Zwei-Meter-Frau Caroline Welz
Planet Wissen (PW): Wie erging es Ihnen in der Kindheit, als Sie merkten, dass Sie Gleichaltrigen über den Kopf hinaus wuchsen?
Caroline Welz (C.W.): Ich war schon immer einen Kopf größer als die anderen, schon im Kindergarten. In der Schulzeit dann sogar noch mehr als einen Kopf. Ich kenne es gar nicht, dass jemand aus meiner Altersgruppe größer ist. Die Kinder in meiner Klasse kamen auch damit zurecht, weil sie mich so kennengelernt haben. Aber Leute aus der Parallelklasse oder auf der Straße haben anders reagiert. Kinder können wirklich ganz schön gemein sein, die denken halt nicht an die Gefühle anderer. Da fällt mir folgende Geschichte ein: Als ich in der sechsten oder siebten Klasse war, sind mir die Grundschüler hinterhergelaufen und haben "Riesenbaby" geschrieen. Wenn ich mich dann umgedreht habe, sind sie schnell weggelaufen. Die waren ja vier Jahre jünger. Solche Situationen waren nicht leicht für mich. Mit meinen Freunden konnte ich nicht darüber reden, aber meine Eltern haben mich sehr unterstützt.
PW: Fällt es Ihnen heute noch schwer, durch die Fußgängerzone zu gehen und dabei viele Augen auf sich zu spüren?
C.W.: Die Blicke selbst merke ich gar nicht mehr. Was mich jedoch stört, sind Sprüche. Wenn wir zum Beispiel mit dem Fanfarenzug einen Auftritt haben und durch die Fußgängerzone laufen, dann nervt es mich sehr, wenn Bemerkungen kommen. Das kommt oft vor und es kann schon sehr nerven. Es gibt auch Leute, die fragen mich nett nach meiner Größe und dann antworte ich auch freundlich zurück, es sei denn, es ist ein schlechter Tag, an dem ich schon zu oft gefragt wurde - dann wird es mir einfach zu viel. Auf die Standard-Frage, ob ich Basketball spiele, antworte ich immer: "Nein, ich spiele Trompete!"
PW: Haben Sie aus Ihrer Körpergröße auch Stärke ziehen können?
C.W.: Definitiv. Dadurch, dass ich schon immer die Größte war, musste ich mich immer und überall durchsetzen. Die Leute haben schon immer gedacht, dass ich stark bin und das auch von mir verlangt. So baut man sich zwangsläufig Selbstbewusstsein auf. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, war ich mal mit anderen Kindern im Vergnügungspark, wir wollten auf ein Pferde-Karussell. Da sagte mir der Besitzer, das Karussell sei nur für Kinder bis zwölf Jahre. Da hab ich schrecklich geweint, als Kind versteht man das ja nicht. Aber solche Situationen haben mein Selbstbewusstsein und die mentale Stärke wachsen lassen.
PW: Haben Sie jemals eine Hormonbehandlung in Betracht gezogen?
C.W.: Meine Eltern haben mich im Alter von sieben oder acht Jahren testen lassen, sie sind ja auch recht groß, beide 1,90 Meter. Aber meine Mutter hat Rheuma, was vererblich ist und diese Krankheit kann durch Hormone ausgelöst werden. Wenn ich also in der Kindheit Hormone bekommen hätte, hätte es auch zu einem Ausbruch der Krankheit kommen können. Da haben sich meine Eltern gesagt: "Lieber ein großes gesundes Kind als ein kleineres krankes." Zumal mir bei der Untersuchung nur eine Körpergröße von 1,86 Meter plus-minus fünf Zentimeter vorausgesagt wurde. Es konnte ja keiner ahnen, dass dann 2,06 Meter daraus würden. Ausgewachsen war ich mit 17 Jahren.
PW: Hat sich Ihre Größe auf Ihre Berufswahl ausgewirkt?
C.W.: Definitiv. Ich bin froh, dass ich Schneiderin gelernt habe. So kann ich meine Kleidung selbst nähen oder gekaufte in Form bringen. Bei meiner Größe ist Kleidung nämlich meistens sackig. Derzeit mache ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Eine sitzende Tätigkeit bietet sich eben an. Langes Stehen ist für mich nämlich sehr unangenehm. Ich könnte mir auch einen Beruf mit Kindern vorstellen, wie Erzieherin, das wäre aber für mich körperliche Schwerstarbeit.
Leben abseits der "Normgrößen" (2'16'')
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PW: Sie sind gelernte Schneiderin, nähen sich viele Kleidungsstücke passend um. Wie sieht es mit dem Lieblingsstück der Frauen, mit Ihren Schuhen aus?
C.W.: Eigentlich nähe ich gar nicht mehr so gerne, jedenfalls nicht die gesamte Garderobe. Ich bin bei Mittelalterspielen aktiv und nähe mir diese Kleider selbst, in meiner Größe gibt es die ja leider nicht zu kaufen. Früher hab ich mir immer Hosen verlängern müssen, doch jetzt kaufe ich die alle in einem Kölner Geschäft für Übergrößen. In Berlin gibt es kein Geschäft, wo ich so gut Hosen finde. Da viele Sachen in so großen Größen wenig Figur haben, nähe ich mir sie ein bisschen um.
Für Schuhe kommt in Berlin für mich nur ein Geschäft in Frage, obwohl sie dort Damenschuhe nur bis Größe 46 haben - was übrigens die Regel ist. Ich habe dort zwei paar Stiefel gefunden, die trotzdem passen, ansonsten kaufe ich Herrenschuhe. Bei Turnschuhen ist das kein Problem, bei Lederschuhen muss man ganz schön suchen. Ich bin zum Beispiel schon seit zwei Jahren auf der Suche nach Schuhen für einen Rock, im Sommer möchte man ja keine Stiefel tragen.
PW: Suchen Sie die Nähe zu anderen großen Menschen? Fühlen Sie sich unter den Großen anders als unter Normalgroßen?
C.W.: Als ich ein paar Jahre in Köln gelebt habe, habe ich die Nähe zu anderen Großen gesucht, vor allem zu größeren Frauen. Dort ging das auch ganz einfach, zum Beispiel auf "Große Leute Partys". Während ich hier, in den neuen Bundesländern, das Gefühl hab, dass es keine großen Frauen gibt. Ich sehe hier jedenfalls sehr selten welche. Es ist interessant, auch große Frauen im Freundeskreis zu haben, man kann sich mit ihnen sehr gut austauschen, zusammen ausgehen, dann wird man nicht nur alleine angestarrt. Unter Meinesgleichen fühle ich mich schon wohler.
PW: Hatten Sie schon mal einen kleineren Partner? Wenn ja, wie war das für Sie?
C.W.: Mein Ex-Freund war 1,92 Meter, er ging mir etwa bis zu den Augen. Dass er kleiner war als ich, war in unserer Beziehung kein Problem. Ich finde auch nicht, dass Männer größer sein müssen als Frauen. Wenn der Größenunterschied nicht extrem ist, ist es egal, ob der Mann der Kleinere ist. Das fällt auch irgendwann gar nicht mehr auf. Ich möchte jedoch keinen Mann, der nur 1,70 oder 1,80 Meter groß ist. Das soll jetzt nicht böse klingen, aber dann würde ich mich eher wie die Mutter fühlen. Ich hatte noch nie einen Freund, der größer war als ich. Klar, die Leute gucken, sie haben meist nachgeschaut, ob ich hohe Schuhe trage, aber angesprochen wurden wir nie.
PW: Wir möchten Sie bitten, sich kurz vorzustellen, nicht mehr zu den größten, sondern zu den kleinsten Menschen zu zählen. Wie fänden Sie das?
C.W.: Ich glaube, dann wäre es für mich noch schwerer. Ich hätte weniger Selbstbewusstsein, wäre wahrscheinlich ein Mauerblümchen geworden. Groß zu sein, gibt mir auch Kraft und Stärke. Ich hab zum Beispiel keine Angst, nachts auf der Straße zu sein, mich würde bestimmt keiner angreifen. Als sehr kleiner Mensch braucht man noch mehr Mut und Stärke. Wenn mich einer doof anmacht, stelle ich mich gerade hin, gucke auf denjenigen herunter, dann wird er ganz klein mit Hut. Das kann man ja leider nicht machen, wenn man klein ist.
Melanie Kuss, Stand vom 22.09.2010






