Osteopathie

Eine Gliederpuppe aus Holz hält die Hände in den rot markierten Rücken

Medizin

Osteopathie

Von Lea Wolz

Rückenschmerzen und schon jede Menge Behandlungen ausprobiert? "Dann geh mal zum Osteopathen!" heißt ein gängiger Tipp. Doch was ist Osteopathie eigentlich? Wann kann die Methode sinnvoll sein? Und ist ihr Nutzen wissenschaftlich belegt?

Was ist Osteopathie?

Führen Fehlstellungen im Muskel- und Knochensystem zu Krankheiten? Davon ging jedenfalls der amerikanische Landarzt Andrew Taylor Still aus. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte er deshalb eine damals neue Behandlungsmethode – die Osteopathie (Altgriechisch für "Knochenleiden").

Stills Idee: Würden solche problematischen Fehlstellungen behoben, bekäme der Körper den entscheidenden Impuls, um sich selbst zu heilen – etwa über eine verbesserte Blutversorgung. Dieses Prinzip verfolgen Osteopathen heute noch.

Mit ihren Händen und sanftem Drücken, Ziehen oder Bewegen versuchen sie, Muskelverspannungen und andere Blockaden bei ihren Patienten zu lösen oder auch Organfehlstellungen zu beheben.

Dabei gehen sie davon aus, dass sich solche Blockaden auch an anderer Stelle im Körper negativ auswirken können – dass also hinter Knieschmerzen vielleicht auch eine Einschränkung der Beweglichkeit im Bauchbereich steckt oder ein umgeknickter Fuß und die entsprechend daraus folgenden Fehlhaltungen Auslöser für Kopfschmerzen sein kann.

Schwarz-weiß-Porträt von Andrew Taylor Still

Andrew Taylor Still gilt als Begründer der Osteopathie

Welche Formen der Osteopathie gibt es?

Die Osteopathie besitzt drei große Teilbereiche, die wissenschaftlich unterschiedlich gut belegt und nachvollziehbar sind: die parietale, die viszerale und die kraniosakrale Osteopathie.

Die parietale Osteopathie beschäftigt sich mit den Muskeln, dem Skelett und dem Bindegewebe. Ein verkürzter Muskel wird dabei etwa gedehnt oder eine Verspannung durch sanften Druck gelöst. Übersichtsstudien aus jüngerer Zeit legen nahe, dass die parietale Osteopathie bei Rückenschmerzen Linderung bringen kann. Das erklärte etwa der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer.

Für die Wirkung der viszeralen Osteopathie gibt es dagegen noch keine wissenschaftlich fundierten Beweise, weswegen sie von vielen Medizinern kritisch gesehen wird. Der viszeralen Osteopathie liegt die Annahme zugrunde, dass sich zum einen unsere Organe und das umgebende Gewebe natürlich bewegen – etwa wenn wir atmen und zum anderen, dass diese Beweglichkeit eingeschränkt sein kann und so Krankheiten entstehen.

Die kraniosakrale Osteopathie stellt das Gehirn, das Rückenmark und die Hirnhäute in den Fokus und basiert auf der Vorstellung, dass es bestimmte körpereigene Rhythmen gibt. So soll eine extrem feine, eigenständige pulsierende Bewegung im Körper existieren, unabhängig von Herzschlag und Atmung. Diese soll der Osteopath etwa am Schädel oder Steißbein ertasten und mit sanftem Druck harmonisieren können. Kritiker bemängeln, dass diese körpereigenen Rhythmen wissenschaftlich unbelegt sind und dass es auch noch keinen Beweis für die Wirksamkeit der kraniosakralen Behandlungsmethoden gibt.

Aus Sicht der Osteopathie spielt eine Unterteilung in die drei Teilbereiche ohnehin nur bei der Wissensvermittlung und Ausbildung eine Rolle; bei der Behandlung wirken Osteopathen zufolge alle drei Bereiche zusammen.

Schematische Darstellung eines menschlichen Arms mit seinen Skelettmuskeln und Nerven

Verspannungen im Muskelgewebe können Schmerzen hervorrufen

Was lässt sich aus Sicht der Osteopathen behandeln – und was nicht?

Ob Rückenschmerzen, Hexenschuss oder Migräne: Der Anlass, sich osteopathisch behandeln zu lassen, ist oft ein konkreter, akuter Schmerz. Doch Osteopathen behandeln mehr als ein zwickendes Rückgrat oder pochende Schläfen. Sie betrachten ihre Methode als ganzheitlich.

Da ihrer Idee zufolge "Leben Bewegung ist" und eine Blockade der Beweglichkeit Krankheiten verursacht, sehen sie die Osteopathie als hilfreich bei vielerlei Beschwerden. Die Internetseite des Berufsverbands deutscher osteopathischer Ärztegesellschaften (BDOÄ) listet um die 100 Beschwerdebilder auf – von psychischen Beschwerden über Gallensteine, Rheuma, Entwicklungsstörungen bei Kindern bis hin zu Migräne, Asthma, Tinnitus oder Gürtelrose.

An ihre Grenzen stößt die Osteopathie aus Sicht von Osteopathen bei schweren Krankheiten wie Krebs oder auch, wenn Körperstrukturen kaputt sind, etwa bei Knochenbrüchen.

Im Krankenhaus wird nach einer Operation ein Unterschenkel eingegipst

Operation statt Osteopathie ist bei einem Unterschenkelbruch angesagt

Für welche Krankheiten ist belegt, dass Osteopathie hilft?

Hier wird die wissenschaftliche Beweislage dünn. Der Berufsverband deutscher osteopathischer Ärztegesellschaften ergänzt auf seiner Seite mit den Anwendungsgebieten den Hinweis, dass es bislang keine Studien gibt, "die in wissenschaftlicher Hinsicht die Wirkungsweise der osteopathischen Medizin bei den oben angeführten Krankheitsbildern nachweisen".

Die Wirksamkeit wird also überwiegend aus Erfahrungen in der Praxis abgeleitet. Nach Ansicht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer haben Übersichtsstudien außerdem ergeben, dass osteopathische Behandlungen bei chronischen Wirbelsäule-Problemen Rückenschmerzen reduzieren können.

Eine Osteopathin behandelt einen jungen Mann durch Berührungen am Kopf

Die Wirkung von osteopathischen Behandlungen wird oft aus Erfahrungswerten abgeleitet

Was bemängeln Kritiker?

Die Befürworter der Osteopathie berufen sich vor allem auf die positiven Erfahrungen ihrer Patienten – eben weil es wenige wissenschaftliche Beweise für die Wirkung osteopathischer Behandlungsmethoden gibt. Kritiker dagegen wenden ein, dass es zu einfach sei, sich allein auf Erfahrungswissen zu berufen. Denn manche Probleme heilen von selbst aus, so dass die Beschwerden auch ohne eine Behandlung besser geworden wären.

Vielleicht hilft auch die Tatsache, dass Osteopathen sich Zeit nehmen, den Patienten das Gefühl vermitteln, ernst genommen zu werden und sie berühren. All das kann schon wirken – insbesondere, wenn dazu auch noch eine positive Erwartungshaltung des Patienten kommt.

Heilend wäre dann vielleicht vor allem der sogenannte Placebo-Effekt – also die Wirkung, die eine Scheinbehandlung auf eine Krankheit oder ein Leiden hat. Aber darüber hinaus muss eine Therapie auch für sich wirken – und zwar belegbar. An wissenschaftlichen Belegen mangelt es aber bislang in der Osteopathie.

(Erstveröffentlichung: 2021)

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WDR | Stand: 05.11.2021, 15:30

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