Narzissmus – die große Ego-Show

Geschäftsmann macht ein Selfie.

Egoismus

Narzissmus – die große Ego-Show

Von Anke Riedel

Sie sind großspurig, selbstverliebt, schnell gekränkt – und meistens männlichen Geschlechts: Narzissten. Wer ihnen als Partner oder Arbeitskollege begegnet, hat es schwer. Denn Narzissten suchen Applaus und Bewunderung statt Beziehungen auf Augenhöhe.

Jeder ist ein bisschen narzisstisch

Der Begriff "Narzissmus" ist angelehnt an die Geschichte des Narziss, der in der griechischen Mythologie als ein schöner Jüngling beschrieben wird, welcher sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt – und letztlich an seiner Selbstverliebtheit zugrunde geht.

Psychologen betrachten Narzissmus als ein Persönlichkeitsmerkmal. "Jeder Mensch hat narzisstische Anteile", so der Psychologe und Therapeut Dr. Simon Mota von der Universität Münster. "Es gibt ein Spektrum wie bei der Körpergröße – von sehr gering bis sehr ausgeprägt."

Narziss sitzt am Brunnenrand und betrachtet sein Spiegelbild.

Tödliche Liebe: Narziss begehrte sein Spiegelbild

Auch innerhalb eines Lebens sind Menschen unterschiedlich narzisstisch: In der Jugend ist dieser Wesenszug markanter als im Alter, durch Beziehungen und Erfahrungen lernen Menschen gezwungenermaßen, dass sie nicht der Nabel der Welt sind.

Dass wir narzisstische Züge immer nur bei den anderen und niemals bei uns selbst entdecken, liegt in der Natur der Sache. Denn das eigene Ego kritisch zu hinterfragen, liegt Narzissten fern.

Dazu kommt, dass Narzissten einen schlechten Ruf haben, obwohl sie im ersten Moment oft sehr gut ankommen. Menschen mit moderaten narzisstischen Anteilen sind schillernde Partygäste, fantasievolle Verehrer oder geborene Anführer, die gerne als Führungskräfte gewählt werden, weil sie andere mitreißen können.

Erst extrem ausgeprägter Narzissmus kann zu Problemen führen. Die Grenze zwischen narzisstischen Wesensmerkmalen und einer pathologischen Störung ist fließend.

Narzissten leiden und lassen leiden

Wenn Menschen kaum Empathie empfinden, andere abwerten und sich grandios überlegen fühlen, sprechen Psychiater von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS). Diese Störung ist mit einem hohen Leidensdruck verbunden.

Denn hinter der geltungsbedürftigen Ich-Fassade steckt ein verwundbarer Kern, Narzissten leiden unter einem geringen Selbstwertgefühl. Umso abhängiger sind sie vom Applaus und der Zuwendung anderer.

Narzissten leiden nicht nur selbst, auch in ihrem Umfeld sorgen sie für Kummer. Eine beglückende Beziehung ist mit ihnen kaum möglich. Sie kreisen ausschließlich um sich selbst, zeigen kaum Mitgefühl und beuten andere aus.

Auf Kritik und Zurückweisung reagieren sie extrem empfindlich. Auch auf die Erfolge anderer blicken sie neidisch und voller Wut. Deshalb werten sie ihre Mitmenschen oft bösartig ab, um sich selbst zu erhöhen.

Vulnerabler oder grandioser Narzissmus

Neben den lauten Selbstdarstellern – den sogenannten grandiosen Narzissten – gibt es noch einen zurückhaltenden, verdeckten Typus. Diese Narzissten werden vulnerabel genannt. Sie fühlen sich ebenfalls insgeheim als etwas Besonderes, auch sie haben ein hohes Anspruchsdenken.

Doch sie leiden eher heimlich und leise an der Tatsache, dass niemand ihre Außergewöhnlichkeit bemerkt. Denn vulnerable Narzissten sind keine effektheischenden Großmäuler, sondern eher introvertiert, ängstlich und gehemmt.

Bei Frauen ist dieser Typus etwas häufiger vertreten. Weiblicher Narzissmus scheint sich anders zu äußern und ist entsprechend schwieriger zu entlarven. Generell erhalten Männer öfter die Diagnose "Narzisst" als Frauen, was aber auch mit der Erwartungshaltung von Therapeuten zusammenhängen könnte. Denn paradoxerweise suchen vulnerable Narzissten zwar eher therapeutische Hilfe – die Diagnose "narzisstische Persönlichkeitsstörung" bekommen aber häufiger grandiose Narzissten, unter denen mehr Männer sind.

Lange Zeit wurden vulnerable und grandiose Narzissten als unterschiedliche Typen angesehen. Neuere Forschung geht jedoch davon aus, dass Narzissten beide Spielarten in sich tragen. Allerdings in unterschiedlicher Ausprägung.

US-amerikanischen Studien zufolge sind dort rund sechs von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Verlässlich zeigt sich diese Störung erst nach der Pubertät, im frühen Erwachsenenalter.

Donald Trump gilt bei Vielen als Prototyp

Im Alltag wird der Ausdruck "Narzisst" oft verwendet, um einen unsympathischen Egomanen zu brandmarken. Kaum einer hat den Begriff des Narzissten so populär gemacht, wie der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Donald Trump gilt als Blaupause des grandiosen Narzissten: großspurig, süchtig nach Applaus, selbstverliebt.

Psychiatrische Krankheitsbilder zu verwenden, um Menschen zu charakterisieren, ist jedoch problematisch: "Man darf unmoralisches und hemmungslos geltungsbedürftiges Verhalten nicht mit einer Diagnose adeln oder gar entschuldigen", fordert der Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz. "Narzissmus ist eine psychische Störung, kein Schimpfwort."

Der frühere US-Präsident Donald Trump

Donald Trump wird oft als Narzisst bezeichnet

Das sah schon 1964 die "American Psychiatric Association" so. Auch damals wurde ein republikanischer Präsidentschaftskandidat öffentlich als Narzisst bezeichnet, einige hielten ihn auch für psychotisch oder schizophren: Barry Goldwater sorgte im Wahlkampf 1964 mit seinen anmaßenden Äußerungen für Wirbel.

Die "American Psychiatric Association" distanzierte sich von solchen Ferndiagnosen und begründete die "Goldwater-Regel", die besagt, dass es unethisch sei, Menschen ohne vorherige psychiatrische Untersuchung eine Diagnose anzuhängen. Schließlich könnte sich der Betreffende in der Öffentlichkeit anders verhalten, um einen politischen Effekt zu erzielen.

Ursachen des Narzissmus

Narzissmus entsteht aus einem Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelteinflüssen. Wie aber aus Kindern im Laufe ihres Lebens krankhafte Narzissten werden – darüber gehen die Lehrmeinungen auseinander.

Theorie eins geht davon aus, dass aus Kindern Narzissten werden, wenn sie von ihren Eltern vergöttert werden. Demnach befeuern Eltern, die ihren Nachwuchs für großartige, außergewöhnlich begabte Ausnahmeerscheinungen halten, die narzisstischen Auswüchse bei den Kleinen.

Theorie zwei geht vom Gegenteil aus und besagt, dass Kinder narzisstische Züge entwickeln, weil sie von ihren Eltern zu wenig Wärme und Aufmerksamkeit erfahren haben. Deshalb müssen sich diese Kinder später selbst auf einen Sockel stellen, um den Mangel auszugleichen. Sie blasen sich also auf, um ihr geringes Selbstwertgefühl zu überdecken.

Studienergebnisse sprechen dafür, dass eine elterliche Erhöhung und Vergötterung aus Kindern tatsächlich Narzissten machen kann. Es geht hier um eine Überbewertung der kindlichen Leistungen – nicht um Liebe und Zuwendung. Denn die sind für Kinder unerlässlich, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Moppeliger Junge mit Krone zeigt seine Muskeln.

Erziehung kann aus Kindern Narzissten machen

Selbstdarstellung war noch nie so einfach wie heute. Posten, liken, teilen in Social Media: Oft wird Narzissmus als Nebenwirkung unserer Zeit beschrieben. Und tatsächlich sind die sozialen Medien eine perfekte Spielwiese für Narzissten. Likes und positive Kommentare befriedigen ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Applaus und Anerkennung.

Ob auch der Umkehrschluss gilt, dass Facebook, Instagram und Co. pathologische Narzissten produzieren, ist noch nicht abschließend geklärt.

Probleme haben nur die anderen

Das Problem eines Narzissten: Er hat keins. Die Schwierigkeiten haben immer nur die anderen, die mit seiner grandiosen Einzigartigkeit nicht zurechtkommen. Entsprechend selten suchen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung therapeutische Hilfe. Allein schon die Diagnose wäre eine Kränkung.

Häufiger beginnen Narzissten wegen ganz anderer Probleme eine Therapie. Sie neigen zur Komorbidität – das bedeutet, sie haben zusätzlich zu ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstörung noch weitere Krankheitsbilder, wie Depressionen oder eine Sucht- oder Angsterkrankung. Manchmal kommen sie auch wegen Problemen, die andere mit ihnen haben. Die Verzweiflung eines Narzissten kann enorm sein, im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen sind die Suizidraten deshalb hoch.

Die gute Nachricht: Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann geholfen werden. Von Grund auf verändern wird sich der Mensch aber nicht. "Die Auffälligkeiten eines Narzissten können so weit abgemildert werden, dass er nicht mehr als psychisch gestört bezeichnet werden kann", so der Psychiater Dr. Manfred Lütz. "Er wird aber bei der nächsten Geburtstagsfeier vielleicht wieder versuchen, dem Alleinunterhalter das Mikrophon aus der Hand zu reißen."

WDR | Stand: 12.03.2021, 11:12

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