stammen.

Der dritte Teil des "Hexenhammers" befasst sich mit der rechtspraktischen Umsetzung von Hexenverfolgungen. Dieser Teil ist als Anleitung zur Durchführung von Verfahren zu verstehen und gibt anhand zahlreicher Beispiele detaillierte Regeln für Prozesse gegen Hexen.

Im Trend der Zeit

Kramers Buch trifft den Nerv der Zeit. Ende des 15. Jahrhunderts bricht eine große Kältewelle über Mitteleuropa herein. Extrem kalte und lange Winter verursachen eine Lebensmittelknappheit, selbst die grundlegenden Nahrungsmittel werden enorm teuer. Zu teuer für große Bevölkerungskreise.

Blick in die rekonstruierte Werkstatt von Johannes Gutenberg. Auf der rechten Seite ist ein großer, hölzerner Setzkasten mit Buchstabenfächern zu sehen, auf der linken Seite ein Papierschrank mit Schubfächern und einigen Utensilien zum Buchdruck darauf. Am Setzkasten ist ein handgeschriebenes Blatt Papier befestigt.

Der Buchdruck begünstigt die Verbreitung

Nahezu zeitgleich kommt eine erneute Pestwelle über die deutschen Gebiete, die der Bevölkerung zu schaffen macht. Für derlei Klimaveränderungen und Krankheiten werden immer wieder Hexen verantwortlich gemacht, die mit ihrem Schadenszauber der Bevölkerung zusetzen wollen.

Die neue Technik des Buchdrucks begünstigt die rasche Verbreitung des "Hexenhammers". Bis 1523 werden allein 13 Ausgaben des Buches gedruckt, wahrscheinlich um die 10.000 Exemplare. Fast alle Bibliotheken von Klöstern, Fürstenhäusern und Universitäten im christlichen Europa können damit bestückt werden. Durch die Abfassung des Werkes in der Universalsprache Latein sind sämtliche Gelehrten des Abendlandes in der Lage, es zu lesen.

Der Wahn breitet sich aus

Der "Hexenhammer" zeigt bald seine Wirkung. Bereits 1491 rühmt sich Kramer, mehr als 200 Hexen auf eigenes Betreiben zur Strecke gebracht zu haben. Nach der ersten Veröffentlichung steigen die Verfolgungen zunächst in Süddeutschland und der Schweiz rapide an. Doch schon 1499 erreicht die neue Prozesswelle das Rheinland und die Stadt Köln. Von dort breiten sich die Verfolgungen weiter nach Westen in die Niederlande und nach Norden Richtung Osnabrück und Braunschweig aus. Überall auf deutschem Boden ist eine härtere Gangart gegenüber vermeintlichen Hexen zu spüren.

Auch in Südtirol, den Dolomiten und in der Lombardei steigt die Zahl der Verurteilungen innerhalb weniger Jahre deutlich an. Erst mit dem Tod von Heinrich Kramer im Jahr 1505 läutet die Kurie in Rom einen politischen Umschwung ein. In Italien hat damit der Hexenwahn seinen Zenit überschritten, auch in Deutschland nimmt die Intensität der Verfolgungen langsam ab. Bis zu diesem Zeitpunkt haben jedoch schon mehrere Tausend Menschen den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden.

Früher Widerstand gegen Kramer

Schon zu Lebzeiten Kramers regt sich Kritik am "Hexenhammer". Dies kann zu jener Zeit überaus gefährlich sein, werden doch im "Hexenhammer" auch mögliche Beschützer der Hexen als Ketzer bezeichnet. Sie sollten den gleichen Verfahren ausgesetzt werden wie die Hexen.

Gemälde von Erasmus von Rotterdam. Er sitzt an einem Tisch, hat eine Mütze auf und schreibt in ein Buch.

Erasmus von Rotterdam verspottete Kramer

Mehrere theologische Gelehrte halten dennoch Ende des 15. Jahrhunderts Hexenflüge und Zauberei für unmöglich. Der große Humanist Erasmus von Rotterdam (1466-1536) verspottet in einem Traktat gar die Person Kramers und dessen Benehmen. Andere wiederum bezeichnen Kramer als "blutgierigen Mönch" und "grausamen Heuchler".

Neudrucke des "Hexenhammers" werden um 1520 erst einmal für zwei Generationen ausgesetzt. Dies hat zum einen mit der Reformation zu tun - in protestantischen Gegenden wird der "Hexenhammer" als papistisches Machwerk komplett abgelehnt - zum anderen mit einem juristischen Umdenken. Es werden Gesetze erlassen, die eine Anklage wegen Hexerei deutlich erschweren. In Spanien stellt die berühmte Inquisition die von der Bevölkerung gewünschten Verfolgungen sogar unter Strafe. Portugal und Italien folgen diesem Beispiel.

Auch wenn es viele Gegner des "Hexenhammers" gibt und in einigen Ländern die Verfolgungen ganz eingestellt werden, wird er in Deutschland bald wieder aktuell. Die nächsten knapp hundert Jahre soll der Hexenwahn auf deutschem Gebiet nicht abreißen. Der "Hexenhammer" von Heinrich Kramer hat daran maßgeblichen Anteil, bis 1669 wird er insgesamt 29 Mal aufgelegt.

Autor: Tobias Aufmkolk

Stand: 21.06.2013, 12:00

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