Adolph Freiherr von Knigge

Tischetikette

Adolph Freiherr von Knigge

Ess- und Tisch-Knigge, Business-Knigge, Sex-Knigge - wenn es um Fragen des Anstands in allen möglichen Lebenslagen geht, ist der Name Knigge nicht weit. Doch ob ein Weinglas am Stil zu halten ist oder das Stubenküken mit den Fingern gegessen werden darf - darüber hat sich Knigge Zeit seines Lebens nicht geäußert. Und wenn er noch mitbekommen hätte, wie er zum Synonym für Anstandsfibeln missbraucht wurde, hätte er sich mit allen Kräften gewehrt. Kleinkarierte Etikette und bloße Fassadenpflege waren ihm zuwider. Ihn interessierte, wie Menschen besser miteinander auskommen können, damit das Leben einfacher und angenehmer wird.

Karriere auf Umwegen

Schwarzweiß-Stich von Adolph Freiherr von Knigge.

Adolph Freiherr von Knigge gilt als Begründer des feinen Benehmens

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge wurde am 16. Oktober 1752 auf Gut Bredenbeck bei Hannover geboren. Als Knigge zehn Jahre alt war, verstarb seine Mutter, drei Jahre später sein Vater und nur ein Jahr später seine einzige, ältere Schwester. Seine Eltern hinterließen Knigge mehr als 100.000 Gulden Schulden, sodass die Familiengüter Bredenbeck und Pattensen eingezogen wurden. Der Waisenjunge erhielt nur eine Rente. Von 1769 bis 1772 studierte er Jura an der Universität in Göttingen. Knigges Leben war unstet und bunt. Er hielt es nie lange an einem Ort aus.

Nach dem Jurastudium bekam Knigge seine erste Stellung als höherer Beamter bei der Kriegs- und Domainenkammer des Landgrafen von Kassel. 1774 wurde seine Tochter Philippine Auguste Amalie geboren. Er kümmerte sich als Lehrer um ihre Erziehung und blieb Zeit seines Lebens innig mit ihr verbunden.

Hauptportal des Schloss Wilhelmshöhe in Kassel

Auf Schloss Wilhelmshöhe hielt der Landgraf von Kassel Hof

Am Hof in Kassel machten Intrigen Knigge das Leben schwer. Deshalb verließ er 1775 den Hof in Kassel und begab sich mit der Familie auf das Gut der Schwiegermutter. Immer wieder versuchte Knigge vergeblich an verschiedenen Höfen Karriere zu machen. Oft kam es nicht einmal zu einer Anstellung.

Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, musste sich Knigge eine andere Einnahmequelle suchen. Er schrieb Literaturrezensionen, Theaterstücke, Romane, politische Satiren, Reisebeschreibungen, Übersetzungen und politisch-moralphilosophische Werke. Am 6. Mai 1796 starb Adolph Freiherr Knigge in Bremen.

Knigge als Aufklärer

Gemälde von Johann Wolfgang von Goethe am Schreibtisch sitzend mit einem Brief in der Hand

Wie Knigge war Goethe Mitglied der Illuminaten

Dass Knigge am Hofe nicht Fuß fassen konnte, ist nicht verwunderlich. Knigge war entschlossener Anhänger der Aufklärung. Er wandte sich gegen den Absolutismus und setzte sich für das gleiche Recht für alle Stände ein. Er wollte die Menschen über ihre politische, soziale und geistige Unterdrückung aufklären. Nur so könnten sie sich selbst befreien und eine bessere Gesellschaft schaffen.

Das adelige "von" strich er sich aus seinem Namen und sprach, in Anlehnung an seinen Titel "Freiherr", nur vom freien Herrn Knigge.

1773 wurde er in Kassel Mitglied der Freimaurerloge "Zum gekrönten Löwen". Logen boten in dieser Zeit des Umbruchs Freiraum für aufklärerisches Gedankengut. 1780 trat Knigge dem Orden der Illuminaten bei. Ziel dieses radikalen, geheimen Ordens war es, den Urzustand des Menschen wiederherzustellen, in dem alle gleich, frei und glücklich sind. So forderten sie zum Beispiel die Abschaffung der Monarchie und aller eingesetzten Regierungen, die Abschaffung des Privateigentums, der Erbschaft und der Religion. Knigge warb für den Orden eine Vielzahl von Mitgliedern an.

Über den Umgang mit Menschen

Knigges Buch "Über den Umgang mit Menschen" erschien 1788. Es ist, wie oft fälschlich angenommen wird, keine Anstandsfibel. Knigge ging es um Aufklärung. Zu seinen Lebzeiten war Deutschland in eine Vielzahl von Fürstentümern zersplittert. Alle Macht lag bei den jeweiligen Landesfürsten. An ihren Höfen bildeten sich ganz unterschiedliche, jedoch das Leben bestimmende Umgangsformen und Etiketten aus. Bürger, die beim Fürsten für ihre Belange vorsprechen wollten, wurden wegen ihrer Unkenntnisse leicht zum Spielball der Höflinge.

Knigge wollte mit seinem Werk den Bürgern eine Hilfe an die Hand geben, um sich am Hofe zurechtzufinden. Ihm lag es jedoch fern, in seinem Buch die jeweiligen höfischen Etiketten zu lehren. Der Bürger sollte sich nicht diesem verdorbenen Leben anpassen. Knigge wollte sie zu emanzipierten Menschen erziehen. So riet er zum Beispiel im Umgang mit den Fürsten, Vornehmen und Reichen: "Handle selbständig! Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung; so werden Hohe und Niedere Dir ihre Achtung nicht versagen können".

Zudem gab Knigge in seinem Buch praktische Tipps wie: "Rede mit den Großen der Erde nicht von Deinen häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie angehen. Klage ihnen nicht dein Ungemach... Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn für freundschaftliche Teilnahme; es macht ihnen Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren".

Doch nicht nur das Leben mit den Mächtigen wollte Knigge erleichtern. Er schuf ein Regelwerk, welches den Umgang aller Menschen leicht und angenehm machen sollte. So beschrieb er den richtigen Umgang mit Menschen verschiedenen Charakters (zum Beispiel eigensinnigen, empfindlichen oder jähzornigen) und in verschiedenen Situationen (zum Beispiel Eheleuten, Gastgebern oder Frauen).

Das Missverständnis: vom Aufklärer zum Anstandspapst

Knigges Buch "Über den Umgang mit Menschen" war bereits zu seinen Lebzeiten erfolgreich. Nach seinem Tod wurde es immer wieder von unterschiedlichen Herausgebern publiziert. Diese überarbeiteten es jeweils zu einem "modernen Knigge". Schließlich glich das Buch, bis zur Unkenntlichkeit verändert, einer Anstandsfibel. Adolph Freiherr von Knigge hätte es wahrscheinlich gegraust.

Weiterführende Infos

Autor/in: Birgit Amrehn

Stand: 31.10.2014, 12:00

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