Forschung im Regenwald
Expedition auf Madagaskar
Dmitry Schigel ist ein "Grünkittel-Biologe", das heißt, er verbringt einen großen Teil seiner Arbeit nicht in Büro und Labor, sondern im Feld, beziehungsweise im Wald. Der 31-jährige Wissenschaftler ist 2002 aus Russland nach Finnland gekommen, um hier zu forschen. Er arbeitet an der Universität Helsinki und die ist den Universitäten auf Madagaskar seit Jahren verbunden. Immer wieder brechen Wissenschaftler aus Helsinki zu Forschungsreisen auf, um auf Madagaskar Arten zu studieren - meistens Mistkäfer. Im November 2009 war Schigel das erste Mal dabei. "Lange Zeit war nicht klar, ob aus der Reise überhaupt etwas wird", sagt Schigel, "die Genehmigung für unser Forschungsvorhaben kam erst kurz vorher."
Nach dem Regierungsumsturz im Frühjahr 2009 war die politische Situation zur Zeit der Reise auf Madagaskar immer noch angespannt. Die Wissenschaftler haben davon in der Hauptstadt Antanarivo aber wenig gemerkt: "Hauptsächlich haben wir Hände geschüttelt, Kaffee getrunken, gelächelt und jede Menge Papiere unterschrieben", sagt Dmitry Schigel. Erst dann ging es weiter nach Norden, in ein Dorf am Rande des Marojejy Nationalparks, einem der wildesten Flecken auf Madagaskar: "Zum Einkaufen!"
Aus Finnland hatten die Forscher nur einige Messinstrumente mitgebracht. Alles andere mussten sie vor Ort besorgen: 60 Kilo Reis, Plastikplanen, Seile, Messer, Säcke. "So unterstützen wir ja auch die Wirtschaft vor Ort", sagt Schigel. Unverzichtbar war für die Wissenschaftler vor allem ein Lebensmittel: roher Fisch. "Als Köder für die Fallen, um Mistkäfer anzulocken. In den Tropen gibt es oft nicht genug Dung, deshalb interessieren sich die Käfer dort auch für verrottende Tiere. Als wir ihn gekauft haben, war der Fisch natürlich noch nicht verrottet, aber das geht bei den Temperaturen echt schnell", grinst Schigel.
Im Marojejy Nationalpark
Der Marojejy Nationalpark umfasst ein gewaltiges Felsmassiv, das fast komplett mit Regenwald bedeckt ist. Nur die obersten Gipfel der Berge, in 2132 Metern Höhe, sind kahl. Das Camp der Forscher aus Finnland lag am Fuß dieser Berge. Zum Team gehörten zahlreiche Träger, ein Koch und mehrere Nationalpark-Führer. "Mit den Guides zu arbeiten, ist phantastisch", sagt Schigel, "sie kennen jeden Zweig im Park und ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie diesen Ort lieben. Einer unserer Führer kannte den lateinischen Namen von jedem Vogel und jeder Eidechse, die wir gesehen haben, da war ich echt beeindruckt."
Am meisten beeindruckte Schigel allerdings der Wald selbst: "Ich finde, jeder Biologe sollte mindestens einmal im Leben im Regenwald gewesen sein. Es gibt wenige Orte, die man unbedingt gesehen haben muss, um sich Biologe zu nennen, aber das ist einer davon. Im Regenwald kann man erleben, was Artenvielfalt wirklich bedeutet: Tausende verschiedene Spezies!"
Für Schigel und die anderen Forscher gab es viel zu sehen, aber auch viel zu tun: "Jeden Tag haben wir die Fallen bestückt, überprüft und ausgewertet. Dass der Nationalpark in einer Bergregion liegt, macht ihn für uns Biologen besonders interessant, denn unterschiedliche Höhenlagen sind unterschiedliche Lebensräume, die von unterschiedlichen Tierarten bewohnt werden. Im Gebirge bekommt man also eine große Vielfalt von Untersuchungsobjekten auf kleinem Raum geboten. Andererseits ist ein Gebirge für einen Biologen natürlich auch eine größere Herausforderung, man muss die Berge ja die ganze Zeit hoch- und runterlaufen.
Klettern ist allerdings mein Hobby, deshalb war es für mich eine tolle Erfahrung. Bei bis zu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit habe ich das vorher allerdings noch nie gemacht!"
Sich an den dauernden Regen zu gewöhnen, war für alle die schwerste Umstellung. "Ich habe auf Madagaskar Ameisen beobachtet, denen schien der Regen gar nichts auszumachen", sagt Schigel, und es scheint ein bisschen Neid mitzuklingen, "in Europa verlassen Ameisen bei Regen ihren Hügel nicht. Auf Madagaskar haben sie sich offenbar darauf eingestellt."
Auf Mistkäferfang
Wie sich Tiere ihrer Umgebung anpassen, interessiert die Forscher auch bei den madagassischen Mistkäfern. "Wir wollen wissen, wie Spezialisierungen innerhalb einer Art funktionieren. Die Mistkäfer im Nationalpark eignen sich sehr gut, um das zu studieren, denn dort leben in jeder Höhenlage völlig andere Arten. Das Besondere ist: Die Übergänge zwischen den einzelnen Arten sind nicht allmählich, wie es sonst der Fall ist, ihre Lebensbereiche sind sehr scharf voneinander abgegrenzt. Wir wollen wissen, warum das so ist."
Nachdem die Forscher mehrere Tage auf Käferfang kreuz und quer durch den Nationalpark geklettert waren, konnten einige auch an sich selbst eine Anpassung an den neuen Lebensraum feststellen. "Nach einer Weile habe ich mich völlig als Teil des Waldes gefühlt", sagt Dmitry Schigel, "ich hatte das Gefühl, 24 Stunden am Tag arbeiten zu können. Wenn die tägliche Arbeit vorbei war, sind wir oft noch mal losgezogen und haben ein oder zwei Stunden Fotos von Tieren gemacht. Aber so ein warmer, trockener Schlafsack am Abend, das war schon ein Glücksmoment", erzählt Schigel grinsend.
Nicht zum letzten Mal?
"Aus Ostafrika habe ich von manchen Forschungsreisen schlimme Geschichten gehört, dass die Straßen in schrecklichem Zustand seien und es viel Kriminalität gibt", sagt Schigel. Auf Madagaskar hat er von solchen Problemen nichts gespürt. "Von dem Nationalpark, in dem wir gearbeitet haben, heißt es, dass dort in den letzten zehn Jahren nichts gestohlen wurde. Ich konnte mein Navigationsgerät, meine Kamera und ein Portemonnaie mit Geld im Zelt lassen, drei Tage in den Wald gehen, und bei unserer Rückkehr war alles völlig unberührt." Selbstverständlich ist das nicht - schließlich ist Madagaskar eines der ärmsten Länder der Welt.
Paradies für Lemuren (6'28'')
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Die Folgen dieser Armut sieht man nicht nur den Menschen, sondern auch dem Wald an. "Die Nationalparks sind ja nur noch winzige Flecken", sagt Schigel, "Brandrodung ist auf Madagaskar immer noch weit verbreitet, und wo der Regenwald einmal gerodet ist, wird er nie wieder nachwachsen." Zu sehen, wie ein einzigartiger Lebensraum verschwindet, ist für den Biologen schmerzhaft. Trotzdem überwiegt das Verständnis, schließlich ist Schigel auch Familienvater: "Wenn ich die Wahl hätte zuzugucken, wie meine Kinder zu Hause hungern, oder im Nationalpark jagen zu gehen… also ich würde jagen."
Der Forschungsreisende hat Hoffnung - dass sich die Situation der Menschen verbessert und die Schutzprogramme greifen. Und dass er den Wald bei seinem nächsten Besuch wieder so vorfinden wird. "Ich hoffe, dass ich bald noch einmal nach Madagaskar zurückkehren kann. Ich habe mehr als 120 Expeditionen mitgemacht, aber von allen war diese sicherlich die Beeindruckendste!"
Christine Buth, Stand vom 28.06.2010
Sendung: Madagaskar - Bizarres Paradies der Evolution, 17.11.2010











