Nachbarschaft

Zwei Frauen stehen in einer Tür, die eine gibt der anderen eine Packung Mehl

Wohnen

Nachbarschaft

Von Annika Franck

Fast jeder Mensch hat Nachbarn. Aber was genau spielt sich zwischen Gartenzäunen und in Treppenhäusern ab? Nachbarn müssen nicht unbedingt Freunde sein. Es geht um die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz, sagen Experten.

"Nachbarschaft ist eins der wenigen Dinge, die komplett voraussetzungslos sind. Fast jeder Mensch hat Nachbarn, und deshalb lohnt es sich, diese kleine Keimzelle von Gesellschaft näher anzusehen", sagt der Bielefelder Soziologe Sebastian Kurtenbach. Denn die Nachbarschaft spielt im Leben der meisten Menschen durchaus eine Rolle, ob sie wollen oder nicht.

Gute Nachbarschaft ist nicht für jeden das Gleiche

Was aber ist gute Nachbarschaft? Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz, meinen Experten. Allerdings ist gute Nachbarschaft nicht für jeden das Gleiche, sondern individuell sehr unterschiedlich.

"Gute Nachbarschaft ist eigentlich eine, die offen ist, in der man respektiert, dass es ein Mehr oder Weniger an Nähe gibt. Dass man die Bedürfnisse der Nachbarn akzeptiert, ohne sich dem zu unterwerfen", erklärt der Sozialpsychologe Volker Linneweber von der Universität des Saarlandes.

Welches Bedürfnis Menschen nach Nachbarschaft haben, verändert sich oft im Laufe eines Lebens. "Der Student ist vielleicht ganz froh, wenn er nicht so viel mit seinen Nachbarn zu tun hat – es sei denn, man lebt zusammen im Studentenwohnheim und macht eine Feier", nennt Soziologe Kurtenbach als Beispiel.

Mit Berufstätigkeit und Familiengründung spiele Nachbarschaft dann oft eine weitaus wichtigere Rolle: Man trifft sich, hilft sich beispielsweise bei der Kinderbetreuung. Auch ältere Menschen sind manchmal auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen.

Bedeutung von Nachbarschaft hat sich verändert

Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass sich der Stellenwert von Nachbarschaft auch historisch verändert hat. Früher, in vorindustrieller Zeit, als die meisten Menschen auf dem Land lebten, war gegenseitige – nachbarschaftliche – Hilfe eine Notwendigkeit.

Man half sich bei der Ernte, beim Bau von Häusern, kümmerte sich gemeinsam um die Einlagerung von Lebensmitteln. Es gab verbindliche Netzwerke. Nachbarn waren häufig aufeinander angewiesen.

Historische Aufnahme von drei Frauen, die sich vor einen Pflug gespannt haben

Früher waren Menschen auf dem Land auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen

In schwierigen Zeiten rücken Menschen wieder zusammen

Mit der Industrialisierung zogen viele Menschen in die Städte, Wohnen und Arbeiten  waren erstmals getrennt. Die Nachbarn traf man nur noch gelegentlich, zum Beispiel um Neuigkeiten und Tratsch auszutauschen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Menschen zunächst wieder stärker zusammenrücken. Mit dem Wirtschaftsaufschwung und mehr Wohlstand zogen sich die Menschen dann wieder vermehrt in ihre Privatsphäre zurück – der Kontakt zu den Nachbarn wurde verzichtbar.

Auch heute muss die Nachbarschaft keine große Rolle mehr spielen. Dennoch ist es lohnenswert, sich mit dem Umfeld auseinanderzusetzen – zum Beispiel bevor man umzieht. Denn wer neben oder über einem wohnt, sei eigentlich deutlich wichtiger für den Alltag als die Frage, ob man in der neuen Wohnung ein Gäste-WC hat, meint Sozialpsychologe Linneweber.

"Man sollte sich also ruhig die Nachbarschaft genauer ansehen", rät er. Denn während man Beziehungen zu Freunden im schlimmsten Fall beenden kann, geht das mit den Nachbarn nicht so leicht.

Lärm und Auto haben das größte Konfliktpotenzial

So kommt es immer wieder zu Konflikten unter Nachbarn. Zoff gibt es vor allem wegen Lärms, (falsch geparkter) Autos und wegen Gemeinschaftsaufgaben, die nicht zufriedenstellend erledigt werden.

Interessant in diesem Zusammenhang: Wenn Konflikte eskalieren – bundesweit landen laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) weniger als zwei Prozent der Nachbarschafts-Streitigkeiten vor Gericht – erinnern sich die Kontrahenten meist nicht mehr, was die eigentliche Ursache für den Konflikt war.

"Der Urknall des Konfliktes wird zunehmend unwichtiger im Laufe seiner Entwicklung. Der Konflikt selbst ist wie ein Tornado, der aus sich selbst heraus Energie gewinnt und immer kräftiger wird", erklärt Volker Linneweber.

Aufeinander achten

Es lohnt sich also, die Eskalation von Konflikten zu vermeiden. Besser sei es, raten Experten, sich bei den Nachbarn vorzustellen und immer mal wieder ein Schwätzchen zu halten oder sich gegenseitig mit kleinen Dingen zu helfen, um das Vertrauen in die Nachbarschaft zu stärken.

Wenn man aufeinander achtet, kann das entstehen, was Wissenschaftler "Kollektive Wirksamkeit" nennen, wie Soziologe Sebastian Kurtenbach erklärt: "Wenn ich meiner Nachbarschaft vertraue und die Erwartung habe, dass sie sanktionierend eingreift, wenn abweichendes Verhalten stattfindet, dann steigt auch meine Bereitschaft dazu, einzugreifen, wenn irgendetwas schiefläuft in der Nachbarschaft oder im Stadtteil."

Zwei Nachbarn haben Heckenscheren in der Hand und schauen sich über die Hecke hinweg böse an

Unterschiedliche Erwartungen führen häufig zu Konflikten unter Nachbarn

Nachbarschaft in Zeiten der Digitalisierung

Heute verabreden sich immer mehr Menschen über Internet-Portale wie nebenan.de und lokale Facebook-Gruppen. Man tauscht und leiht Dinge oder organisiert gemeinsame Zusammenkünfte.

Diese Gruppen, meint Sebastian Kurtenbach, erfüllen ein Bedürfnis: "Nämlich Kontakt zu haben zu Leuten, die einem ähnlich sind, ähnliche Interessen haben. Durch die Möglichkeiten der Digitalisierung werden wir uns stärker dessen bewusst, wer eigentlich um uns herum wohnt." Und so öffnet die digitale Welt einen weiteren Weg, auch mit echten Menschen im echten Leben in Kontakt zu treten.

Stand: 04.06.2019, 10:31

Darstellung: