Kleinwuchs und Großwuchs

Die Hände des größten und kleinsten Menschen der Welt

Anatomie des Menschen

Kleinwuchs und Großwuchs

Die Kleinen leben in einer zu großen, die Großen in einer zu kleinen Welt. Für die einen gehört ständiges Bücken zum Alltag, für die anderen Strecken. Der eine muss sich ins Auto hineinzwängen, der andere braucht eine Sonderanfertigung, um an die Pedale zu kommen. Die alltäglichen Tücken sind jedoch nur ein kleiner Teil der Probleme, denen sich klein- und großwüchsige Menschen stellen müssen im Alltag, im Berufsleben und vor allem als Teil einer genormten Gesellschaft. Wo sie auftauchen, ziehen sie Blicke auf sich. Ein derart exponiertes Leben verlangt der Psyche viel Stärke ab und ist für den Körper wahre Schwerstarbeit.

Wann ist man klein- oder großwüchsig?

Alles ist relativ – auch die Körpergröße. So verwundert es nicht, dass selbst Ärzte keine klaren Grenzen ziehen, wann genau Klein- und Großwuchs beginnen. Festgelegt ist jedoch, dass die kleinsten drei Prozent der Bevölkerung als kleinwüchsig und die größten drei Prozent als großwüchsig gelten. Groß- und Kleinwuchs genau in Zentimetern auszudrücken, ist recht schwierig. Die durchschnittliche Körpergröße der Menschen ist nämlich einem steten Wandel unterworfen.

Kleinster und größter Mensch der Welt stehen nebeneinander

Kleinster und größter Mensch der Welt im Januar 2010

Bei der Definition von Kleinwuchs und Großwuchs wird eine Geschlechterunterscheidung vorgenommen. So gelten Frauen, die nicht größer als etwa 1,50 Meter werden, als kleinwüchsig, während man bei Männern schon unter einer Körpergröße von etwa 1,65 Meter von Kleinwuchs spricht. Denn nur etwa drei Prozent der Deutschen liegen unterhalb diesen Größen. Zur Gruppe der groß- oder hochwüchsigen Menschen zählt man hingegen Frauen, die über 1,83 Meter groß werden und Männer, die 1,95 Meter überschreiten.

Bei beiden Wachstumsformen wird zudem eine Unterscheidung in normale und extreme Formen vorgenommen. Beim Kleinwuchs zählen dazu Menschen, die eine Größe von 1,50 Metern nicht erreichen. Von Gigantismus oder Riesenwuchs spricht man meist dann, wenn Menschen die Zwei-Meter-Marke sprengen.

Kleinwüchsigkeit gilt gesetzlich als Behinderung, wenn eine Größe von 1,50 Meter nicht erreicht wird. Großwuchs allein rechtfertigt keine Anerkennung als Behinderung. Es sei denn, es treten schwere körperliche Probleme auf.

Warum sind manche klein und andere so groß?

Die Größe eines Menschen wird maßgeblich durch seine Gene bestimmt. Kleine Eltern haben also in der Regel kleine Kinder, große Eltern große. Es gibt eine Formel, die bestimmt, wie groß ein Kind vermutlich werden wird: Die Körperlänge der Eltern wird addiert und durch zwei geteilt. Bei einem Jungen werden dann noch sechs Zentimeter dazugerechnet, beim weiblichen Nachwuchs werden sie abgezogen.

Demnach gibt es meist familiär bedingten Klein- und Großwuchs. Spätestens im Kindergartenalter ist deutlich zu sehen, ob ein Kind besonders klein oder groß bleiben wird, meist ist dies aber schon vorher zu diagnostizieren.

Bei den extremeren Formen des Klein- und Großwuchses gibt es unterschiedliche Ursachen. Während der Großwuchs häufig genetisch bedingt ist, seltener durch Hormonstörungen oder gar einen Tumor ausgelöst wird, gibt es rund 450 verschiedene Ursachen, die zu Kleinwuchs führen. Demnach kann eine Behandlung mit Wachstumshormonen nur bei wenigen Kleinwüchsigen greifen.

Beim Großwuchs hingegen hilft eine Hormontherapie häufiger. Hierbei wird das Wachstum mithilfe von Hormonen frühzeitig gestoppt. So können etwa zehn Zentimeter Längenwachstum verhindert werden. Allerdings kann ein Erfolg nicht garantiert werden, es kommt auch vor, dass nur zwei Zentimeter Wachstum verhindert werden. Zudem bleibt dieser Eingriff oft nicht ohne Nebenwirkungen wie schwere Akne oder Gewichtsprobleme.

Gesundheitliche Probleme

Ein Gemälde, das eine große Person darstellt

Leben in einer zu kleinen Welt

Sehr kleine und sehr große Menschen müssen nicht nur mit den psycho-sozialen Folgen ihrer körperlichen Besonderheit leben. Die Körpergrößen außerhalb der Norm bringen auch gesundheitliche Einschränkungen mit sich. So sind Rücken- und Gelenkprobleme sowie Haltungsschäden bei beiden Gruppen keine Seltenheit. Und sowohl bei Klein als auch Groß müssen Stoffwechsel und Organe Schwerstarbeit leisten.

Bei den Kleinwüchsigen ist die Hautfläche im Verhältnis zum Körpervolumen relativ groß, der Körper verliert deswegen mehr Wärme. Der Energiehaushalt braucht also viel Nachschub, das Herz muss häufiger schlagen, die Lunge schneller hecheln. Auch das Herz von Großwüchsigen braucht viel Kraft, um das Blut durch den langen Körper zu pumpen. Dies belastet natürlich Herz und Kreislauf. Außerdem ist die Beweglichkeit des Körpers eingeschränkt, da die Bewegungen mit erhöhtem Kraftaufwand verbunden sind. Frühzeitiger Organverschleiß kann die Folge sein.

Hinzu kommt, dass für sowohl Klein- als auch Großwüchsige in einer Welt mit Standardgrößen alles zu groß oder zu klein ist, was für den Körper auf Dauer sehr anstrengend ist. Man stelle sich nur vor, man würde immer auf einem Stuhl sitzen und kann seine Beine nicht abstellen, weil sie zu kurz sind. Oder aber es sitzt sich auf jedem Stuhl wie auf einem Kinderstühlchen, was die Bewegungsfreiheit enorm einschränkt.

Rekorde im Klein- und Großsein

Zwei Männer stehen nebeinander

So groß wie Robert Wadlow war und ist niemand: 2,72 Meter

Die Titel kleinster und größter Mensch wechseln häufiger ihre Träger. Und nicht jeder will oder kommt ins Guinness-Buch der Rekorde. Eine Vorgabe ist etwa, sich in regelmäßigen Abständen immer wieder messen zu lassen. Die folgenden Angaben der größten und kleinsten Menschen beziehen sich auf den September 2010.

Der bisher kleinste Mensch, dessen Größe jemals gemessen wurde, bekam erst 2012 einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde. Der damals 72-jährige Nepalese Chandra Bahadur Dangi maß nur 54,6 Zentimeter. Damit stellte er alle bis dato gemessenen Menschen um mehrere Zentimeter in den Schatten. Bis zu seiner Messung war Chandra Bahadur Dangi noch nie in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu gewesen. Wahrscheinlich wurde er deshalb erst so spät entdeckt. Im September 2015 starb der kleinste Mann der Welt während einer Reise in einem Krankenhaus in der Südsee.

Der größte lebende Mensch ist im Oktober 2015 der Türke Sultan Kösen. Der 1982 geborene Hüne ist stolze 2,51 Meter groß, damit aber noch ein ganzes Stück entfernt von dem größten Menschen der Medizingeschichte, dessen Körperlänge bisher ungeschlagen blieb.

Der 1940 verstorbene Amerikaner Robert Wadlow schoss sage und schreibe 2,72 Meter in die Länge. Er starb im Alter von nur 22 Jahren an einer Infektion. Verantwortlich für das enorme Wachstum Wadlows war ein Tumor an seiner Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), wodurch diese zu viel Wachstumshormon ausschüttete.

Die größte Frau der Welt war lange Zeit die Chinesin Yao Defen, geboren 1972. Sie maß 2,36 Meter. Genau wie beim größten Menschen Robert Wadlow wurde auch ihr abnormes Größenwachstum von einem Tumor an der Hypophyse ausgelöst. Im November 2012 starb Yao Defen an den Folgen eines Sturzes auf den Kopf.

Autoren: Melanie Kuss/Tobias Aufmkolk

Stand: 27.10.2015, 11:27

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