Die Krupps und die Mächtigen

Innenaufnahme einer Werkshalle bei Krupp, in der Arbeiter eine Schiene bearbeiten.

Die Krupps

Die Krupps und die Mächtigen

Für einen Produzenten von Waffen- und Eisenbahnteilen wie Krupp gehörte der Staat stets zu den wichtigsten Kunden. Dementsprechend suchten die Krupps die Nähe der Mächtigen und profitierten davon – bis sie ihnen im Dritten Reich zum Verhängnis wurde.


Selbstverständnis als unpolitische Unternehmer

Seit ihre Firma wirtschaftlich erfolgreich war, wurde den Krupps eine besondere Staatsnähe nachgesagt. Dennoch bestanden die jeweiligen Inhaber auf ihrer Position als unpolitische Geschäftsleute.

Vor dem wirtschaftlichen Durchbruch war das anders: Mitte des 17. Jahrhunderts waren die wichtigsten politischen Ämter der Stadt Essen fest in Händen der Kaufmannsfamilie Krupp.

Auch Friedrich Krupp, der Begründer der Stahl-Dynastie, wagte sich auf das kommunalpolitische Parkett. Sein Sohn Alfred dagegen war der Auffassung, dass Politik und Geschäft sich nicht vertragen. Diese Grundeinstellung blieb auch in den nächsten drei Generationen, mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, bestehen.

Gespräche über Politik innerhalb der Familie wurden in der vierten Krupp-Generation von Gustav Krupp von Bohlen angeblich mit den Worten "Hier wird nicht politisiert!" unterbunden.

Sein Sohn Alfried lehnte nach dem Zweiten Weltkrieg jede politische Motivation für sein Handeln ab: "Wir Kruppianer haben uns nie um Ideen gekümmert. Wir wollten ein System, das gut funktioniert und das uns eine Gelegenheit gab, ungestört zu arbeiten. Politik ist nicht unsere Sache."

Doch auch wenn die Krupps kein Interesse hatten, aktiv in die Politik einzugreifen: Sie verstanden es, sich an die jeweils herrschenden politischen Verhältnisse anzupassen und sie in ihrem Sinn zu nutzen, egal, welche Ziele die jeweiligen Machthaber verfolgten.

Der Staat als Geschäftspartner

Alfred Krupp versprach sich wirtschaftliche Vorteile von einer engen Bindung seiner Firma an den Staat. Er wollten bevorzugt behandelt werden und pochte auf die große Bedeutung seiner Firma für gesellschaftlich wichtige Bereiche wie Eisenbahn und Militär.

1853 besuchte der preußische Prinz und spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. die Krupp-Werke in Essen. Sechs Jahre später erhielt Krupp einen Auftrag des preußischen Kriegsministeriums zur Herstellung von 300 Kanonenrohrblöcken. Für Krupp war dieser Auftrag der Beginn der Waffenproduktion im großen Stil.

Bisher hatte die Waffenproduktion immer in den Händen des Staates gelegen. Krupp brach nun dieses Monopol. In der Öffentlichkeit galt die Firma ab diesem Zeitpunkt als besonders staatsnah.

Kaiser Wilhelm I.

Unter Wilhelm I. galt die Firma als besonders staatsnah

Und diese Nähe wusste Alfred Krupp zu nutzen: So überzeugte er den späteren Kaiser Wilhelm davon, sein Patent auf das nahtlose Eisenbahnrad zu verlängern; der Handelsminister hatte diesen Antrag zuvor abgelehnt. Krupps Argument: Er brauche das Geld, um die kostspielige (und bis dahin keinen Gewinn bringende) Kanonenproduktion aufrecht zu erhalten.

In der Schlacht bei Königgrätz kämpfte 1866 Österreich gegen Preußen. Beide Parteien benutzten Krupp-Kanonen. Krupp hatte abgelehnt, die Lieferung an Österreich zu stoppen, weil der Auftrag vor Beginn des Konflikts vorgelegen hatte. An Kriegsminister von Roon schrieb er: "Von den politischen Verhältnissen weiß ich sehr wenig; ich arbeite ruhig fort, und kann ich das nicht ohne Störung der Harmonie zwischen Vaterlandsliebe und Ehrenhaftigkeit, so gebe ich die Arbeit ganz auf [...]."

Der Pakt mit Kaiser Wilhelm II.

Den nächsten Krupp, Friedrich Alfred, verband ein freundschaftliches Verhältnis mit dem nächsten Kaiser, Wilhelm II. Er verhalf Krupp zu Aufträgen und trug zum guten Ruf der Firma im Ausland bei. In der Villa Hügel hatte der Kaiser seine eigenen Schlafgemächer.

Wilhelm II. beeinflusste auch die Firmenpolitik. Der Kauf der Germania-Werft in Kiel (anfangs jahrelang nicht profitabel) geschah auf seinen Wunsch hin: Er wollte eine starke Flotte aufbauen.

Friedrich Alfred Krupp stieg sogar selbst in die Politik ein und wurde 1893 zum Reichstagsabgeordneten für die kaisertreuen Nationalen gewählt. Dass er der Vermischung von politischen und geschäftlichen Interessen beschuldigt wurde, ist durchaus verständlich: Im Hintergrund engagierte er sich für die Bewilligung von Kaiser Wilhelms Flottenplänen durch das Parlament.

Schwarzweiß-Porträt von Kaiser Wilhelm II.

Wilhelm II. war ein gern gesehener Gast auf dem Hügel

Auch nach Friedrich Alfreds plötzlichem Tod 1902, dem Anschuldigungen über angebliche homosexuelle Kontakte des Firmenchefs vorangegangen waren, blieb Wilhelm II. den Krupps eng verbunden. Er führte Krupps Trauerzug an und rettete so den Ruf von Witwe Margarethe und den Töchtern.

Bei der Suche nach einem geeigneten Ehemann für die älteste Tochter und Alleinerbin Bertha soll Wilhelm II. ebenfalls seine Hände im Spiel gehabt haben. Sein "Namensvermehrungsbrief" ermöglichte dem Bräutigam, Gustav von Bohlen und Halbach, den Namen Krupp seinem eigenen voranzustellen und so die Dynastie weiterzuführen.

Das Verhältnis zu Hitler

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach konnte sich zunächst nicht für Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Politik begeistern. Er galt weiterhin als Befürworter einer konstitutionellen Monarchie; Hitlers Ideologie und Stil missfielen ihm. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann er aber, sich mit den neuen politischen Verhältnissen zu arrangieren.

Laut dem Versailler Vertrag durfte Krupp nach dem Ersten Weltkrieg keine Waffen mehr produzieren. Unter der Hand kooperierte der Konzern aber mit Firmen im Ausland, die Waffen mit Krupp’schen Plänen und Ingenieuren produzierten.

Ab Mitte der 1920er Jahre wurden, als "landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge" getarnt, Pläne für Panzer entwickelt. Das Reichswehrministerium war darüber informiert. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach sprach später von der "Genugtuung, dem Führer melden zu können, dass Krupp nach geringer Anlauffrist für die Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes [...] bereitstehe".

Adolf Hitler (Mitte) und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (rechts) gehen über eine Straße des Krupp-Konzerns; hinter ihnen sind Polizisten und Zuschauer.

Führerbesuch im "nationalsozialistischen Musterbetrieb" Krupp

Der Name Krupp war für Hitler auch zu propagandistischen Zwecken wichtig. Deshalb unterzeichnete er die sogenannte "Lex Krupp", die es Gustavs Sohn Alfried ermöglichte, alleiniger Erbe des Unternehmens zu werden. Alleiniger Herr im Hause Krupp war er deshalb aber nicht. Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1943 Firmenchef wurde, wurden die Krupp-Werke bereits zum Großteil von der NS-Führung geleitet.

Der Umgang mit den Krupps nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach Kriegsende lagen die Krupp-Werke und große Teile von Essen in Trümmern. Alfried Krupp saß in Haft, die Stadt Essen distanzierte sich von ihren berühmtesten Einwohnern: 1946 wurden Gustav und Bertha Krupp die Ehrenbürgerrechte aberkannt.

Archivbild: Alfried Krupp (links) und Krupp-Direktoren auf der Anklagebank in Nürnberg.

Alfried Krupp (links): Angeklagt als Kriegsverbrecher

15 Jahre später kam es wieder zu einer öffentlichen Annäherung zwischen Essen und Krupp: Zum 150-jährigen Bestehen der Firma wurde Alfried Krupp 1961 mit dem städtischen Ehrenring ausgezeichnet. Die Jubiläumsrede hielt der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss.

Zur Wahrnehmung Krupps nach dem Zweiten Weltkrieg sagte er: "Ich will das ganz drastisch ausdrücken: die Vorstellung, als ob die Prokura und das Konstruktionsbüro bei (den Rüstungsfirmen, Anmerkung der Redaktion) Schneider-Creusot, bei Skoda [...] und so fort himmlischen Engeln anvertraut sei, während die entsprechenden Baulichkeiten bei Krupp eine Dependance der teuflischen Hölle seien. Herstellung von Waffen ist durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte [...] ein ganz einfacher historischer Tatbestand, den man gewiss bedauern mag. Aber man schafft ihn damit nicht aus der Welt."

Auch im Ausland wurde Krupp in den 1960er Jahren wieder weniger negativ wahrgenommen. In der Villa Hügel wurden wieder Staatsoberhäupter empfangen.

Autorin: Tina Heinz

Stand: 26.06.2018, 09:54

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