Garri Kasparow

Garri Kasparow

Schach

Garri Kasparow

Angriffslustig, innovativ und risikofreudig, aber auch sprunghaft, eitel, reizbar und launisch – so wird Garri Kasparow charakterisiert. Eigenschaften, die ihm den Beinamen "Muhammed Ali des Schachs" einbrachten. Für viele Experten ist er der beste Schachspieler aller Zeiten.

Verblüffende Angriffskunst

Er ist kein Verteidigungskünstler, der vorsichtig abwägt, bevor er seinen nächsten Zug wagt. Vielmehr verblüfft Garri Kasparow gern mit neuen, in der Turnierpraxis noch unbekannten Spielzügen. Mit temporeichen, glanzvoll vorgetragenen Attacken verschafft er sich oft einen raschen Vorteil.

Auch wenn seine verunsicherten Gegner ihn dann noch zu stellen versuchen – meist hat Kasparow die Lage längst besser und gründlicher analysiert. Denn auch das gehört zum Bild des launischen Wunderkindes: Er bereitet sich monatelang sehr methodisch und gewissenhaft auf seine Gegner vor.

"Schach lehrt Logik, Fantasie, Selbstdisziplin und Entschlossenheit", hat Kasparow einmal gesagt – und danach lebt er.

Das Ausnahmetalent

Die Geschichte, wie Kasparows atemberaubenden Karriere begann, klingt wie eine Legende: Bereits im Alter von fünf Jahren soll der kleine Garri für eine Sensation gesorgt haben. Er hatte bis dahin noch nie Schach gespielt. Seine Eltern, beide Ingenieure und begeisterte Schachspieler, beugten sich zu Hause in Baku (heute Aserbaidschan) kopfschüttelnd über eine Schachaufgabe und resignierten schließlich. Aber am nächsten Morgen zeigte ihnen ihr Sohn den Zug zur Lösung.

Schach ist russischer Nationalsport. Kein Wunder, dass in der damaligen Sowjetunion das Ausnahmetalent Kasparows erkannt und entsprechend gefördert wurde, unter anderem durch den Ex-Weltmeister Michail Botwinnik. In dessen Fernschule verfeinerte der junge Garri seine Künste.

Mit 18 Jahren wurde Kasparow 1981 erstmals UdSSR-Meister und eroberte Platz Eins der Weltrangliste. Und zwei Jahre später besiegte er in einem furiosen Match Ex-Weltmeister Viktor Kortschnoi – die letzte große Hürde vor dem Titelkampf gegen Anatoli Karpow, seinen späteren Dauerrivalen.

Der Inder Viswanathan Anand spielt gegen Titelverteidiger Garri Kasparow Schach

Kasparow (links) im Spiel gegen den Inder Anand

Jüngster Weltmeister aller Zeiten

Garri Kasparows größte Stunde schlug am 9. November 1985, als er im Alter von erst 22 Jahren den amtierenden Weltmeister Anatoli Karpow entthronte und damit weltweit Aufmerksamkeit erregte. Kasparow war der jüngste Weltmeister der Schachgeschichte. Vorausgegangen war einer der interessantesten Finalkämpfe überhaupt.

Beide Rivalen waren ein Jahr zuvor schon einmal aufeinander getroffen. Aber dieser erste Wettkampf war im Februar 1985 abgebrochen worden. Schuld daran war der damals umstrittene, mit Karpow befreundete Präsident des Weltschachverbandes FIDE, Felicio Campomanes. Er begründete den Abbruch mit dem "Gesundheitszustand beider Spieler".

Dabei erkannte alle Welt, dass nur einer, nämlich Karpow, mit den Nerven fertig war – und Campomanes seinem Freund im letzten Moment zu Hilfe eilte.

Privatleben und Politik

Von einem Tag auf den anderen war Kasparow weltberühmt. Nach dem sportlichen Erfolg kam auch das private Glück: 1989 heiratete der damals 26 Jahre alte, in Moskau lebende Champion die russische Philologin Maria Kasparowa. 1993 wurde die Tochter Pauline geboren. Lange hielt die Ehe allerdings nicht: Nur ein Jahr darauf reichte Frau Kasparowa die Scheidung ein.

Gibt es im Leben des Superstars noch etwas anderes als Schach? Garri Kasparow bejaht. Er treibt gern Sport, schwimmt, fährt Rad, spielt Fußball oder Tischtennis. Zu seinen Leidenschaften zählt auch die klassische Musik. Nicht zuletzt engagiert sich Kasparow in der Politik: In den 1980er Jahren trat er offen für Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz in der UdSSR ein.

Bis 1989 unterstützte er öffentlich die demokratischen Reformen Michail Gorbatschows. Später rügte er allerdings Gorbatschow und die sowjetische Führung: Moskau habe zuwenig getan, um den blutigen Konflikt zwischen Armenien und Kasparows Heimatland Aserbaidschan einzudämmen.

1990 zählte der Schachweltmeister gar zu den Mitbegründern der Demokratischen Partei und wurde ihr stellvertretender Vorsitzender. Besonders beharrlich verfolgte er seine politischen Ziele allerdings nicht: Als ihm das Parteiprogramm nicht zusagte, trat er ein Jahr später aus.

Nachdem Kasparow sich 2005 vom Schach verabschiedet hatte, engagierte er sich in der russischen Opposition und gründete unter anderem das Bündnis "Anderes Russland". Mit diesem durfte er jedoch nicht zu den russischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2007/08 antreten. Die Begründung: "Anderes Russland" sei keine Partei.

Garri Kasparow macht sich während einer Schachpartie Notizen

Kasparow hat nicht nur Schach im Kopf

Chaos im Weltschach

Auch die Hierarchen der Schachweltorganisation FIDE bekamen 1993 Ärger mit Kasparow: Die Verbandsführung sei unfähig, arbeite unprofessionell, entscheide willkürlich und setze sich nicht genug für die Interessen der Spieler ein, sagte Kasparow.

Gemeinsam mit dem britischen Großmeister Nigel Short weigerte er sich, 25 Prozent der Preisgelder an die FIDE zu zahlen. Die Folge des Skandals: Kasparow wurde der offizielle Weltmeistertitel aberkannt.

Als Reaktion gründeten beide Rebellen in Konkurrenz zur FIDE die "Professional Chess Association" (PCA) – und vermarkteten ihre Spiele selbst. Zwei Jahre später kam es zwar zur "Versöhnung" zwischen beiden Schachverbänden. Aber Kasparow wurde fortan das Image nicht mehr los, eine launische Diva und ein streitlustiger Querkopf zu sein.

Inzwischen gibt es die PCA nicht mehr. Alle Spieler sind wieder unter dem FIDE-Dach versammelt – bis auf Kasparow.

Geschlagen vom eigenen Schüler

Nach fast genau 15 Jahren musste der König des Schach die Krone abgeben. Seine Vorherrschaft endete am 2. November 2000: Der damals 25-jährige Wladimir Kramnik, ein Schüler und Bewunderer Kasparows, schlug in London seinen Lehrmeister und entschied die Schachweltmeisterschaft für sich.

Sportlich ein schmerzlicher Tag, aber finanziell hatte das Schachgenie längst ausgesorgt: nicht nur durch die hohen Preisgelder, sondern auch wegen des großen Erfolgs seiner eigenen Firma, die unter anderem Schulungsprogramme für Schachspieler vermarktet.

Mit wechselndem Erfolg stellte sich der frühere Weltmeister immer wieder Duellen mit Schachcomputern. Unentschieden endete 2003 die Auseinandersetzung mit dem deutschen Schachcomputer "XE3D Fritz" – ein Remis, das Kasparow angesichts seiner einzigartigen Karriere verschmerzt haben wird.

Schachweltmeister Wladimir Kramnik beim Schachspiel.

Kramnik entthronte Kasparow

Autorin: Claudia Kracht

Stand: 08.10.2018, 09:00

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