Höhlenwohnungen an der Loire

Höhlen als Wohnraum

Die Loire – Frankreichs größter Fluss

Höhlenwohnungen an der Loire

Erst bauten sie Stein ab, dann nutzten sie die ausgehöhlten Felsen als Wohnraum – ganz schön schlau, die Bewohner des Loiretals. Und auch heute noch wissen sie die Höhlen effektiv und gewinnbringend zu nutzen.

Kalktuff prägt das Erscheinungsbild

Am Unterlauf der Loire, vor allem in der Gegend um Tours, Saumur und Angers, wurde bereits in der Antike der poröse Kalktuff gebrochen, der das Erscheinungsbild ganzer Dörfer und Städte der Region prägt. Auch viele Loireschlösser – darunter Chambord und Chenonceau – wurden aus dem strahlend hellen Tuffeau errichtet. Der weiche Stein war leicht zu bearbeiten und eignete sich hervorragend für die feinen Schmuckformen, die die Steinmetze aus dem Tuff herausschnitten. Seinen Höhepunkt erreichte der Abbau des begehrten Kalksteins im 15. und 16. Jahrhundert. Zurück blieben ausgehöhlte Felsen, die bald zu Wohnraum und Viehställen umfunktioniert wurden. Die tiefer gelegenen Höhlen nutzte man als Keller und Lagerräume.

Alternatives Wohnen im Fels

Ursprünglich waren die Höhlen in erster Linie Wohnraum für arme Leute – inzwischen sind sie begehrte Feriendomizile, für die man mitunter etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Die meisten der Troglodyten, wie die Wohnhöhlen an der Loire genannt werden, wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgegeben. Nur hier und da sieht man noch einen Schornstein zwischen Sträuchern und Büschen aus der Erde herausragen, bisweilen auch mal eine Satellitenschüssel.

Champignonzüchtung in den Troglodyten

Pilzzüchter schätzen das Mikroklima der Höhlen

In der Regel werden die Felsenkeller, in denen die Temperatur konstant zwischen zwölf und 15 Grad Celsius liegt, heute als Lagerraum für Wein und Crémant genutzt. Auch Pilzzüchter schätzen das Mikroklima der Höhlen, in denen vor allem Champignons prächtig gedeihen. Insgesamt schätzt man das unterirdische Tunnelsystem im Loiretal auf eine Gesamtlänge von 1000 Kilometern. Dabei sind sowohl die Troglodyten berücksichtigt, die vom ebenerdigen Boden in die Tiefe gegraben wurden, als auch die aus den Hügeln herausgehauenen Hohlräume, Grotten und Stollen.

Troglodytendörfer

Das ausgeglichene Raumklima der Troglodyten, in denen es im Sommer nicht heiß und im Winter nicht kalt wird, hat dazu geführt, dass ganze Dörfer in den Fels gehauen wurden. Im Höhlendorf Rochemenier südwestlich von Saumur kann man zwei unterirdische Bauernhöfe besichtigen, deren Wohn- und Nebenräume noch mit Mobiliar und Werkzeug ausgestattet sind. Zu den insgesamt 20 Räumen, die sich über ein Areal von einem Hektar Fels verteilen, gehört auch ein Hühnerhof, in dem alte Geflügelrassen gezüchtet werden, sowie eine unterirdische Felsenkapelle. Im Troglodytendorf Trôo, westlich von Vendôme, haben sich neben zahlreichen modern eingerichteten Felsenwohnungen auch eine Wassermühle und ein in den Fels gehauenes Hospital erhalten. Darüber hinaus informiert das örtliche Museum über die ungewöhnlichen Behausungen und ihre Bewohner.

Felsenschloss Brézé

Wer das inmitten von Weinbergen gelegene Schloss Brézé südlich von Saumur aus der Entfernung sieht, wird kaum vermuten, dass der Untergrund, auf dem der prächtige Renaissancebau steht, durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse. Ein ganzes Höhlensystem von Stollen und Schächten, Gängen und Galerien durchzieht den gewachsenen Fels. Hier wurde vom 11. bis 19. Jahrhundert Tuffstein abgebaut.

Schloss Breze

Ein Schloss auf Stollen und Schächten

Die Existenz einer Burg ist seit 1063 urkundlich verbrieft. Im 15. Jahrhundert wurde der breite, bis zu zwölf Meter tiefe Graben angelegt, der das Château umgibt; im 16. Jahrhundert wurde er zum Teil auf 18 Meter abgesenkt. Bis heute ist das Schloss, das inzwischen von rund 30 Hektar Rebfläche umgeben ist, nur über zwei Zugbrücken zugänglich. Im Mittelalter wurden die Höhlen unterhalb der Burg als Verliese und Kerker, aber auch als Wirtschaftsräume und zum Schutz vor Angreifern genutzt. Nun dienen die unterirdischen Felsenkammern, in denen das ganze Jahr über eine Temperatur von zwölf Grad Celsius herrscht, vor allem dem schlosseigenen Weingut als Kelterhaus und Weinkeller. Seit dem Jahr 2000 können Besucher die unterirdischen Höhlen erkunden und sich in die über 1100-jährige Geschichte des Felsenschlosses vertiefen.

Hochkonjunktur unter der Erde

Neben Troglodytendörfern, Höhlenkirchen, Felsenkellern und unterirdischen Festungen werden die ausgehöhlten Tuffsteinfelsen im Loiretal heute als Restaurants, Weinkeller, Destillerien, Ferienwohnungen und Champignonnièren genutzt. In Saumur informiert das Musée du Champignon nicht nur über die Pilzzucht in der Region, sondern auch über den Abbau des begehrten Kalktuffs. Westlich von Saumur gibt es in den Höhlen von Dénezé-sous-Doué geheimnisvolle figürliche Reliefs zu entdecken, im benachbarten Doué-la-Fontaine gar einen ganzen Zoo. In den ehemaligen Steinbrüchen und Höhlen leben nun Giraffen und Zebras, Löwen und Tiger, Flusspferde, Rhinozerosse, Humboldtpinguine und 70 weitere bedrohte Tierarten.

Autorin: Claudia Weber

Stand: 21.03.2012, 12:00

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