Kalevipoeg – das estnische Nationalepos

Estland: Der Riese Kalevipoeg

Estland

Kalevipoeg – das estnische Nationalepos

Von Christine Buth

Kalevipoeg, der jüngste Spross aus dem Riesengeschlecht der Kaleviden, soll Estlands Landschaft geformt haben. Er hat auch das estische Selbstbewusstsein geprägt: Seine Geschichte wurde zum Nationalepos und zum Grundstein der Unabhängigkeitsbewegung.

Der Sohn des Kalev

Die Hügel der Drumlinslandschaft entstanden, als er mit bloßen Händen den Boden pflügte, und die Findlinge, die über ganz Estland verstreut sind, hat er nach seinen Feinden geworfen.

Kalevipoeg wird mit einigen Privilegien geboren: bärenstark, riesengroß, des Königs Jüngster. Aber er hat ein schweres Schicksal. Sein mächtiger Vater, der Riese Kalev, ist schon vor seiner Geburt gestorben, und seine menschliche Mutter wird von einem finnischen Zauberer entführt und geschändet.

Kalevipoeg macht sich auf die Suche nach ihr – zunächst ohne zu wissen, dass seine Mutter längst tot ist. Es beginnt eine Entdeckungsreise, die den Sohn des Riesen mehrmals in die Hölle führt, aber nie an das Ende der Welt, das er eigentlich sucht.

Ein großer Felsbrocken liegt an der Küste im Wasser, um ihn herum viele kleinere.

Wurfgeschoss des Riesen oder Überbleibsel aus der Eiszeit?

Kalevipoegs Reise ist ein fast ununterbrochener Kampf: gegen wilde Tiere, Naturgeister mit Zauberkräften und den Teufel. Dank seiner Riesenkräfte und seines mächtigen Schwerts gelingt es Kalevipoeg jedoch, jeden Gegner zu besiegen. Sogar den Teufel, den er mit Eisenketten an eine Mauer fesselt.

Kalevipoegs Kämpfe formen auch das heutige Estland: Er drängt das Meer zurück, verändert Flussläufe, gründet Städte und macht mit seinem Schweiß den Acker fruchtbar. Er bereitet also den Boden für seine Nachfahren – das Volk der Esten.

Kalevipoeg begeht viele Heldentaten – aber er ist kein klassischer Held. Er ist auch ein Zerstörer, ein Vergewaltiger, ein Mörder. Von dem Vater eines Jungen, den er im Suff erschlagen hat, wird Kalevipoeg schließlich mit einem Fluch belegt: Er soll durch sein eigenes Schwert sterben.

Am Ende des Epos geschieht das dann auch. Das Schwert missversteht Kalevipoegs Anweisungen und schneidet ihm beide Beine ab, woraufhin er jämmerlich verblutet.

Die Götter machen ihn daraufhin zum Wächter der Hölle. Auf das blutige Ende folgt die Hoffnung: Das Epos endet mit der Aussicht, dass Kalevipoeg eines Tages zurückkehren wird, um das Land der Esten zu befreien und seinem Volk Glück zu bringen.

Die Entstehung des Nationalepos

Die Geschichte von Kalevipoeg entstand wie die Märchen der Brüder Grimm: indem zwei Männer alte Volkserzählungen zusammentrugen. Friedrich Reinhold Kreutzwald und Friedrich Robert Faehlmann waren allerdings keine Brüder, sondern Gelehrte an der Universität von Tartu.

Und anders als ihre Namen vermuten lassen, waren die beiden auch keine Deutschen, sondern Esten. Deutsche Namen hatten sie, weil sie aus armen Familien kamen und es damals Sitte war, dass die deutschen Gutsherren ihren Bediensteten deutsche Namen gaben.

Faehlmann war der Begründer der "Gelehrten Estnischen Gesellschaft" an der Uni von Tartu, und es war seine Idee, die Erzählungen um den Riesen Kalevipoeg zu einem Epos zusammenzustellen, das ihn als den ursprünglichen König der Esten zeigen würde, der für die Freiheit des Staates kämpft.

Faehlmann starb 1850 an Tuberkulose und Kreutzwald setzte seine Arbeit fort. Dabei begegnete er schnell einem großen Problem: Es gab fast keine Quellen. Nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft waren kaum spezifisch estnische Erzählungen erhalten geblieben.

Die Grundlage des Werkes konnten also nur wenige Überlieferungen bilden. Der weitaus größte Teil der 20.000 Verse war deshalb Kreutzwalds eigene literarische Leistung: Er ergänzte die wenigen Bruchstücke und machte aus dem übellaunigen vergewaltigenden Riesen, den die meisten Esten aus Überlieferungen kannten, den Vater des estnischen Volkes.

Ein estnisches Selbstbewusstsein

1862 wurde "Kalevipoeg" veröffentlicht. Heute gilt Friedrich Reinhold Kreutzwald als Vater der estnischen Literatur. Denn diese Veröffentlichung war bedeutend für die Entwicklung eines nationalen Bewusstseins in Estland: Kreutzwalds Epos gab den Esten eine gemeinsame Geschichte.

Kreutzwald gilt als einer der ersten Verfechter der Idee eines unabhängigen estnischen Staates. Schließlich endet Kalevipoeg mit der Aussicht, dass der Riesensohn eines Tages zurückkehren wird, um das Land der Esten zu befreien.

Das erste Sängerfest in Tartu, wenige Jahre nach der Veröffentlichung von "Kalevipoeg", war ein weiteres Zeichen für das Erwachen einer nationalen Unabhängigkeitsbewegung in Estland. Aber erst 1991 war es so weit, dass die Esten ihre Unabhängigkeit wirklich leben konnten.

Das ganze Foto ist ausgefüllt mit Sängerinnen in traditioneller Kleidung.

Alle fünf Jahre findet in Tallinn das Sängerfest statt

Weiterführende Infos

Stand: 12.03.2019, 10:13

Darstellung: