Die Familiendynastie der Wagners

Cosima Wagner

Richard Wagner

Die Familiendynastie der Wagners

Inzwischen hat die vierte Generation der Wagners bei den Bayreuther Festspielen das Sagen. Eine Herkulesaufgabe. Das Erbe Richard Wagners zu verwalten und der Zeit anzupassen, ist schon schwierig genug. Doch Intrigen, Skandale, Streitigkeiten und die fatale Nähe eines Teils der Familie zu Hitlers NS-Regime tun ihr Übriges, um die Wagners zu einer der meistbeobachteten und umstrittensten Familiendynastien Deutschlands zu machen.

Cosima führt das Erbe ihres Mannes fort

Nach Richard Wagners Tod am 13. Februar 1883 übernimmt seine Witwe Cosima die Leitung der Bayreuther Festspiele und die Herrschaft über den Familiensitz Haus Wahnfried. Wagner hinterlässt kein Testament, und Cosima muss sich gegen viele Kritiker zur Wehr setzen.

Wagners Geldgeber wollen ein Mitspracherecht am Grünen Hügel in Bayreuth, auf dem das Festspielhaus errichtet wurde. Doch Cosima, die anfangs nicht ernst genommen wird, setzt sich durch.

1886 gibt sie ihr Regiedebüt bei "Tristan und Isolde". Sie achtet bei allen Aufführungen auf eine hohe Werktreue und sieht sich als "Gralshüterin" des Vermächtnisses ihres Mannes. Sämtlichen Versuchen, die Festspiele und Wagners Werke modernen Einflüssen zu öffnen, schiebt sie rigoros einen Riegel vor.

In Cosimas Amtszeit als Leiterin bis 1906 müssen die Festspiele, die jährlich geplant sind, neun Mal ausfallen – Finanzierung und Organisation sind nicht gesichert. Und auch die Aufführungen, die zustande kommen, finden oft vor halbleeren Rängen statt. Denn Wagners Werke werden inzwischen auf allen großen Bühnen gespielt, und viele Besucher scheuen die Reise in die Provinz nach Bayreuth.

1908 leitet Wagners Sohn Siegfried zum ersten Mal die Festspiele, nachdem seine Mutter ihn als Nachfolger aufgebaut hat. Siegfried führt zunächst die Linie seiner Mutter fort, die im Hintergrund der Bayreuther Kulissen weiter die Fäden zieht.

Fotografie von Siegfried Wagner.

Siegfried übernimmt 1908 die Leitung der Festspiele

Familienstreitigkeiten und Begeisterung für das NS-Regime

Als Siegfried zum Chef am Grünen Hügel wird, fühlt sich Richards älteste Tochter Isolde übergangen. Sie fordert mehr Einfluss und Mitsprache für sich und ihren Mann, den Regisseur Franz Beidler. Da sowohl Siegfried als auch Wagners andere Tochter Eva noch kinderlos sind und Isolde seit 1901 einen Sohn hat, der schon als Kind musikalisches Talent zeigt, sieht sie ihren Familienzweig als einzig möglichen Nachfolger.

Doch Cosima und Siegfried bleiben hart. Beidler und Isolde werden zu "Unpersonen" erklärt und dürfen sich bei den Festspielen und im Haus Wahnfried nicht mehr blicken lassen.

Isolde lässt nicht locker: Sie zieht 1914 vor Gericht, um ihre Ansprüche zu sichern – und verliert. Da Cosima zum Zeitpunkt von Isoldes Geburt noch mit Hans von Bülow verheiratet war, gilt Isolde offiziell als sein Kind. Die einzige, die die Wahrheit bezeugen könnte, ist Cosima.

Doch die schweigt und leugnet somit das offene Geheimnis, das 50 Jahre von der Familie gelebt wurde: dass Isolde eine Wagner ist. Die gesundheitlich angeschlagene Isolde ist tief getroffen, sie stirbt 1919.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bedeutet das vorzeitige Ende für die Bayreuther Festspiele. Nach acht von geplanten 22 Aufführungen muss abgebrochen werden, was der Familie ein hohes Defizit in der Kasse beschert. Siegfried, dem nachgesagt wird, er sei homosexuell, heiratet auf Drängen seiner Mutter 1915 die Britin Winifred Williams, mit der er vier Kinder bekommt: Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena.

Es dauert zehn Jahre, bis die Festspiele wieder starten. Siegfried versucht die Festspiele zu modernisieren, um mehr Zuschauer anzulocken. Gleichzeitig etabliert sich das Haus Wahnfried aufgrund der Nähe verschiedener Familienmitglieder zum Nationalsozialismus als Hort des Nationalismus und der Deutschtümelei.

Nachdem sowohl Siegfrieds als auch Cosimas 1930 gestorben sind, hat Winifred in Bayreuth das Sagen. Dank ihrer guten Beziehungen zum NS-Regime kann der Festspielbetrieb bis 1944 aufrechterhalten werden, wenn auch immer unverhohlener als Propaganda-Instrument für Adolf Hitler und dessen Partei.

Lediglich Friedelind distanziert sich vom Hitler-Regime und somit von ihrer Familie. Sie zieht nach Amerika, wo sie an Anti-Nazi-Propaganda arbeitet und dem Geheimdienst hilft, ein psychologisches Profil von Hitler zu erstellen.

Siegfrieds Frau Winifred Wagner und ihre vier Kinder 1938

Guter Kontakt zu Hitler und den Nazis

"Neu-Bayreuth" und der Weg in die Moderne

Nach dem Zweiten Weltkrieg stehen die Wagners vor dem Nichts: Wahnfried und das Festspielhaus werden beschlagnahmt, Friedelind enthüllt in einem Buch Details über die Nähe der Familie zu Hitler. Doch den Alliierten macht der weitläufige Komplex zu viel Mühe, und so wird der Grüne Hügel der Stadt Bayreuth treuhänderisch überantwortet.

Nachdem ihr Entnazifizierungsverfahren mit einer milden Strafe ausgeht, bekommt Winifred 1949 ihr Vermögen zurück. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sie die Führung der Festspiele aufgibt. Ihre Söhne Wieland und Wolfgang übernehmen die Leitung und lassen trotz vieler finanzieller und organisatorischer Schwierigkeiten 1951 die Festspiele wieder aufleben.

"Neu-Bayreuth" bricht mit vielen Traditionen. Die Inszenierungen werden spartanischer und moderner, mit Dirigenten wie Herbert von Karajan oder Karl Böhm kommt frischer Wind.

Doch familienintern halten die Differenzen an. Verena und die nach Deutschland zurückgekehrte Friedelind verlangen mehr Einfluss auf das Geschehen am Grünen Hügel, Wieland und Wolfgang reden kaum mehr miteinander, Wolfgangs Sohn Gottfried überwirft sich aufgrund der Nazi-Vergangenheit komplett mit seiner Familie.

Als Wieland 1966 stirbt, steht dem Grünen Hügel abermals eine ungewisse Zukunft bevor. Galt er doch als kreativer Macher, der Wagners Werk in die Moderne überführte und so viele Vorlagen für die Oper der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lieferte. Seinem Bruder Wolfgang, der nach Wielands Tod alleine über den Grünen Hügel herrscht, wird das nicht zugetraut, er gilt eher als Geschäftsmann und Manager denn als Künstler.

Doppelspitze der Urenkelinnen

Doch Wolfgang wird der Wagner mit der längsten Amtszeit auf dem Grünen Hügel. 1973 überführt er das Familienunternehmen in eine Stiftung, an der unter anderem der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und die Familie Wagner beteiligt sind. Auch künstlerisch trifft er wegweisende Entscheidungen. Zum hundertjährigen Jubliläum der Festspiele 1976 engagiert er Patrice Chéreau als Regisseur und Pierre Boulez als Dirigent des "Jahrhundertrings".

Die Premiere wird von großen Protesten begleitet, es bilden sich sogar Bürgerinitiativen gegen die moderne Interpretation. Inzwischen gilt die Inszenierung jedoch als Klassiker. In den folgenden Jahrzehnten gibt Wagner immer wieder bekannten Film- und Theaterregisseuren wie Werner Herzog, Christoph Schlingensief oder Heiner Müller die Möglichkeit, auf dem Grünen Hügel Regie zu führen.

Doch zu den kreativen Höhepunkten kommen gegen Ende des Jahrtausends wieder familiäre Streitigkeiten: Der inzwischen 80-jährige Wolfgang hat immer häufiger Probleme mit der Gesundheit, worauf sich die Festspielstiftung auf die Suche nach einem Nachfolger macht.

Nach vielen Diskussionen fällt die Wahl 2001 auf Eva Wagner-Pasquier, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe. Doch Wagner, der seine zweite Ehefrau Gudrun als Nachfolgerin installieren will, stellt sich quer. Er beruft sich auf seinen lebenslang gültigen Vertrag als Festspielleiter und bleibt im Amt.

Als Gudrun Wagner 2007 überraschend stirbt, nähern sich Wolfgang und Eva wieder an. Am 1. September 2008 tritt Wagner als Festspielleiter zurück. Seine Nachfolge übernehmen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, seine Töchter aus erster und zweiter Ehe. Der Grüne Hügel bleibt somit weiterhin fest in der Hand der Wagners.

Die Leiterinnen der Richard-Wagner-Festspiele, Eva Wagner-Pasquier (r.) und Katharina Wagner

In vierter Generation

Autor: Ingo Neumayer

Weiterführende Infos

Stand: 11.06.2018, 11:00

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