Korsett - eingeschnürte Weiblichkeit

Unterwäsche

Korsett - eingeschnürte Weiblichkeit

Es brauchte in der Menschheitsgeschichte nicht lange, bis die Art und Weise, wie man sich kleidete, zu einem gesellschaftlichen Thema wurde. Schon im Altertum gab es eine Form des Modediktats, also einer Beeinflussung von außen, die Frauen und Männern vorschrieb, was sie wie zu tragen hatten. Als das Modeideal ab dem 16. Jahrhundert die Wespentaille vorschrieb, hatte das für viele Frauen schlimme Auswirkungen. Um gut auszusehen, mussten sie ihren Oberkörper in enge Schnürleiber pressen, was oftmals gesundheitliche Schäden zur Folge hatte. Die Geschichte des Korsetts ist auch eine Leidensgeschichte.

Enge Taille schon im Altertum

Das 'Bildnis Sarah Fairmore', um 1750.

Auch im Barock war das Korsett modern

Ausgrabungen auf der griechischen Insel Kreta brachten es zutage: Schon circa 2000 Jahre vor Christi Geburt gab es eine frühe Form des Korsetts. Eine kleine Statuette wurde gefunden, die Schlangengöttin von Knossos, die zu den wohl weltweit bekanntesten archäologischen Schätzen zählt. Die überaus hübsche Frau trägt ein dicht am Körper anliegendes Oberteil, aus dem der blanke Busen hervorspringt. Ihre Beine werden von einem weiten Rock umspielt, doch die Taille ist atemberaubend eng eingeschnürt.

Eine Statue der Schlangengöttin von Knossos.

Griechische Schlangengöttin von Knossos

Diese Figur ist kein Einzelstück. Es wurden noch mehrere kleine Statuen gefunden, die nicht nur weibliche Gottheiten, sondern auch Priesterinnen und bürgerliche Frauen der gehobenen Stände darstellen. Eines ist ihnen allen gemeinsam: die äußerst figurbetonte Mode der damaligen Zeit, die abgeschnürte Wespentaille des Altertums. Getragen wurden diese doch wohl eher unbequemen Kleidungsstücke nur an hohen Festtagen. Für den Alltag der weltlichen Frauen waren sie wenig geeignet, weil sie die Bewegungsfähigkeit zu sehr einschränkten, vor allem aber, weil sie ihnen Luft und Blut abschnürten. Für das normale Leben setzte sich daher normale Kleidung durch, in der man die täglichen Arbeiten besser verrichten konnte.

Vom dicken Bauch zur flachen Brust

Szene aus der ARD-Fernsehserie 'Abenteuer 1900 - Leben auf dem Gutshof'. Eine Darstellerin steht vor dem Spiegel. Hinter ihr ein Hausmädchen, das ihr beim Anlegen des Korsetts hilft.

Auch in der ARD-Serie "Abenteuer 1900" wird geschnürt

Bis zum Ende des Mittelalters waren in Europa weit wallende Gewänder und Hemden Mode bestimmend. Auch waren dicke Bäuche und volle Busen nicht verpönt, sondern zeugten eher von Wohlstand und Wohlbefinden. Mit der zur Schau gestellten Fettleibigkeit machte die Renaissance-Epoche aber ein Ende. Um 1500 wandelte sich der Hang zu üppigen Formen ins vollkommene Gegenteil. Vor allem die von Nüchternheit und strengen Formen geprägte spanische Hofmode galt damals als Maßstab. Flachbrüstige Frauen galten nun als schön. In den Kleidern fielen die früher noch als hübsch geltenden eingenähten Brust-Auswölbungen fort. Die Modemacher jener Zeit ersannen nun regelrechte Körperkörbe, die, durch Metall-, Holz- oder Fischbeinstäbe gestärkt, den Oberbau der Frauen zusammenpressen sollten. Getragen wurden diese Folterinstrumente unter der normalen Kleidung. Außerdem wurden die Trägerinnen solcher Schnürbrüste durch die Enge gezwungen, sich in kerzengerader Haltung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Auch diese galt damals in höheren Gesellschaftskreisen als äußerst chic. Mit dem Schnürleib hatte man gleich zwei Modeanforderungen jener Zeit Genüge getan.

Leiden für die Schönheit

Eine Werbung für ein Korsett aus Anfang des 20. Jahrhunderts.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Korsetts bequemer

In den Folgejahren wurde es zum Trend, den Busen ganz besonders zu betonen. Die Frauen trugen tief dekolletierte Kleider, die viel nackte Haut zeigen sollten. Um den Brustbereich noch besser in Szene setzen zu können, wurde der Bauch noch enger geschnallt. Dass die Frauen dabei körperliche Höllenqualen litten, war eher zweitrangig. Nicht selten kam es unter jungen Frauen zu Todesfällen, deren Ursache den zu eng geschnürten Miedern zugeschrieben wurden. Verantwortungsvolle Ärzte und Mediziner riefen zu einem Boykott der ungesunden Mode auf. Sie warnten vor schwerwiegenden Deformationen der inneren Organe. Lunge, Leber, Magen und Darmtrakt wurden erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Es kam durch die engen Schnürleiber sogar zu unnatürlichen Verengungen des Brustkorbes.

Auch der Anatom Samuel Thomas Soemmering (1755 bis 1830) gehörte zu den Kritikern mit Fachverstand. Er wies in Untersuchungsreihen nach, dass der Oberkörper durch das enge Schnüren auf Dauer deformiert wurde. 1788 veröffentlichte er seine Forschungen und Erkenntnisse in "Ueber die Schaedlichkeit der Schnuerbrueste" und fand damit viel Beachtung. Nicht wenige Frauen hörten auf seine Warnungen. Doch schon drei Jahrzehnte später waren die gesundheitlichen Bedenken scheinbar wieder vergessen. Die Schnürbrust war nun in Form des Korsetts wieder auferstanden. Der Begriff Korsett leitet sich vom französischen Wort "corps" für Körper ab. Soemmering nahm den Kampf gegen das ungesunde Kleidungsstück auch in den letzten Jahren seines Lebens wieder auf.

Auch im Biedermeier wird geschnürt

Ein Plakat für ein Korsett um 1905.

Eine Frau zur S-Linie verschnürt

Als in den 1820er Jahren das Korsett wieder seinen Einzug in die Modewelt hielt, waren es vor allem auch eitle Männer, die sich ihren Oberkörper einschnüren ließen, um eine bessere Figur zu machen. Hauptabnehmer dieses neu eingeführten Kleidungsstücks waren aber wieder die Frauen. Für sie galt es vor allem ab 1865 als besonders elegant, wenn der Taillenumfang nicht mehr als 43 bis 53 Zentimeter maß. Für dieses Extrem-Ideal wurde nun wieder bis zur Ohnmacht geschnürt und gehakt. Eine weitere Modeentwicklung schloss einige Jahre später, im wahrsten Sinne des Wortes, dann außer dem Oberkörperbereich die Hüfte mit ein. Die Korsetts wurden nach unten hin verlängert und sollten nun auch noch auf die Hüftpartie korrigierend wirken. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die weibliche Ideallinie geradezu pervertiert. Als letzter Schrei galt es nun, wenn bei den Frauen Bauch und Hüfte so stark eingeschnürt waren, dass sich Busen und Po nach außen wölbten und in Folge dessen ein extremes Hohlkreuz sichtbar wurde. Dieses Modediktat nannte man der überaus unnatürlichen Körperhaltung entsprechend: "S-Linie".

Erlösung für eingeschnürte Körper

Die Pop-Sängerin Madonna tritt im Mieder auf.

Madonna im aufreizenden Korsett des Modemachers Gaultier

Als es in den folgenden Jahren endlich auch für Frauen gesellschaftlich erlaubt war, sich in der Freizeit sportlich zu betätigen, brachte diese neu gewonnene soziale Freiheit auch mehr Freiheit für den eingeschnürten Körper. Immer mehr setzte sich in der Mode Natürlichkeit und Bequemlichkeit durch. Das französische Modehaus Chanel war auf diesem Gebiet Vorreiter, als es ab 1917 neue, weiter geschnittene Kleiderkreationen auf den Markt brachte, die sich in den gehobenen Bürgerschichten schnell großer Beliebtheit erfreuten. An diesem neuen Trend orientierte sich natürlich auch die Damen-Unterwäsche, bei der nun auf enge Passform verzichtet werden konnte. Als sich in den 30er Jahren aber erneut eine figurbetonte Modewelle durchsetzte, konnte diesmal auf das Anlegen von engen Korsetts verzichtet werden. Elastische Materialien waren entwickelt worden, die nun auch im Kleidungsbereich verwendet wurden und den Tragekomfort deutlich erhöhten. Mit diesen neuen Stoffen konnten überflüssige Pfunde optisch korrigiert werden, ohne die Gesundheit der Trägerinnen negativ zu beinträchtigen. Korsettartige geschnürte Oberteile, wie sie heute von manchen Frauen getragen werden, haben mit den Folterwerkzeugen vergangener Tage nichts mehr zu tun. Als sich die amerikanische Popikone Madonna 1990 in ein erotisches Korsett verpackt auf der Konzertbühne präsentierte, blieb nicht ihr selbst, sondern höchstens den Zuschauern die Luft weg.

Autor/in: Alfried Schmitz

Stand: 14.08.2014, 13:00

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