Doping in der DDR

Doping

Doping in der DDR

Nichts wurde im DDR-Leistungssport dem Zufall überlassen. Das galt auch für den Nachwuchsbereich. In der DDR gab es ein sehr effektives und flächendeckend funktionierendes System der Talentsichtung und -förderung. In Schulen und sogar schon in Kindergärten wurden Talente gezielt gesucht. Bei den "Kinder- und Jugend-Spartakiaden der DDR" durften diese dann ihr Können unter Beweis stellen. Die Besten bekamen einen Platz auf Kinder- und Jugendsportschulen, wo ihr Talent gezielt gefördert wurde. Doch die sportlichen Erfolge waren nicht nur der frühen Talentförderung und dem perfektionierten Training zu verdanken. Es wurde auch gedopt.

Medaillen-Maschinen dank Anabolika

Oral-Turinabol - DDR-Anabolikum, Pillen und Packung.

Oral-Turinabol - die Wunderwaffe der DDR

Das staatlich organisierte, flächendeckende Doping in der DDR betraf nicht nur mündige, erwachsene Sportler. Auch Minderjährige wurden gedopt – und zwar ohne, dass sie es wussten. In Sportarten, in denen Minderjährige Weltklasseleistungen erzielen können, wurden schon 13- und 14-Jährige mit Dopingmitteln versorgt. In der Leichtathletik, im Kanu- und Rudersport und in verschiedenen Wintersportarten begann das Hormondoping in der Regel bei den 16- bis 17-Jährigen.

Vor allem im Schwimmen wurden DDR-Sportlerinnen – dank des Anabolikums "Oral-Turinabol" – zu wahren Medaillen-Maschinen hochgedopt. Es existieren Unterlagen, die beweisen, dass alle DDR-Nationalmannschafts-Schwimmerinnen ab dem 14. Lebensjahr in Anabolika-Programme des Verbandes aufgenommen wurden. Auch in anderen Sportarten wurde – teilweise an noch Jüngeren – experimentiert.

Im Mädchenturnen zum Beispiel wurden Sportlerinnen mit Wachstumshemmern klein und dadurch besonders grazil und beweglich gehalten. Dagmar Kesten ist eines dieser Doping-Opfer. Die Turnerin, die 1988 bei den Olympischen Spielen Silber erturnte, sagt heute: "Lieber als die Medaille hätte ich eine Kindheit gehabt."

Doch Kersten ist im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Doping-Opfern nicht zerbrochen. Sie sieht sich als Botschafterin gegen das Doping und hält Vorträge für Schüler, Studenten, Vereine und Sportärzte, um sie für das Thema zu sensibilisieren.

Versuchskaninchen des Klassenkampfes

Medaillen der Spartakiade

Wer Talent zeigte, wurde frühzeitig gefördert - und konnte Medaillen erringen

Die Jugendlichen bekamen ihre Dopingrationen von den Menschen, denen sie am meisten vertrauten und mit denen sie die meiste Zeit verbrachten: ihren Trainern. Gesagt wurde ihnen, dass die bunten Pillen Vitamine seien. Die jungen Sportler mussten die Tabletten vor den Augen ihrer Trainer schlucken. Außerdem wurde ihnen verboten, mit jemandem darüber zu sprechen. Die kleinen Mädchen, die große Sportlerinnen werden wollten, wurden verraten.

Viele der damals noch Minderjährigen fühlen sich heute als Versuchskaninchen des politischen Klassenkampfes. Noch heute leiden viele von ihnen unter den Folgen des Dopings. Verstärkte Körperbehaarung, Störungen der Fruchtbarkeit, nicht rückgängig zu machende Stimmvertiefung, Stoffwechselstörungen, Leber- und Herzschäden, ein erhöhtes Krebsrisiko – das sind nur einige Leiden, mit denen sie heute leben müssen.

Mehr als ein Drittel der gedopten Frauen sollen außerdem gynäkologische Schäden erlitten haben – einige gebaren behinderte Kinder. Eines dieser weiblichen Doping-Opfer heißt heute Andreas Krieger. Er war zu DDR-Zeiten die Kugelstoßerin Heidi Krieger, die im Jugendalter mit Testosteron vollgepumpt wurde. Ende der 1990er Jahre entschließt sie sich zu einer geschlechtsangleichenden Operation. Krieger engagiert sich seither vehement für die DDR-Doping-Opfer.

Langer Kampf um Entschädigung

Viele Sportler des DDR-Systems kämpfen bis heute für eine Anerkennung als Doping-Opfer. Im Jahr 2000 wurden in einem großen öffentlichen Prozess der ehemalige DDR-Sportchef Manfred Ewald und der Sportarzt Manfred Höppner wegen Beihilfe zur Körperverletzung von Minderjährigen in 142 Fällen verurteilt. Die Strafen: 22 und 18 Monate Haft auf Bewährung. Die Opfer des Zwangsdopings wurden mit Schmerzensgeld entschädigt.

Auch in anderen Prozessen wurden weiteren Opfern finanzielle Entschädigungen zugesagt, viele ehemalige DDR-Sportler kämpfen aber weiterhin für eine offizielle Anerkennung und Schmerzensgeld. Sie bemängeln, dass die bisherigen Beträge bei Weitem nicht ausreichen, bedenkt man die körperlichen und psychischen Schäden, die sie davontrugen, sowie die medizinischen Folgekosten. Einige Doping-Opfer der DDR sind dauerhaft arbeitsunfähig und fordern daher regelmäßige Zahlungen.

Eine Verhöhnung der Opfer von damals ist die Tatsache, dass viele Trainer und Sportmediziner, die damals für das Doping mitverantwortlich waren, nach der Wende nahtlos in das gesamtdeutsche Sportsystem übernommen wurden. Noch heute betreuen diese Trainer und Mediziner Sportler.

Der Fall Ines Geipel

Ines Geipel.

Ines Geipel ist ein Opfer von Zwangsdoping

Auch Ines Geipel ist ein Doping-Opfer. Sie war Anfang der 1980er Jahre Mitglied der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft und wurde dort gedopt. Doch 1985 musste sie ihre Sportkarriere beenden. Der Grund: Während eines Trainingslagers in Mexiko verliebte sie sich in einen jungen Mexikaner – eine Provokation für die Staatssicherheit. 1989 floh sie in die Bundesrepublik.

Heute ist Ines Geipel Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch“ und Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH). Ihr Kampf gegen Doping geht über den Sport hinaus: In unserer erfolgsorientierten Gesellschaft sei Doping längst in Schule, Universität, an der Börse, in den Betrieben und den Führungsetagen angekommen. Für Ines Geipel ist der Leistungssport ein Bild unserer beschleunigten Optimierungsgesellschaft.

Autorinnen: Kerstin Eva Dreher/Melanie Kuss

Weiterführende Infos

Stand: 06.06.2016, 15:13

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