Showhypnose – alles fake?

Ein junger Mann in Anzug blickt in die Kamera und schwingt ein Pendel

Hypnose

Showhypnose – alles fake?

Auf Veranstaltungen und im Fernsehen vergessen Personen unter Hypnose ihren Namen, beißen in saure Zitronen oder springen gar wie ein Kaninchen auf der Bühne herum. Ist das alles gespielt? Wie Showhypnose funktioniert und welche Gefahren sie mit sich bringt.

Bühnenhypnose – unheimlich und faszinierend zugleich

Wenn Showhypnotiseure in Deutschland bei Veranstaltungen auftreten, versetzen sie Freiwillige scheinbar in einen Tiefschlaf. Die Köpfe der Teilnehmer hängen schlaff herunter. Ihre Arme sind so steif und fest, dass sie sie nicht mehr beugen können.

Scheinbar willenlos gehorchen sie den Showmännern auf der Bühne und befolgen ihre Anweisungen. Ist das tatsächlich unter Hypnose möglich? Können uns Fremde auf der Bühne so tief in Trance versetzen, dass wir uns vor den Augen des Publikums bis hin zur Lächerlichkeit verhalten?

Oder ist das alles gespielt? "Nur zum Teil", sagt Hansjörg Ebell, der als Mediziner und qualifizierter Psychotherapeut in München arbeitet und in Hypnose ausbildet. 

Nur ein kleiner Teil der Personen auf der Bühne täuscht ihre Gehorsamkeit vor. Das sind meist diejenigen, die gerne im Rampenlicht stehen und Aufmerksamkeit suchen. So beschreibt es der US-amerikanische Showhypnotiseur Ormond McGill in seinem Buch "The New Encyclopedia of Stage Hypnotism".

Es gebe in der Regel auch keine Komplizen oder Personen, die vor der Show eingeweiht wurden. "Die meisten befinden sich tatsächlich in Trance", sagt Ebell.

Ein Mann schwingt ein goldenes Pendel

Werden die Kandidaten auf der Bühne tatsächlich in Trance versetzt?

Das Geheimnis: die Vorauswahl des Hypnotiseurs

"Diese Personen wählt der Showhypnotiseur sehr geschickt aus", so der Experte. Allein die Menschen, die eine solche Aufführung besuchen, seien bereits eine Vorauswahl: Sie sind grundsätzlich an Hypnose interessiert oder sogar fasziniert davon. Hinzu kommt, dass viele mit einer hohen Erwartungshaltung zur Show gehen und gar nicht abwarten können, mitzumachen und hypnotisiert zu werden.

Zu Beginn des Auftritts machen Hypnotiseure meist einige Übungen zum Aufwärmen – die Menschen im Publikum sollen etwa beide Zeigefinger vor sich in die Höhe halten und sich vorstellen, sie werden wie von einem starken Magneten angezogen.

Was die Zuschauer meist nicht merken: Diese Übungen sind gezielte Tests, um die Menschen herauszufiltern, die besonders empfänglich für Hypnose sind. In der Magnet-Übung erkennt der Showhypnotiseur beispielsweise diejenigen Personen, die ihre Finger besonders schnell zusammenführen und bittet sie auf die Bühne. Meist sind das zehn bis 15 Personen.

McGill, der US-amerikanische Hypnotiseur und Autor, beschreibt wie Showhypnotiseure selbst diese Auswahl noch weiter eingrenzen: Jene Personen, die beispielsweise mit verschränkten Armen auf der Bühne stehen und so eine Abwehrhaltung zeigen, werden ins Publikum zurückgeschickt. Die Kandidaten, die neugierig und motiviert schauen, dürfen bleiben.

Los geht es mit einfachen Suggestionen: Mit ruhiger Stimme fordert der Hypnotiseur die Personen auf, die Augen zu schließen. Er sagt ihnen, dass sich ihr Körper ganz schwer anfühlt und steif wird. Diese motorischen Aufgaben fallen den meisten Kandidaten sehr leicht.

Schnell wird der Hypnotiseur überprüfen, wer seine Muskeln am meisten anspannt. Wenn er die Person ausfindig gemacht hat, folgt häufig der Stuhl-Trick: Der Hypnotiseur hebt die Person an und legt sie waagerecht auf zwei Stühlen ab – Kopf und Schultern auf den einen, die Füße auf den anderen Stuhl. Zum großen Staunen des Publikums ist der Körper der Versuchsperson so angespannt, dass es so aussieht, als läge sie wie ein steifes Brett auf den Stühlen.

Jene Personen, die beim Muskel-Test nicht richtig angespannt waren, wird der Hypnotiseur wieder bitten, sich zurück ins Publikum zu setzen. Jetzt kommt der schwierigere Teil der Show, den nur die Menschen schaffen, die besonders gut hypnotisierbar sind.

Bei den sogenannten sensorischen Aufgaben sollen die Versuchspersonen etwa eine Zitrone essen als sei es eine süße Orange oder Rasierschaum schlecken, als sei es ein Speiseeis.

Filmszene aus "Im Bann des Jade Skorpions": Ein Hypnotiseur mit Turban auf dem Kopf hat ein Paar auf der Bühne in Trance versetzt

Dass seine Kandidaten so gut mitmachen, liegt an der geschickten Vorauswahl des Show-Hypnotiseurs

Ein psychologischer Effekt bewegt zum Mitmachen

Dass Menschen diese Aufforderungen tatsächlich befolgen, liegt zum Teil an der Hypnose. Es gibt aber auch einen sozialpsychologischen Effekt.

Meist ist es für die ausgewählte Person das erste Mal, dass sie auf einer Bühne vor hunderten oder sogar tausenden von Menschen steht. Plötzlich befindet sie sich im Mittelpunkt.

Das Scheinwerferlicht, die Musik, der meist bekannte und populäre Showhypnotiseur – diese Faktoren tragen dazu bei, dass der Kandidat angespannt ist, beschreibt McGill in seinem Buch. "Wenn ich nicht mitmache, blamiere ich den Hypnotiseur und mich selbst. Ich darf die Show nicht ruinieren" – solche Gedanken würden bei vielen aufkommen.

Wenn eine Person auf der Bühne regungslos mit geschlossenen Augen steht, meinen viele, sie sei weggetreten und fremdbestimmt. In Wirklichkeit weiß sie häufig nur nicht, wann sie wieder die Augen aufmachen darf.

Mehrere Menschen sitzen und liegen schlafend auf einer Bühne

Völlig weggetreten? In manchen Fällen wissen die Personen einfach nur nicht, wann sie ihre Augen wieder aufmachen dürfen

Zu groß ist die Angst vor den Lachern des Publikums, wenn sie die einzige Person der ausgewählten Gruppe ist, die die Befehle des Hypnotiseurs nicht befolgt. Der Gruppenzwang trage dazu bei, dass alle kooperieren, beschreibt McGill.

Hinzu komme der Wettbewerbsgedanke, der die Kandidaten unter Erfolgsdruck setzt: Wer merkt, dass Leute aus der Gruppe nach und nach wieder ins Publikum geschickt werden, bei dem steige der Ehrgeiz, besser zu sein und so lange wie möglich auf der Bühne zu bleiben. 

Sozialer Druck, Gruppenzwang und die Angst, sich zu blamieren: Aus diesen Gründen gehorchen viele Kandidaten dem Showypnotiseur.

Bei manchen ist der Druck so hoch, dass sie sogar alberne oder beschämende Dinge mitmachen – beispielsweise wie ein Hahn auf der Bühne herumzustolzieren und dabei laut "Kikeriki" zu rufen. Oder sich eng umschlungen mit einem Stuhl über die Bühne zu drehen, als wäre er ein Tanzpartner.

Die Schattenseite: Gefahren und ethische Probleme

Wie peinlich und entwürdigend diese Aktionen sein können, merken die Personen meist erst hinterher. "Genau darin liegt das ethische Problem der Showhypnose", sagt Ebell. "Wer sich in Hypnose begibt, investiert viel Vertrauen. Das missbrauchen viele Showhypnotiseure, um ihr Publikum zu belustigen." Im schlimmsten Fall kann dieses Bloßstellen auf der Bühne psychische Schäden hinterlassen.

Und auch körperliche Schäden nehmen Hypnotiseure häufig in Kauf: Bei der Aktion, bei der die Person auf zwei Stühlen wie ein steifes Brett abgelegt wird, kann es zum Beispiel zu Wirbelsäulenschäden kommen.

Schwarzweiß-Bild: Eine Person liegt auf zwei Hockern, den Rücken in der Luft durchgestreckt. Ein Junge sitzt auf dem Bauch des Mannes.

Schäden an der Wirbelsäule oder psychische Probleme – die Showhypnose ist früher wie heute nicht ganz ungefährlich

Eine weitere Gefahr: Im Trancezustand können bestimmte Bilder und Geräusche dazu führen, dass die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis wiederaufkommt und die betroffene Person die Situation vor dem inneren Auge noch einmal durchlebt.

Es gibt zum Beispiel einen Fall, bei dem sich eine Person beim Zählen des Hypnotiseurs an eine traumatische Narkose erinnert hat, bei der ebenfalls zu Beginn gezählt wurde. In einem anderen Fall rief das flackernde Bühnenlicht die Erinnerungen an einen Autounfall wach.

An dieser Stelle brauchen die Betroffenen einen Therapeuten, der sie Schritt für Schritt wieder aus dem Trauma herausführt. Dafür haben Bühnenhypnotiseure aber keine Ausbildung. Bühnenhypnotiseur kann grundsätzlich jeder werden – eine qualifizierte Ausbildung oder ein Medizin- oder Psychologiestudium sind dafür nicht nötig.

In zahlreichen Ländern wie England, Schweden und Österreich sind Showhypnosen aus diesen Gründen verboten. In Deutschland wird sie zwar von therapeutisch tätigen Hypnotiseuren und von Ärzten nicht unterstützt und immer wieder kritisiert. Es gibt für öffentliche Events und Fernsehshows aber kein Verbot.

"Hypnose braucht einen ethischen und professionellen Rahmen", sagt Ebell.  Ein seriöser Hypnotiseur hat ein Studium und eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Zusätzlich braucht er eine Weiterbildung in Hypnose von einer der anerkannten Gesellschaften wie etwa die Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose.

Ein kompetenter Hypnosetherapeut geht würdevoll mit seinem Patienten um und arbeitet nicht gegen seinen Willen. Im Gegenteil – er gewährleistet, dass er sich sicher fühlt und arbeitet zusammen mit ihm an seinen Problemen.

In Trance kann der Patient beispielsweise selbst Schmerzen lindern oder schlechte Verhaltensweisen ablegen. "Er wird dadurch in seinem Willen gestärkt", so die Einschätzung Ebells.

Showhypnose versus Therapeutische Hypnose

Die Showhypnose ...
– ist autoritär.
– hat das Ziel, das Publikum zu belustigen und/oder zu verblüffen.
– blamiert häufig die hypnotisierte Person und verletzt ihre Würde.

Die therapeutische Hypnose …
– motiviert den Patienten zum Mitmachen.
– hat das Ziel, zu helfen – zum Beispiel bei schlechten Gewohnheiten wie rauchen oder naschen oder bei Problemen wie Höhenangst.
– stärkt die Würde des Patienten.

Autorin: Katrin Ewert

Stand: 17.09.2018, 09:32

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