Stiefeltern

Eine Frau, ein Mann und drei Kinder rennen über eine Wiese

Patchwork-Familien

Stiefeltern

Plötzlich Stiefvater oder Stiefmutter zu sein ist eine große Aufgabe. Viele Zweitfamilien zerbrechen an den Konflikten, die durch das komplexe Beziehungsgefüge in einer Patchwork-Familie entstehen können. Zu einer großen Herausforderung wird für viele Stiefmütter und -väter auch die Auseinandersetzung mit dem weit verbreiteten negativen Image von Stiefeltern.

Die böse Stiefmutter

"Und wie das Kind geboren war, starb die Königin. Nach einem Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin…" - so beginnt Schneewittchens Leidensweg. Die "böse Stiefmutter" ist ein häufiges literarisches Motiv, nicht nur in alten Volksmärchen. Das macht es für viele ganz reale Stiefmütter schwer, sich in ihrer neuen Rolle zurechtzufinden.

Weil der Mythos der bösen Stiefmutter so stark ist, stehen Stiefmütter unter einem besonders hohen Erwartungsdruck. Oft haben sie das Gefühl beweisen zu müssen, dass die Redewendung von der "stiefmütterlichen Behandlung" in ihrer Familie fehl am Platz ist. Sie bemühen sich im Umgang mit den Stiefkindern besonders liebevoll, besonders aufmerksam und freundlich zu sein und laufen in eine Falle: Bei den meisten Kindern führt ein zu rasches und intensives Bemühen um Zuneigung zu Abwehr.

Aus der "Supermutter" wird dann in manchen Fällen doch die böse Stiefmutter, die sie nie sein wollte: Eine überforderte Frau, die lange vergeblich um die Anerkennung und Liebe der Kinder gekämpft hat und sich schließlich innerlich vor ihnen verschließt.

Stiefväter haben es leichter

Familientherapeuten haben festgestellt, dass überbemühte Stiefmütter weit häufiger vorkommen als überbemühte Stiefväter. In der wissenschaftlichen Literatur heißt es, dass es Stiefvätern im Allgemeinen leichter fällt als Stiefmüttern, eine gute Beziehung zu den Kindern zu entwickeln.

Paradoxerweise liegt dies auch darin begründet, dass Stiefväter meist mit weniger Eifer in ihre neue Rolle schlüpfen. Durch diese Zurückhaltung fühlen sich die Kinder weniger bedrängt und es fällt ihnen leichter, den neuen Erwachsenen im Haus als Partner des Elternteils zu akzeptieren.

Böse Stiefväter

Ein älterer Mann sitzt auf einem Bett. Im Arm hält er ein kleines blondes Mädchen, im Hintergrund ist ein großes Puppenhaus zu sehen.

Mehr Erfolg durch weniger Eifer?

Der böse Stiefvater ist kein häufiges Märchenmotiv, auch deshalb, weil Männer lange Zeit keinen so engen Kontakt zu den Kindern ihrer Familie hatten wie Frauen. Dennoch ist die Gesellschaft auch Stiefvätern gegenüber oft misstrauisch. Während bei Stiefmüttern die Sorge vor Vernachlässigung der Kinder ausschlaggebend ist, steht bei Stiefvätern die Angst vor körperlichem und seelischem Missbrauch der nicht-leiblichen Kinder im Mittelpunkt.

Tatsächlich haben Studien immer wieder festgestellt, dass das Missbrauchsrisiko in Familien durch einen Stiefvater höher ist als durch einen leiblichen Vater. Das fehlende Inzesttabu, das normalerweise in der Kleinkindphase verinnerlicht wird, wird hier oft als Grund angegeben. Falls der Stiefvater deutlich jünger ist als die Mutter, besteht auch die Gefahr, dass die Generationengrenze nicht genug Schutz bietet.

Eine mögliche Erklärung könnte jedoch auch sein, dass Missbrauch in Stieffamilien nicht öfter vorkommt, sondern nur öfter gemeldet wird, da sich die missbrauchten Kinder dem Stiefvater gegenüber weniger zu Verschwiegenheit verpflichtet fühlen.

Das biologische Band

Eine junge dunkelhaarige Frau rennt durch einen Park. An der Hand hat sie ein rothaariges kleines Mädchen, das bewundernd zu ihr aufschaut.

Um sich gut zu verstehen, muss man nicht verwandt sein

Elternverhalten ist stark an biologische Verwandtschaft gebunden. In eigene Kinder wird deshalb mehr investiert als in Stiefkinder - so sehen es die Vertreter der evolutionären Theorie. Die emotionale Bindung zu einem eigenen Kind ist tatsächlich eine andere: Weil die gemeinsame Geschichte von Elternteil und Stiefkind nicht bei der Geburt, sondern erst später beginnt, sind Grundvertrauen und auch die körperliche Nähe zueinander weniger stark ausgeprägt als bei eigenen Kindern.

Andererseits erleben Stieffamilien eine neue Geschichte und schaffen sich ihre eigene Vergangenheit. Manche wachsen so eng zusammen, dass spätere Erfahrungen die biologische Grundlage der Beziehung überlagern. Blutsverwandtschaft ist also keine Grundvoraussetzung für den liebevollen Umgang in einer Familie.

Autorin: Christine Buth

Weiterführende Infos

Stand: 09.05.2016, 10:58

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