Heinz Erhardt

Hein Erhardt mit einer Kamera um den Hals.

Humor im Wirtschaftswunder

Heinz Erhardt

Von Markus Schall

Heinz Erhardts erfolgreiche Karriere als Komiker begann mit einer Geschichte, die ihm ein Schriftsteller nicht besser hätte auf den Leib schreiben können: Im Mai 1938 – Heinz Erhardt war 29 Jahre alt – ergatterte er in Berlin einen Termin bei Sperlichs Künstleragentur. Sie hatte den Kabarettisten Peter Igelhoff an die Kaiserkrone in Breslau vermittelt, doch Igelhoff war erkrankt und der Agentur drohte eine Vertragsstrafe, wenn nicht kurzfristig ein Ersatz beschafft würde. Dieser Ausfall Igelhoffs bescherte Erhardt einen Vertrag für mehrere Vorstellungen an der renommierten Kaiserkrone.

Der Auftakt war ein Desaster

Die erste Vorstellung Erhardts war ein Desaster. Das Publikum buhte ihn aus und protestierte lauthals, denn sie wollten den bekannten Peter Igelhoff sehen. Erhardt war sehr enttäuscht und am Abend der zweiten Vorstellung blieb er – vielleicht aus Kummer – im Bett und verschlief beinahe.

"Man fand mich schnarchend im Bett, rüttelte mich wach und scheuchte mich in die Kaiserkrone. Mir war alles egal. Und so schlich ich mich verschlafen, mit tieftraurigem Gesicht auf die Bühne und spulte mein Programm ab. Die Leute schrien vor Lachen."

Erhardt hatte seinen Stil gefunden. Sein trotteliges Gesicht, der Schlafzimmerblick, seine scheinbar spontanen Einfälle waren von nun an seine Markenzeichen. Heinz Erhardt wurde einer der beliebtesten Stars der Wirtschaftswunderjahre.

Zwischen Riga, St. Petersburg und Deutschland

Heinz Erhardt wurde am 20. Februar 1909 in Riga geboren, der heutigen Hauptstadt Lettlands. Kurz darauf trennten sich seine Eltern. Seine Mutter zog nach St. Petersburg und der Vater ließ sich in Deutschland nieder, um als Kapellmeister zu arbeiten.

So wuchs er überwiegend bei seinen Großeltern Paul und Henriette Nelder auf. Die kümmerten sich fürsorglich um den kleinen Heinz, wie sich Erhardt rückblickend erinnert: "Während in jenen Tagen Mütterchen Rußland von Väterchen Zar beherrscht wurde, wuchs ich ziemlich unbeherrscht bei meinen Großeltern auf (...). Sie waren so gut zu mir, daß es schon wieder schlecht war."

Dennoch bedauerte er es, dass er von seinen Eltern immer wieder "entführt" wurde, wie er es später selbst nannte. Seine Mutter holte ihn als Sechsjährigen nach St. Petersburg, doch kurze Zeit später bekam er solches Heimweh, dass er wieder zu seinen Großeltern durfte.

Vier Jahre später musste er Riga erneut verlassen. Sein Vater war inzwischen ein angesehener Dirigent, der in ganz Deutschland Auftritte hatte, und nahm seinen Sohn bei sich auf. Heinz Erhardt bekam eine seriöse Musikausbildung, komponierte und dirigierte bereits als 13-Jähriger ein Freiluftkonzert von Haydns Kindersinfonie.

Zwei Jahre später kehrte er schließlich wieder zu seinen Großeltern nach Riga zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sage und schreibe 15-mal die Schule gewechselt. "In der Schule war kein Fortkommen – also machte ich, daß ich fortkam." Er verließ die Schule ohne Abschluss.

Die Anfänge in Berlin

Stattdessen wollte Heinz Erhardt professioneller Pianist werden. Sein Großvater jedoch, ein Musikalienhändler, sah in ihm seinen Geschäftsnachfolger und schickte ihn in ein Leipziger Musikgeschäft, wo er eine kaufmännische Lehre begann. Statt Klaviere zu verkaufen, spielte er lieber selbst darauf und sang eigene Lieder dazu. Nebenbei studierte Erhardt am Konservatorium Klavier und Komposition.

Nach dem Tod des Großvaters im Jahre 1929 übernahm sein Stiefvater das Geschäft, in dem Heinz Erhardt weiterhin für einen bescheidenen Lohn angestellt war. Doch Heinz Erhardt zog es weg. Seine Frau, die er 1934 kennenlernte, und die ersten kleinen Bühnenerfolge als musikalischer Humorist ermutigten ihn, 1938 nach Berlin zu gehen und sein Glück als Schauspieler zu versuchen.

Nach seinem Anfangserfolg in Breslau engagierte ihn im Herbst Willi Schaeffers am legendären Kabarett der Komiker. Ein großer Auftritt in der Scala vor 3000 Zuschauern und eine Tournee durch ganz Deutschland folgten. Der Durchbruch war endgültig geschafft.

1941 wurde Erhardt zur Wehrmacht einberufen. Als Mitglied des Marine-Musikkorps und Truppenbetreuer blieb ihm der Krieg an der Front erspart. Seine Frau und die Kinder flohen über Polen nach Schleswig-Holstein.

Superstar der ersten Generation

Nach dem Krieg versuchte er einen Neuanfang beim Hörfunk. Beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) moderierte er die Sendung "So was Dummes", die schlagartig zum Erfolg wurde. Er trat wieder im Theater auf und später in vielen Fernsehproduktionen und insgesamt 39 Kinofilmen.

Das Publikum liebte diesen ganz normalen, etwas spießigen und verklemmten Musterbürger, den er auf Bühne und Leinwand verkörperte. Sie liebten den pseudo-autoritären Typ, den er darstellte und zugleich bis aufs Bodenloseste lächerlich machte.

Heinz Erhardt in einer seiner Filmkomödien

Star zahlreicher Komödien wie "Mein Mann, das Wirtschaftswunder"

Der Star am Zenit seines Erfolges gönnte sich keine Pause. Er war immer unterwegs. Seine Familie, allen voran die Kinder, sahen ihren Vater nur noch selten und erinnern sich: "Im Grunde hat er eigentlich nur gearbeitet. Zum Beispiel, wenn wir zusammensaßen oder wenn wir Besuch hatten, dann war er plötzlich mal eine Weile verschwunden, dann saß er am Schreibtisch und hat irgendwas notiert (...). Er war immer mit den Gedanken bei seinem Beruf – immer."

Jäh beendete ein Schlaganfall im Dezember 1971 seine Karriere. Die letzten siebeneinhalb Jahre seines Lebens war Heinz Erhardt halbseitig gelähmt. Ihm widerfuhr wohl mit das Schlimmste, was einem Sprachakrobaten wie ihm passieren kann: Er war nicht mehr fähig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.

An seinem 70. Geburtstag bekam er das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Dreieinhalb Monate später, in der Nacht zum 5. Juni 1979, starb Heinz Erhardt. Doch er lebt in seinen Texten und Filmen weiter. Heinz Erhardt bleibt Kult – auch noch im 21. Jahrhundert.

Heinz Erhardt am Schreibtisch

Heinz Erhardt lebte voll und ganz für seinen Beruf

Stand: 13.06.2019, 17:15

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