Brasilien

Luftaufnahme von Rio de Janeiro.

Südamerika

Brasilien

Brasilien ist der bevölkerungsreichste und wirtschaftlich bedeutendste Staat Lateinamerikas. Seine Tier- und Pflanzenwelt ist einzigartig. Allein im Amazonas-Regenwald im Norden leben Millionen Spezies. Doch die Wirtschaftsinteressen bedrohen zunehmend den Artenreichtum des Landes. Denn Lebensräume von Tieren und Pflanzen werden durch Viehhaltung, Energiegewinnung und Mineralstoffabbau ausgebeutet und zerstört.

Land in Sicht

In der Osterwoche des Jahres 1500 lässt der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral in einer geschützten Bucht Anker werfen. Er ist vom portugiesischen König beauftragt, den Gewürzhandel mit Indien anzukurbeln, dessen Seeweg um Afrika herum gerade entdeckt wurde. Allerdings ist Cabral mit seiner Flotte auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffung von starker Stömung abgetrieben worden und weit im Westen an einer Küste mit Indianern und Papageien geladet.

An Land nimmt Cabral das Territorium für die portugiesische Krone in Besitz. Später wird es den Namen Brasilien bekommen, benannt nach dem ersten Exportgut, Brasilholz, aus dem Farbe und Möbel gemacht werden.

Millionen Afrikaner arbeiten als Sklaven

Historischer Stich von Pedro Álvares Cabral.

Der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral

In den folgenden Jahren gelingt es den Portugiesen, Zuckerrohr anzubauen. Daraus wird Zucker gewonnen – ein äußerst begehrtes Gut. Die Nachfrage nach Zucker in Europa steigt und mit ihr der Bedarf an Arbeitskräften auf den brasilianischen Zuckerrohr-Plantagen.

Die portugiesischen Kolonialherren halten die indigene Bevölkerung nicht für die Arbeit geeignet. Deshalb beginnen sie von 1531 an Afrikaner zu versklaven und nach Brasilien zu verschiffen. Schätzungen gehen von bis zu fünf Millionen Menschen aus, die in den folgenden 350 Jahren nach Brasilien verschleppt werden. Mit ihrer Arbeitskraft boomt die Kolonie Brasilien und exportiert große Mengen an Kautschuk, Kaffee und Gold.

Das goldene Gesetz

Vor den Toren Lissabons stehen 1807 die Truppen Napoleons. Der portugiesische Hofstaat flieht deshalb unter dem Schutz der englischen Flotte nach Brasilien. Er kehrt erst 1821 zurück. Thronfolger Pedro bleibt jedoch – vermutlich um die Kontrolle über Brasilien nicht zu verlieren.

1822 ruft der junge Regent die brasilianische Unabhängigkeit aus und lässt sich zum Kaiser Pedro I. ausrufen. Wirtschaftlich ist er aber von Großbritannien abhängig, das die Welt in dieser Zeit dominiert. Das Vereinigte Königreich hat die Sklaverei verboten und drängt Brasilien nun, selbiges zu tun.

Doch die Widerstände sind groß und die Umsetzung dauert: Erst 1888 verbietet das "Goldene Gesetz" die Sklaverei in Brasilien komplett. Danach passiert aber nichts, um die Millionen von ehemaligen Sklaven in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne Bildung und Geld verdingen sich die Menschen als Landarbeiter oder ziehen in die Städte auf unbesiedelte Hügel und an den Stadtrand – die ersten Armenviertel, die sogenannten Favelas, entstehen. Hier wächst eine Parallelgesellschaft ohne staatliche Kontrolle.

Brasiliens kurviger Weg zur Demokratie

1889 putscht das Militär gegen den Kaiser und macht den Weg frei für die erste Republik. Diese scheitert aber – wie in Deutschland die Weimarer Republik – an der Wirtschaftkrise 1930. Das Militär überträgt dem vom Faschismus inspirierten Oppositionsführer Getúlio Vargas die Präsidentschaft mit diktatorischen Vollmachten, um ihn 1945 wieder zu stürzen. Nach einer demokratischen Phase greift das Militär 1964 selbst nach der Macht und regiert autoritär bis in die 80er Jahre. Die Militärdikatur ist bis heute kaum aufgearbeitet.

1985 wählen die Brasilianer zum ersten Mal wieder frei. Allerdings leidet das Land unter einer unkontrollierbaren Inflation. Nach mehreren Regierungen und Währungsreformen gelingt es 1994 dem Finanzminister und späteren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso, die Währung Real zu stabilisieren. Dessen Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silva verringert die Staatverschuldung und führt mit großzügigen Sozialprogrammen etwa 30 Millionen Brasilianer aus der absoluten Armut.

Dennoch bleibt Brasilien ein Land starker sozialer und regionaler Ungleichheit. Einkommen und Besitz sind mit Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht verbunden. Farbige Brasilianer haben Studien zufolge weniger Geld, schlechtere Jobs und geringere Perspektiven als Weiße. Der industriell geprägte Süden ist dem Norden mit seinen landwirtschaftlichen Strukturen weit voraus.

Biologische Schatzkammer

Ein Mensch spielt mit einem Flussdelfin.

Gefährdete Art: der Amazonas-Delfin

Die regionalen Unterschiede liegen auch an der Größe des Landes. Brasilien hat beinahe die Ausmaße von ganz Europa. Im Norden ist es bedeckt vom Amazonas-Regenwald, im Süden besteht es aus Hochebenen und Gebirgen. Es grenzt an alle anderen südamerikanischen Länder außer Chile und Ecuador. Im Osten befindet sich der Atlantik. An diesem 7400 Kilometer langen Küstenstreifen leben die meisten der rund 200 Millionen Brasilianer. Der Großteil Brasiliens ist tropisch warm und feucht, der Süden dagegen etwas kühler und der Nordosten so trocken, dass es häufig Dürren gibt. Hier leben die meisten armen Brasilianer.

Sehr viel Regen gibt es im Amazonasgebiet, die Luftfeuchtigkeit ist das ganze Jahr über hoch. Das Amazonasbecken mit seinen gigantischen Flüssen und dem immergrünen Regenwald ist eine biologische Schatzkammer. Die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten kann nur vermutet werden, weil regelmäßig neue entdeckt werden. Sicher ist aber, dass es sich um das artenreichste Gebiet der Welt handelt. Die bekanntesten Säugetiere sind der Jaguar, der Flussdelfin und das Faultier.

Rinder und Minen bedrohen den Wald

Luftaufnahme von Bauarbeiten an einem Staudamm.

Zur Stromgewinnung baut Brasilien den Mega-Staudamm Belo Monte

Die natürlichen Schätze Amazoniens wecken wirtschaftliche Begierden. Jedes Jahr werden tausende Quadratkilometer Regenwald legal und illegal abgeholzt. Der Hauptgrund dafür sind gar nicht mal die wertvollen Tropenhölzer, sondern der Bedarf an Anbau- und Weideflächen. Brasilien ist weltweit größter Exporteur von Soja und größter Produzent von Rindfleisch. Besonders die Viehzucht benötigt viel Platz. Bereits jetzt stehen im Amazonas rund 70 Millionen Rinder auf 61 Millionen Hektar Weidefläche. Tendenz steigend: 2013 war ein Rekordjahr im Rindfleischexport mit 1,5 Millionen Tonnen. Allein der Marktführer JBS schlachtet täglich 85.000 Rinder.

Eine weitere Gefahr ist der Abbau von Mineralstoffen. Im Amazonas-Bundesstaat Pará werden große Mengen an Eisenerz, Bauxit, Kupfer, Gold, Mangan und Nickel vermutet. Deshalb will das brasilianische Bergbauministerium Milliarden in die Ausbeutung und Verarbeitung investieren. Schon jetzt werden Eisenerz und Bauxit in großen Mengen abgebaut.

Gemein haben die Industrie-Rohstoffe, dass ihre Förderung und Verarbeitung umweltschädlich ist, nur wenige Arbeitsplätze schafft und viel Energie verbraucht. Letztere sollen sechzig im Amazonas geplante Wasserkraftwerke liefern. Dafür müssen die Flüsse gestaut und es muss in das sensible Gleichgewicht der Umwelt eingegriffen werden. Der Vorreiter dieser Projekte, der Staudamm Belo Monte am Fluss Xingu, soll bis 2019 fertiggestellt sein. Ein Gebiet so groß wie der Bodensee wird dafür überschwemmt.

Unmut im brasilianischen Volk

Polizist vor brennenden Motorrädern.

Massenproteste im Juni 2013

Viele Beobachter sehen Brasilien heute auf dem Weg zu einer global bedeutenden Wirtschaftsmacht. Die föderale Republik ist eine der sogenannten BRICS-Staaten, eine Vereinigung von aufstrebenden Volkswirtschaften, in der etwa auch Indien und China vertreten sind. Als Rohstofflieferant der Welt überholt Brasilien 2011 Großbritannien als sechstgrößte Volkswirtschaft.

Allerdings bricht 2012 die globale Rohstoff-Nachfrage ein – seitdem schwächelt die brasilianische Wirtschaft und die Währung Real verliert an Wert. Das verteuert die Lebenshaltung und sorgt für viel Unmut im brasilianischen Volk. Neben Korruption und Misswirtschaft macht viele Brasilianer wütend, dass der Staat umgerechnet bis zu zehn Milliarden Euro in die Fußball-Welltmeisterschaft im Juni und Juli 2014 steckt, statt in das marode Gesundheitssystem oder in die Bildung zu investieren. Deshalb gingen im Juni 2013 landesweit eine Million Menschen auf die Straße.

Kritik gibt es auch an der Austragung der Olympischen Spiele im Sommer 2016. Neun Stadien mussten gebaut werden, in einem Naturschutzgebiet wurde ein Golfplatz angelegt und die Bucht, in der unter anderem die Ruderwettkämpfe stattfinden sollen, ist verdreckt. Zudem geht es dem Land finanziell sehr schlecht – das Geld reicht mancherorts kaum zur Versorgung der eigenen Bevölkerung.

Autor: Carsten Upadek

Stand: 03.08.2016, 13:00

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