Liebe gegen alle Regeln

Nahaufnahme zweier Hände, die sich über einen Café-Tisch hinweg festhalten.

Liebesgeschichten

Liebe gegen alle Regeln

Von Sine Maier-Bode

Zu allen Zeiten gab es Liebende, die die Gesellschaft empörten. Vielleicht sind die größten Liebesgeschichten gerade die, mit denen man am wenigsten gerechnet hätte. Denn Liebe kennt keine Grenzen und wird erst dann so richtig bewegend, wenn sie allen Widrigkeiten trotzt.

Rainer Maria Rilke und Lou André Salomé

Sie ist 36, er 21. Als der junge Student sich in die verheiratete Schriftstellerin verliebt, glaubt keiner daran, dass daraus etwas werden kann. Lou ist zu selbstbewusst, zu rege im Geist, zu freiheitsliebend, als dass sie ein Interesse an dem jungen Dichter haben könne – meint jedenfalls die Münchner Gesellschaft, in der die beiden verkehren.

Doch niemand hat mit der Hartnäckigkeit des jungen Verliebten gerechnet. Rilke mit seinem fliehenden Kinn und der jugendlichen Schlaksigkeit ist nicht gerade das, was man gemeinhin einen anziehenden Mann nennt. Doch es sind nicht seine Gedichte, die Lou überzeugen, es ist der Mann Rilke selber, von dem sie sich erobern lässt.

Drei Jahre lang erleben die beiden eine Liebesgeschichte voller Erotik, voller Träume und gemeinsamer Arbeit. Aber die Liebe ist ihnen gleichzeitig zu viel und nicht genug.

Lou verlässt Rilke, damit beide ihre Leidenschaft wieder mit aller Kraft der Kunst und der Erkenntnis widmen können. Die Freundschaft der beiden aber währt bis zum Tode des Dichters im Jahre 1926.

Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salome

Rainer Maria Rilke (1906) und Lou Andreas-Salome (ca. 1900)

Edward VIII. und Wallis Simpson

Am 3. Juni 1937 heiratet der rechtmäßige König von England Edward VIII. die bürgerliche, zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson, doch da hat er schon abgedankt. Eine der schönsten Ereignisse der Regenbogenpresse, denn hier verzichtet jemand auf das Königreich und heiratet stattdessen die Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen soll. Kennengelernt haben sie sich schon Jahre zuvor.

Sie sind das spektakulärste Liebespaar der 1930er Jahre: Wallis Simpson, damals noch verheiratet, und der junge Thronanwärter. Aber solange er "nur" Prinz und Herzog von Wales ist, kümmert sich niemand darum.

Erst als 1937 Georg V. stirbt und Edward auf den Thron steigt, wird diese Liaison zu einem Politikum. Entweder das Königreich oder diese Frau, heißt es – und weil Edward sich für seine Frau entscheidet, wird er fortan vom Hofe gemieden. Der Preis, so sagt er auch später noch, war ihm nie zu hoch.

Eduard VIII. und Wallis Simpson

Ein Königreich für die Liebe

Verlaine und Rimbaud

Es ist eine der aufregendsten Liebesgeschichten der Literaturgeschichte und eine der tragischsten. 1871 reist der 16-jährige Arthur Rimbaud nach Paris, wo er Paul Verlaine das erste Mal trifft. Er hat ihm sein Gedicht "Das trunkene Schiff" geschickt und eine begeisterte Reaktion des damals schon bekannten Dichterkollegen erhalten.

Verlaine, der gerade erst Vater geworden und auf dem Weg zu einem ruhigeren Leben ist, wird Rimbauds Auserwählter. Die Beziehung der beiden dauert ganze zwei Jahre, einige Trennungen, und endlose durchzechte Nächte und Ausschweifungen aller Art.

Während der kurzen Zeit, die beide miteinander verbringen, entstehen einige ihrer bedeutendsten Werke. Ihre Beziehung ist dramatisch, und so wird sie auch enden. Immer wieder quälen Verlaine Gewissensbisse, er will zurück zu seiner Familie, trennt sich wieder von ihr, will wieder zurück, bis es Rimbaud irgendwann zuviel wird.

Er schickt Verlaine fort, der in seiner Verzweiflung nach einer Pistole greift und auf Rimbaud schießt. Rimbaud wird am Arm verletzt, Verlaine kommt für zwei Jahre ins Gefängnis.

Zwei Jahre später treffen sich die beiden noch einmal, doch auch dieses Treffen endet in Streitereien. Rimbaud, der 17 Jahre später im Alter von 37 stirbt, schreibt nie wieder etwas, Verlaine wird wenige Jahre nach ihm sterben, verarmt und einsam.

Der Schriftsteller Paul Verlaine sitzt in einem Restaurant in Paris.

Paul Verlaine in Paris

Goethe und Christiane Vulpius

38 Jahre ist Goethe alt, als die 23-jährige Christiane von Vulpius ihn um einen Posten für ihren Bruder bittet. Sie arbeitet in einer kleinen Fabrik für Seidenblumen, da sie seit dem Tod ihres Vaters die Familie ernähren muss. Goethe ist Geheimrat beim Herzog und hat als Dichter schon einen Namen.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Goethe, der gerade von seiner Reise nach Italien zurückgekommen ist, vermisst das Glück, das er in Italien endlich gefunden zu haben schien. Da trifft er auf die lebensfrohe Christiane, die sofort bei ihm einzieht. Wir schreiben das Jahr 1788 und Weimar hat ein Thema, das die Gemüter erregt.

18 Jahre lang leben die beiden in wilder Ehe, bis Goethe seine Christiane heiratet. Doch gesellschaftlich hat diese Liebe keine Chancen, man schimpft über das freie Zusammenleben und dann noch mit "so einer". Daran ändert auch die späte Heirat nicht viel.

Die Damen der Gesellschaft versuchen, Christiane zu meiden. Ihr Leben verbringt das Paar deshalb zu großen Teilen getrennt voneinander, doch ihre Liebe kommt nicht zu kurz. Sie haben ja die Nächte und die vielen Briefe, die sie sich während Goethes Abwesenheit schreiben. Briefe, die von ihrer Liebe erzählen.

Christiane Vulpius

Christiane Vulpius und Johann Wolfgang von Goethe lebten in wilder Ehe

Abaelard und Héloise

Es ist die Zeit des finstersten Mittelalters, in der eine der bewegendsten Liebesgeschichten der Welt stattfindet. Überliefert ist sie durch Briefe, die sich die Liebenden noch schreiben, als sie schon lange getrennt voneinander leben müssen – er als Mönch und sie als Äbtissin.

"Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten so viel beseligende Süße, ich kann sie nicht verwerfen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen... Sogar mitten im Hochamt drängen sich diese wollüstigen Phantasiegebilde vor und fangen meine arme Seele ganz und gar."

So schreibt Héloise an Abaelard, in Erinnerung an die schönen Stunden, die sie miteinander verbringen konnten, als er ihr Lehrer war.

Peter Abaelard, geboren 1079, ist einer der berühmtesten Philosophen seiner Zeit. Deshalb bittet ihn Fulbert, der Subdiakon an der Kathedrale Notre-Dame von Paris, seine Nichte zu unterrichten.

Héloise ist damals etwa 18 Jahre alt und für ein Mädchen der damaligen Zeit ungewöhnlich gebildet. Die beiden empfinden schnell Zuneigung füreinander, sie tauschen sich aus – ihre Fragen, ihre Gedanken, ihre Küsse.

Die Liebe der beiden ist voller Wissbegierde, in der Literatur wie in der Erotik. Die Strafe für die Freuden an der Erotik aber kommt bald und ziemlich heftig. Der wütende Onkel lässt Abaelard entmannen.

Héloise muss sich in ein Kloster zurückziehen. Abaelard wird Abt. Den Kontakt halten die beiden allerdings zeitlebens aufrecht. Doch erst im Tode werden sie wieder vereint. Beide liegen heute nebeneinander auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

WDR | Stand: 15.07.2020, 17:50

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