Wissensfrage

Heinrich IV. dargestellt in einem Holzstich im Schlosshof zu Canossa

Unterwäsche

Wissensfrage

Von Alfried Schmitz

Man hört in der Umgangssprache oft den Begriff, dass man sich, oder jemand anderen, bis aufs Hemd auszieht. Woher stammt dieser Spruch eigentlich?

Die Klärung dieser Frage führt zurück ins Mittelalter, als die Unterwäschenkultur noch nicht den hohen Standard von heute erreicht hatte. Unsere Ahnen mussten sich mit grob gewirkten Woll- oder Leinenhemden als Unterwäsche begnügen. Unterhosen, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht.

Die Hemden waren aber lang genug, um Hinterteil und Genitalbereich zu bedecken. Wer arm war, nannte nur ein Hemd sein eigen, das sich im körpernahen Dauereinsatz befand. Wer im wahrsten Sinne des Wortes betucht war, hatte mehrere solcher Hemden. Getragen wurden die Hemden von Frauen und Männern gleichermaßen. "Niderkleit" war der mittelhochdeutsche Ausdruck für dieses äußerst schlicht geschnittene Universal-Kleidungsstück.

Gemälde: Schwäbisches Liebespaar im Mittelalter

Gut "betucht" waren nur die Reichen

Das Niderkleit wurde nicht nur tagsüber unter der Oberbekleidung getragen, sondern diente zur Schlafenszeit auch noch als Nachthemd. Auch bei der Verrichtung der Notdurft oder beim Austausch von Intimitäten behielt man das Hemd meist an.

Zog man sich also bis aufs Hemd aus, dann war für viele damals das äußerste Maß an Entblößung erreicht. Mit dieser offenbarenden Geste wollten die Menschen des Spätmittelalters in der Kirche oft auch ihre äußerste Demut vor Gott ausdrücken.

Wer sich im Gotteshaus bis aufs Hemd auszog, der entsagte aller weltlichen Gier nach Wohlstand und Macht, der konzentrierte sich allein auf sein Verhältnis zu Gott. Es war eine öffentliche Zurschaustellung größter Frömmigkeit und ein Zeichen der Buße.

Buße tun wollte im Januar des Jahres 1077 auch der deutsche Kaiser Heinrich IV. bei seinem berühmten Gang nach Canossa. In dieser italienischen Stadt wollte der bei Papst Gregor VII. in Ungnade gefallene Herrscher um Absolution bitten. Drei Tage und drei Nächte hielt es Heinrich IV. unter freiem Himmel und bei bitterster Kälte vor der Burg des Papstes aus. Eine große Pein, denn bekleidet war Heinrich nur spärlich. Auch der Kaiser hatte sich für den Papst bis aufs Hemd ausgezogen.

Beim Gang nach Canossa trug Kaiser Heinrich IV. nur ein Hemd.

Beim Gang nach Canossa trug Kaiser Heinrich IV. nur ein Hemd

Stand: 14.10.2019, 16:34

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