Der Bundesliga-Skandal 1971

Lothar Ulsaß und Horst Gregorio Canellas auf der Anklagebank

Fußball-Bundesliga

Der Bundesliga-Skandal 1971

Die Fußball-Bundesliga erlebte 1971 den bis dahin schwersten Skandal ihrer Geschichte. Sie drohte in einem Sumpf von Schmiergeldern und Bestechung unterzugehen. 18 Spiele waren in der Endphase der Saison 1970/71 gekauft worden. Über 60 Profis aus zehn Vereinen waren beteiligt, für fast eine Million Mark wurden Punkte wie auf dem Jahrmarkt gehandelt. Diese Krise bedrohte zeitweise die Existenz des deutschen Profi-Fußballs.


Sonderbare Spiele, merkwürdige Ergebnisse

Es war schon merkwürdig: Im Frühling 1971 wurde Horst Gregorio Canellas stutzig. Der Gemüsehändler und Präsident des Bundesligisten Kickers Offenbach stellte verwundert fest, dass seine Kickers ein Spiel nach dem anderen gewannen, 8:2 Punkte holten – und trotzdem nicht aus dem Tabellenkeller herauskamen. Denn die Konkurrenten aus Bielefeld, Oberhausen und Frankfurt siegten ebenfalls, mit zum Teil sonderbaren Ergebnissen. Gerüchte machten die Runde. War etwas faul?

Horst Gregorio Canellas während einer Verhandlung.

Machte den Skandal publik: Horst Gregorio Canellas

Die Befürchtungen bestätigten sich bald: Anfang Mai 1971 schellte bei Canellas das Telefon. Am Apparat war Manfred Manglitz, Torwart des 1. FC Köln. Er verlangte 25.000 Mark von Canellas. Falls das Geld nicht fließe, werde er im Spiel gegen Offenbachs Abstiegs-Konkurrenten Rot-Weiß Essen "einige Dinger durchlassen". Canellas zahlte – und Köln gewann 3:2.

Die Bombe platzt bei Kaffee und Kuchen

Am Sonntag, den 6. Juni 1971, am Tag nach dem Saisonende, wurde Canellas 50. Viel Prominenz kam zum Gartenfest, darunter auch Bundestrainer Helmut Schön. Die Stimmung war gut – bis Canellas plötzlich zur Mittagszeit ein Tonband aufstellen ließ. Es erklangen die Stimmen von Wild, Patzke und Manglitz. Vor laufenden Kameras gefror den fassungslosen Gästen das Blut in den Adern.

So taumelte die Bundesliga in den schwersten Skandal ihrer Geschichte. Es wurde ein heißer Nachrichten-Sommer mit immer neuen Enthüllungen und Gerüchten. Über Wochen hinweg hatten die Zeitungsschlagzeilen nur ein Thema. Es stellte sich nämlich heraus, dass in der Endphase der Bundesliga-Saison 1970/71 insgesamt 18 Partien gekauft worden waren. Fast jedes für den Abstieg bedeutsame Spiel wurde manipuliert. War das nur die Spitze des Eisbergs?

Horst Gergorio Canellas hält in seinem Garten eine Pressekonferenz ab

Pressekonferenz im heimischen Garten

Szenen wie in Spionage-Filmen: Geheime Gelder wurden bei konspirativen Treffen übergeben, in Hinterzimmern, auf Parkplätzen und Autobahn-Raststätten. Für insgesamt fast eine Million Mark wurden Punkte versilbert.

Mehr als 60 Spieler waren in den Bestechungsskandal verwickelt, zehn der 18 Erstliga-Clubs hatten damit zu tun: Arminia Bielefeld, FC Schalke 04, Kickers Offenbach, 1. FC Köln, Hertha BSC Berlin, Eintracht Braunschweig, VfB Stuttgart, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Frankfurt, MSV Duisburg.

Dagegen hatte sich ausgerechnet Tabellen-Schlusslicht Rot-Weiß Essen aus dem Gemauschel herausgehalten. Dafür mussten die Essener ihr ehrenhaftes Verhalten allerdings mit dem Abstieg bezahlen.

"Eiserne Pfähle einbetonieren"

Der DFB reagierte, in Gestalt von Hans Kindermann. Der Richter am Stuttgarter Landgericht war beim DFB Vorsitzender des Kontrollausschusses.

Der Fußball-"Chefankläger" machte erstmal kurzen Prozess: Bereits sieben Wochen nach der Geburtstagsparty fielen am 24. Juli 1971 in Frankfurt die ersten Urteile. Wild und Manglitz wurden auf Lebenszeit gesperrt, Patzke für zehn Jahre. Manglitz musste 25.000 Mark Strafe zahlen. Kickers Offenbach wurde für zwei Jahre die Lizenz entzogen.

Schwarzweiß-Foto der Spieler Tasso Wild, Bernd Patzke und Manfred Manglitz beim Verlassen des Sportgerichts am 24. Juli 1971.

Rote Karte vor Gericht: Wild, Patzke und Manglitz

Damit nicht genug. Horst Gregorio Canellas konnte es kaum fassen: Er durfte nie wieder ein Amt innerhalb der DFB-Organisation ausüben. Und das, obwohl er maßgeblich - und wie er sagte, in Absprache mit dem DFB – zur Aufdeckung des Skandals beigetragen hatte. Erst fünf Jahre später wurde er begnadigt.

Noch erstaunlicher war aus heutiger Sicht, dass der DFB die Ergebnisse aller nachweislich "verkauften" Spiele nicht etwa annullierte, sondern ganz regulär für die Bundesligastatistik wertete.

Kindermanns Arbeit war noch nicht erledigt: Geschlagene zwei Jahre lang, bis zum Sommer 1973, verhörte er an Wochenenden und in seiner Freizeit verdächtige Spieler. "Wir müssen eiserne Pfähle einbetonieren, sonst reißen alle Dämme", lautete die Devise des Juristen.

Das Ergebnis: Bestraft wurden 53 Spieler, zwei Trainer und sechs Funktionäre. Im April 1972 wurde Arminia Bielefeld, der am tiefsten in den Skandal verstrickte Verein, in die Regionalliga zwangsversetzt.

Schwarzweiß-Foto: Hans Kindermann mit einer anderen Person an einem Tisch

DFB-"Chefankläger" Hans Kindermann (Links) legte den Sumpf trocken

"FC Meineid": Der Fall Schalke 04

Schalke 04 hatte eigentlich anfangs nur eine Nebenrolle in diesem hässlichen Schmierenstück gespielt. Die "Knappen" hatten vor ihrem Heimspiel gegen Bielefeld am 17. April 1971 einen Geldkoffer mit 40.000 Mark angenommen. Für jeden Schalker – darunter Stars wie Libuda, Rüssmann, Fischer, Fichtel – blieben also etwa 2300 Mark. "Peanuts" im Vergleich zu anderen Bestechungssummen. Bielefeld hatte das Spiel 1:0 gewonnen. Aber ein Nachspiel folgte.

Hätten die beschuldigten Schalker Profis die Bestechlichkeit zugegeben, wären sie vermutlich mit einer vergleichsweise milden Strafe vor dem Sportgericht davongekommen. Um einer Sperre zu entgehen, beteuerten sie aber hartnäckig, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben, und deckten sich gegenseitig.

Schwarzweiß-Foto: Bielefelder Spieler jubeln nach einem Tor

Stein des Anstoßes: Bielefeld gewinnt 1:0 gegen Schalke

Kindermann blieb hart. Die acht Schalker Profis wurden schließlich vor dem Landgericht Essen wegen Meineids angeklagt. Dieser Prozess zog sich mehrere Jahre hin, bis Ende 1975. So wurde aus dem Bundesliga-Skandal später in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schalke-Skandal.

Die Schalker Spieler standen bereits mit einem Bein im Gefängnis. Sie mussten dankbar sein, dass sie von den Essener Richtern am 22. Dezember 1975 lediglich zu hohen Geldstrafen verdonnert wurden.

Erst im Februar 1976 verhängte der DFB die letzten Sperren an Schalker Profis – fast fünf Jahre nach der Geburtstagsparty von Canellas. Dann erst wurde der Bundesliga-Skandal endgültig zu den Akten gelegt.

Schwarzweiß-Aufnahme: Blick auf eine Anklagebank, auf der mehrere Personen zu sehen sind

Die Schalker auf der Anklagebank

Nach dem Skandal

Der deutsche Fußball hat das bis dato schwärzeste Kapitel in der Bundesliga-Geschichte alles in allem gut überstanden. Zwar gingen infolge des Bestechungs-Skandals zwei Jahre lang die Zuschauerzahlen zurück. Den Tiefpunkt verzeichnete die Liga in der Saison 1972/73, als insgesamt nur knapp über fünf Millionen Zuschauer die Spiele sehen wollten.

Im Sommer 1973 beendete Hans Kindermann seine Ermittlungen: "Wir haben zu fast 100 Prozent aufgeklärt!" Und schon ein Jahr später, als die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik stattfand, wollte kaum noch jemand etwas von Bestechung hören. Die Fans strömten wieder in die Stadien, als ob nichts gewesen wäre.

Autorin: Claudia Kracht

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Stand: 19.06.2018, 12:08

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