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Trümmerfrauen

Als im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende geht, ist Deutschland eine Ruinenlandschaft. Durch Luftangriffe und Bodenkämpfe zerstört, liegen die meisten Großstädte in Schutt und Asche. Mehr als 3,5 Millionen Wohnungen sind zerstört, in den Städten liegen insgesamt rund 400 Millionen Kubikmeter Schutt herum. Weil viele Männer im Krieg gefallen sind oder in Kriegsgefangenschaft auf ihre Rückkehr warten, machen sich die überlebenden Frauen daran, die Trümmer des Krieges wegzuräumen: die Trümmerfrauen.

Ruinen in Berlin am Tiergarten. (Rechte: AKG)

Nach dem Krieg ein gewohntes Bild

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Fett für Schwerarbeiter

Ein Teil der Frauen übernimmt diese Aufgabe freiwillig, andere werden durch ein Gesetz des Alliierten Kontrollrats dazu verpflichtet. Eine harte Arbeit. Mit wenigen Werkzeugen und nur selten mit maschineller Unterstützung müssen die zerstörten Gebäude Stein für Stein weggeräumt werden. Stahlträger, Mauerreste und Balken werden von den Trümmerfrauen aus den Ruinen getragen. In kleinen Eimern reichen sie Schutt von Hand zu Hand, ziehen schwer beladene Wagen und Loren mit der eigenen Körperkraft, wenn keine Pferde oder gar Lastwagen zur Unterstützung da sind.

Schwarzweiß-Foto einer Frau mit Kopftuch. Sie sitzt auf einem Stapel Ziegelsteine und bearbeitet mit einem Werkzeug einen Stein. (Rechte: AKG)

Trümmerfrau in Berlin

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Die Trümmer des Krieges sind das Material für den Wiederaufbau. Damit die Ziegelsteine wieder verwendet werden können, muss der Mörtel mit Hämmern abgeklopft oder mit Messern abgekratzt werden. Für diese harte Arbeit werden die Trümmerfrauen mit einem Stundensatz von rund 70 Pfennig entlohnt - wenig Geld, auch für die Verhältnisse der ärmlichen Nachkriegstage. Immerhin steigen die Lebensmittelrationen für die registrierten Trümmerfrauen, die als Schwerstarbeiter im Verhältnis zu "Hausfrauen" fast die doppelte Ration Fett bekommen, etwa 400 Gramm pro Monat.

Den Trümmerfrauen stehen pro Tag außerdem 100 Gramm Fleisch und ein halbes Kilo Brot zu, mit dem sie oft genug nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder durchbringen müssen. Lebensmittel sind so knapp, dass die Versorgung in manchen Regionen für kaum mehr als 700 Kalorien pro Person und Tag reicht – nicht genug, um zu überleben. Gegessen wird alles, was nicht gerade giftig ist: Salat aus Brennnesseln, Löwenzahn und Gänseblümchen gehören auf viele Speisepläne, an besseren Tagen auch ein Gläschen "Knolli-Brandy", selbst gebrannter Schnaps aus Zuckerrüben.

Auf den Trümmern eines zerstörten Hauses kochen Frauen. (Rechte: AKG)

Frauen kochen in der Trümmerlandschaft

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Hamsterfahrten und Zigaretten

Was über Lebensmittelkarten nicht verfügbar ist, muss zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt organisiert werden. Hier kann ein Pfund Butter mehr als 200 Mark kosten. Für die meisten Frauen ist das unerschwinglich, es sei denn, sie können Tauschware anbieten: Zigaretten zum Beispiel, die heimliche Währung der Schwarzhändler. Für ein paar Stangen amerikanischer Zigaretten kann man sogar fahrtüchtige Autos eintauschen.

Das Einkaufen auf dem Schwarzmarkt, Hamsterfahrten aufs Land, die Suche nach geeigneten Schlafplätzen, das Herstellen von Kleidung aus alten Decken und Uniformen - all dies geschieht neben der täglichen Arbeit in den Trümmerlandschaften. Manche Frauen überleben ihre Einsätze nicht: Einstürzende Gebäude und fehlender Arbeitsschutz machen die Aufräumarbeiten zu einem gefährlichen Unterfangen.

Trotz dieser schwierigen Bedingungen sind allein in Berlin bis zu 60.000 Frauen mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Darunter Frauen aus Arbeiterfamilien und ehemals reiche Damen der feinen Gesellschaft. Junge Mädchen, die gerade aus der Schule entlassen worden waren und viele Frauen, die mit den pseudo-idyllischen Familienbildern der Nazi-Ideologie groß geworden sind und jetzt ihre Kinder allein erziehen müssen, weil ihre Männer im Krieg gefallen sind.

Die soziale Gemeinschaft der Trümmerfrauen ist prägend für die Jahre der Nachkriegszeit. Die Frauen, die sich täglich auf den "Enttrümmerungsstellen" treffen, tauschen sich hier über die aktuellen politischen Ereignisse und die neuesten Lageberichte vom Schwarzmarkt aus. In den Trümmern werden Informationen und Rezepte weitergegeben – nicht nur für die dürftige Nachkriegsküche, sondern auch für das psychische Überleben unter der extrem hohen Belastung jener Jahre.

Von der Bauarbeiterin zur Hausfrau

Ende der 1940er Jahre übernehmen nach und nach neue Baufirmen die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau der zerstörten Städte. Die Trümmerfrauen sind immer seltener Bestandteil des alltäglichen Straßenbilds, denn an den Hebeln und Lenkrädern von Baggern, Lokomotiven und Lastwagen sitzen jetzt wieder Männer.

Das Wirtschaftswunder tilgt die Kultur der hart arbeitenden, selbständigen Frauen vollends. Zwar wird das Bild selbstloser, tapferer Trümmerfrauen zu einem heroischen Symbol für das Rückgrat des Wiederaufbaus, aber für Jahrzehnte bleibt es bei der traditionellen Rollenverteilung: Der Mann geht zur Arbeit, die Frau führt daheim den Haushalt. Und erst im Jahr 1987 gibt es in Form einer Rentenerhöhung auch eine kleine materielle Anerkennung für die Trümmerfrauen, die noch leben.

Malte Linde, Stand vom 12.01.2012

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