Interview: Häusliche Gewalt in Zeiten von Corona

Portraitaufnahme von Alessandro Cavicchioli.

Gewalt

Interview: Häusliche Gewalt in Zeiten von Corona

Von Lothar Nickels

Mitte März 2020 beschließt die Bundesregierung Maßnahmen, um die steigenden Corona-Infektionen im Land einzudämmen. Schulen und Kitas werden geschlossen, es gibt eine Kontaktsperre und Menschen werden aufgefordert – wenn möglich – zu Hause zu bleiben. Experten fürchten, dass es in dieser Situation einen deutlichen Anstieg von häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen geben wird. Planet Wissen hat mit Dr. Alessandro Cavicchioli gesprochen. Er ist Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und führt eine psychotherapeutische Praxis in Schwäbisch Hall.

Herr Cavicchioli, wie schätzen Sie die Situation gerade ein?

Ich erwarte auch, dass die häusliche Gewalt zunehmen wird. Denn es ist momentan tatsächlich so, dass im täglichen Umgang der Druck größer wird und die Möglichkeiten dem Druck auszuweichen – das ist das Entscheidende – nicht ausreichend vorhanden sind. Kolleginnen und Kollegen berichten in dieser Zeit zumindest vermehrt darüber.

Derzeit leben wir alle im Ausnahmezustand. Um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, soll die eigene Wohnung nur noch für die nötigsten Erledigungen verlassen werden. Welche zusätzlichen Konfliktpotenziale birgt dieses Rund-um-die-Uhr-Zusammenleben?

Das fängt schon damit an: Wer kocht? Normalerweise sind diese Regeln vielleicht klar vereinbart. Aber das ist eine neue Situation. Jeder ist nun zu Hause. Wer räumt jetzt auf? Wer tut was in welchem Raum in dieser Situation? Je weniger und kleiner die Räume sind, desto schwieriger ist es, das zu lösen. Das ist eine Situation, für die wir wenig trainiert sind. Dafür haben wir noch keine ausreichende Handhabung. Sie sind ja zu Hause und müssen mit schwierigen Bedingungen zurechtkommen, die Ihnen in der Regel nicht vertraut sind. Und zwar auf unterschiedlicher Seite. Jetzt sind Sie als Mann gezwungen, zu Hause zu arbeiten. Was vielleicht nicht im Rahmen des Üblichen ist. Also, ich rede natürlich von Menschen, die normalerweise nicht zu Hause arbeiten. Und als Frau, selbst wenn Sie die ganze Zeit zu Hause waren, waren Sie ja nicht daran gewöhnt, dass alle anderen auch zu Hause sind. Sondern, dass der Mann beziehungsweise Partner und die Kinder woanders waren.

Auch als Kind sind Sie daran gewöhnt, in der Schule zu sein und sich mit anderen Kindern zu treffen. Das ist alles unterbunden. Shopping ist unterbunden, Kino ist unterbunden, eben das meiste, was für Ablenkung sorgen könnte. Sie wissen also gar nicht so richtig, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen sollen. Sie fangen an, sich zu langweilen und realisieren, dass Sie eingeschlossen sind. Sie erleben, was man mit unterschiedlichen Begriffen wie Bootssyndrom oder Heimkoller beschreiben kann: Sie sind auf engstem Raum und dürfen nicht aus diesem Raum ohne weiteres ausbrechen. Aber Sie haben keine Fertigkeiten gelernt, mit dieser Begrenzung zurechtzukommen. Das ist Ihr Problem. Sie sind ja normalerweise kein Gefängnisinsasse. Die müssen das lernen, ob sie wollen oder nicht. Die lernen das im Laufe der Zeit auch. Für die meisten Menschen in der Bevölkerung ist das aber völlig unüblich.

Auswertungen des Bundeskriminalamtes zum Thema "Häusliche Gewalt" zeigen, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder– aber auch Männer – Alltag in Deutschland ist. Was genau ist "häusliche Gewalt"?

Ich kann Ihnen das natürlich nur als Psychotherapeut sagen. Was Kriminalisten als häusliche Gewalt ansehen, das mag auch etwas teilweise anderes sein. Für mich als Psychotherapeut beginnt das schon, wenn Sie ein Kind nicht kindgerecht erziehen. Und zwar mit Methoden, die dem Kind nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig schaden. Es reicht ja schon, wenn Sie jemanden irgendwo einsperren. Das ist zwar keine körperliche Gewalt. Aber es ist Freiheitseinschränkung. Und das kann dann natürlich bis hin zu körperlicher Gewalt führen. Zu gewaltsamem Festhalten, bis hin zu Würgen, Faustschlägen ins Gesicht oder Tritten und so weiter. Das alles passiert in den eigenen Räumen und soll möglichst nicht nach außen dringen. Sonst ist der Täter sofort am Pranger und das möchte er ja nicht. Auch übrigens mit weitreichenden Konsequenzen für die gesamte Familie: Das Einkommen bricht weg, womöglich droht der soziale Abstieg und so weiter. Dadurch steigen leider auch die Hemmungen, den Täter mit den Konsequenzen seines Handelns zu konfrontieren.

Wer sind die Täter, wer die Opfer?

Die Täter sind in der Regel Männer mit Rollenbildern aus der Kindheit, die Gewalt als einzige Möglichkeit zum Lösen von Problemen aufgezeigt haben. Das könnte zum Beispiel ein dominanter, gewalttätiger Vater sein. Es könnte aber auch eine Mutter sein, die geschlagen hat. Die Männer haben als Kind erlebt, dass man nur durch Einsatz von Gewalt zumindest kurzfristig Erfolg hat und damit auch durchkommt. In der Jugend gab es dann vielleicht Rollenvorbilder, die Gewalt idealisiert haben: "Wer cool sein will, der haut dem anderen eine rein." Und – das ist wichtig – kommt damit durch. Diese Männer verbringen jetzt während der Coronakrise den ganzen Tag mit ihrer Familie oder ihrer Lebensgefährtin in den eigenen vier Wänden. Sie bekommen massiv Konfliktsituationen serviert. Womöglich jeden Tag, stundenlang. Und in ihrem Hinterkopf hören sie relativ eintönig diesen Satz: "Hau zu, dann gibt es Ruh'!" Die haben emotional gar nicht die Möglichkeit, sich langfristige Strategien zu überlegen. Es geht dann darum: "Wie löse ich das jetzt so schnell wie möglich? Wie schaffe ich es, dass sie endlich die Klappe hält? Dass sie mich nicht weiter nervt?"

Es gibt aber auch gewalttätige Frauen. Unterscheiden die sich in ihrer Gewalt-Sozialisation von gewalttätigen Männern?

Aus meiner Erfahrung in der Pro Familia tritt häusliche Gewalt durch Frauen in unterschiedlicher Form auf. Zunächst am häufigsten gegenüber Kindern, in Form von psychischer und körperlicher Gewalt. Sexuelle Übergriffe sind hier meist subtiler. Manchmal agieren Frauen auch als Mittäterinnen. Gegenüber Männern reichen die Gewalttaten von psychischer Gewalt (Stalken, Drohen, Reifen zerstechen, Falschanschuldigungen) über körperliche Gewalt (Kratzen, Beißen, Treten, mit Gegenständen werfen) bis hin zu sexueller Gewalt (Vergewaltigung, Belästigung).

Die Sozialisation, die zu diesen drei Arten von Gewalt führt, ist vielfältig. Einerseits können die Täterinnen, wie die Täter auch, selbst Opfer gewesen sein. Weitere Prädispositionen können sein, dass einige gewalttätige Frauen nicht so gut gelernt haben mit Stresssituationen, Überforderung, Erziehungs- oder Partnerschaftsproblemen zurecht zu kommen. In der Corona-Zeit verschärft sich das zusätzlich.

Braucht es für häusliche Gewalt Auslöser?

Das hängt natürlich von den individuellen Vorerfahrungen ab. Von den Konstellationen, in denen man zusammenlebt. Welche Abhängigkeiten bestehen. Oder auch, wie man Partnerschaft definiert. Die Bandbreite ist sehr groß. Das sind unterschwellige Einstellungen oder Gedanken, wie zum Beispiel: "Ich fühle mich minderwertig, deswegen mache ich den anderen fertig." Der andere wehrt sich irgendwann mal. Und dann schlage ich zu. Oder: "Ich bin eifersüchtig. Ich möchte nicht, dass jemand alleine rausgeht und will auch sein Handy kontrollieren.“ Der andere lässt das irgendwann nicht mehr zu und wehrt sich. Dann schlage ich zu. Oder: Die Situation mit den Kindern macht Stress.

Eltern kommen ja nicht mit einem Diplom im Vater- oder Mutter-Sein auf die Welt. Sondern irgendwann ist ein Kind da und dann heißt es:"Ja, macht mal was." Viele Menschen wissen aber nicht so richtig, wie sie mit Kindern umzugehen haben in schwierigen Situationen. Je schwieriger die Kinder sind und je weniger Fertigkeiten ich habe, damit umzugehen, desto größer ist die Möglichkeit, dass in diesen besonderen Zeiten was passiert. Nicht jeder hat die Fertigkeiten, mit Konflikten umzugehen. Man muss das unter Umständen erst mühsam erlernen. Um das zu verstehen, ist es hilfreich in die eigene Biografie zu schauen: Wie gut wurde ich sozialisiert? Welche Modelle hatte ich in meiner Kindheit und Jugend? Wurde auf Probleme mit Gewalt geantwortet? Oder hat man diskutiert? Wenn ja, wie wurde respektvoll diskutiert? Akzeptiert man andere Meinungen? Alles das kann wichtig sein.

Was kommt nun durch die Coronakrise und ihre Einschränkungen im Alltag zusätzlich als mögliche Auslöser für häusliche Gewalt dazu?

Die bisherigen Auslöser werden in der Isolation vielfältiger und intensiver. Sie haben sowohl kleinere Auslöser, die normalerweise nicht so relevant waren, weil die Beteiligten immer wieder ausbrechen konnten. Bis hin zu einer Vermehrung der üblichen Auslöser, die den Einzelnen vielleicht ohnehin schon auf die Palme gebracht haben. Oder neue, für Sie unbekannte Situationskonstellationen. Sie sitzen dann, üblicherweise als Mann, nun den ganzen Tag zu Hause und werden alle zwei Minuten von irgendjemand angenörgelt. Was machen Sie dann? Wenn jemand bei mir in Therapie wäre, dann würde ich sagen: "Wenn Sie zuschlagen, sind Sie letztendlich der Verlierer und: Versetzen Sie sich in der Lage Ihrer Opfer, denken Sie an die Konsequenzen für alle" Und dann erarbeiten wir eine ganze Latte von Maßnahmen, die aber momentan zum größten Teil gar nicht greifen können. Gehen Sie ins Büro – greift nicht. Treffen Sie sich mit Freunden – greift nicht. Gehen Sie ins Kino – greift nicht. Das Einzige, was man noch tun kann, ist Spazierengehen. Das machen Sie einmal, zweimal. Dann kommen Sie wieder nach Hause. Was machen Sie dann? Wir haben Folgen ohne Ende durch diese Coronakrise, wo selbst die bewährten psychotherapeutische Maßnahmen ins Leere greifen.

Was bedeutet die eingeschränkte Bewegungsfreiheit für jene, die schon vor Corona Opfer häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe waren?

Das bedeutet eine deutliche Verschärfung für die Opfer. Sie hatten vorher die Möglichkeit, hier und da der Situation zu entfliehen. Jetzt kommen sie überhaupt nicht mehr raus. Das bedeutet: Der Täter ist ständig da. Das Ganze muss man auch aus zwei verschiedenen Perspektiven sehen. Erstens: Ich werde immer wieder geschlagen. Also, es gibt einen Täter. Und zweitens: Ich bleibe in der Opferrolle und glaube, nichts dagegen tun zu können. Jetzt haben wir diese Situation verschärft: Der Täter ist da, noch gewalttätiger und ich weiß immer noch nicht, wie ich das lösen soll.

Können auch friedfertige Menschen in solchen Extremsituationen wie der Coronakrise gewalttätig werden?

Da würde ich sagen: Ja, es kann passieren. Nehmen Sie einen normalerweise sehr friedfertigen Menschen. Dem wird plötzlich gesagt: "Du darfst dies nicht! Du darfst jenes nicht! Du musst jetzt zu Hause bleiben! Du musst Abstand zu anderen halten!" Dieser Mensch lebt mit seiner Frau und seinen Kindern vielleicht in räumlich sehr beengten Verhältnissen. Der wird auf einmal mit Konfliktsituationen konfrontiert, mit denen er sonst nicht konfrontiert wird. Weil er normalerweise vielleicht im Dreischichtbetrieb arbeitet. Der ist jetzt den ganzen Tag zu Hause. Mit seinen Kindern, die verständlicherweise zunehmend anstrengender werden, weil sie nicht raus dürfen. Mit seiner Frau, die auch mit der Situation überfordert ist. Und dann irgendwann mal weiß er nicht mehr weiter...

Was kann jeder Einzelne tun, um gar nicht erst in eine Gewaltspirale zu kommen?

Ein festes Programm mit klaren Regeln ist sehr hilfreich. Das kann allen Beteiligten Orientierung geben. Wenn ich nicht die Fertigkeiten habe, mit dem anderen zurechtzukommen, sollte ich versuchen, so viel Zeit wie möglich ohne sie oder ihn zuverbringen. Insofern das jetzt überhaupt möglich ist. Die Leute sollten jetzt auch keine Konflikte aufbrechen. Das macht keinen Sinn. Die sind in der momentanen Situation sicherlich nicht zu lösen. Gut wäre natürlich, sich möglichst schnell an einenTherapeuten zu wenden. Wir haben uns Gedanken über Möglichkeiten in dieser speziellen Situation gemacht und können denen schnell weiterhelfen. Es gibt neuerdings auch die Möglichkeit der Videosprechstunde ohne Begrenzung.

Wohin kann man sich wenden, wenn die Situation in den eigenen vier Wänden eskaliert?

Die Opfer können zur Polizei gehen. Es gibt die Notfallrufnummer 116117. Das ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst. Der Verein "Wildwasser" oder die "Pro Familia"zum Beispiel kümmern sich um Mädchen und Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt sind. Dann gibt es natürlich noch die Frauenhäuser, in denen die Frauen Zuflucht finden können. Die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) hat unter der 08000 116 016 ein anonymes Hilfetelefon für Opfer häuslicher Gewalt eingerichtet. Weitere Hilfsangebote der KBV gibt es auf der Internetseite www.kbv.de/html/interventionen_bei_gewalt.php. Oder vielleicht besteht ja auch die Möglichkeit bei Verwandten, Bekannten oder Freundinnen unterzukommen. Die Täter müssen schnellstmöglich in eine psychotherapeutische Behandlung gehen.

Wie soll man sich verhalten, wenn man als Nachbar den Eindruck hat, in der Wohnung nebenan kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen?

Das hängt sehr von der Situation ab. Wenn ich um mein eigenes Leben oder meine eigene Gesundheit fürchten muss, dann muss ich die Polizei anrufen. Auf keinen Fall dazwischengehen! Wenn ich diese Befürchtung nicht haben muss, weil ich zu beiden ein gutes Verhältnis habe, dann würde ich mit beiden erst mal reden. Ich würde versuchen, niemanden allein zu lassen. Ich würde auch versuchen zu trösten und abwarten, bis die heiße Phase vorbei ist. Danach sieht die Welt sowieso anders aus. Dann sollte aber mittel- und langfristig eine Lösung gefunden werden. Eine Therapie kann da wirklich sehr hilfreich sein.

SWR | Stand: 08.04.2020, 20:00

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