Litauen

Die Wasserburg Trakai

Baltische Staaten

Litauen

Burg Trakai in der Hauptstadt Vilnius symbolisiert die wechselhafte Geschichte der Litauer, die sich oft wehren mussten gegen Eroberer, Fremdherrschaft und Unterdrückung. Heute ist Litauen als Mitglied der Europäischen Union in Europa angekommen.

Burg Trakai – das Zentrum von Vilnius

Dass es die litauische Hauptstadt Vilnius überhaupt gibt, verdanken die Litauer einem eisernen Wolf: Der erschien Anfang des 14. Jahrhunderts dem Großfürsten Gediminas schaurig heulend im Traum. Der geübte Jäger versuchte ihn zu erlegen, doch alle Pfeile prallten ab. Beeindruckt ließ Gediminas an der Stelle eine ebenso wehrhafte Burg errichten. Deren Turm ist heute das Zentrum von Vilnius.

Der Mittelpunkt Europas?

Litauen ist der Mittelpunkt Europas. Das entspricht nicht nur einem frommen Wunsch der Litauer, sondern auch den offiziellen Berechungen des nationalen Geografieinstituts Frankreichs. Die dortigen Wissenschaftler haben 1989 den sogenannten Flächenschwerpunkt des Kontinents ermittelt.

Sie zogen zwei Linien zwischen Gibraltar und dem Ural sowie dem Nordkap und Kreta und bestimmten so das europäische Zentrum mitten in der litauischen Provinz: in der Nähe des verlassenen Dörfchens Purnuškės, an der Autobahn A14, 26 Kilometer nördlich von Vilnius. 25 Grad, 19 Minuten östlicher Länge und 54 Grad, 54 Minuten nördlicher Breite – so lauten die offiziellen Koordinaten.

Dummerweise gibt es mehrere Möglichkeiten, den Mittelpunkt eines Kontinents zu berechnen. Und nicht jeder gönnt den Litauern ihre Attraktion. Auch in Polen, Tschechien, der Slowakei sowie der Ukraine, in Ungarn, Estland, Bayern, Sachsen und sogar in Norwegen gibt es Orte, die den Mittelpunkt des Kontinents für sich beanspruchen.

Wunsch nach Integration in Europa

In Litauen hat man die Berechnung der Franzosen selbstverständlich begeistert aufgegriffen. 2004 wurde an der entsprechenden Stelle eine Säule mit goldenen Sternen an der Spitze aufgestellt. Einige Kilometer entfernt befindet sich dem Mittelpunkt zu Ehren der Skulpturenpark "Europos Parkas". Für die Litauer ist die Markierung ein wichtiges Symbol ihrer europäischen Integration.

Ein übergroßer Sessel im Skulpturenpark "Europos Parkas".

Sich selbst klein fühlen im Skulpturenpark

Seit der Erklärung ihrer nationalen Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1990 bemühten sich die litauischen Regierungen um eine Aufnahme in die Europäische Union. Zum Jahreswechsel 2003/2004 ging dieser Wunsch in Erfüllung. Eines der wichtigsten Argumente gegenüber den Europa-Skeptikern im eigenen Land lautete: Nur so kann uns niemand mehr die nationale Eigenständigkeit nehmen.

Gekränkt von Vorurteilen und Desinteresse

20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion haben jedoch viele Menschen in der Europäischen Union immer noch ein von Vorurteilen bestimmtes Bild – oder wissen kaum etwas über das Land.

Für die Litauer, die sich stark an Europa und insbesondere an Deutschland orientieren, ist das eine herbe Enttäuschung. Sie reagieren teils gekränkt, wenn man Litauisch als russischen Dialekt oder sie als Osteuropäer bezeichnet. Sie sind stolz auf ihre vielfältige und sprachwissenschaftlich interessante Sprache.

Und Osteuropäer sind aus litauischer Sicht Russen, Ukrainer und gerade noch Weißrussen – sich selbst bezeichnen sie als Zentraleuropäer. Diese Sensibilität erklärt sich aus einer wechselvollen Geschichte. Litauen stand Zeit seiner Existenz im Schatten seiner größeren Nachbarn Polen, Russland und Preußen und musste gegen die Unterdrückung der eigenen Kultur ankämpfen.

Unterwerfungsversuche und Abhängigkeiten

Litauen feierte im Jahr 2009 einen wichtigen Geburtstag: 1000 Jahre zuvor war das Land erstmals als "Litua" in den sogenannten Quedlinburger Annalen erwähnt worden. Dort ist die Rede von dem christlichen Missionar Bruno von Querfurt: Er starb bei dem Versuch, die dort lebenden Heiden zum römisch-katholischen Glauben zu bekehren.

Gegen die ihm folgenden Kreuzritter des missionseifrigen Deutschen Ordens wehrten sich die Litauer ebenso beharrlich – bis zum Ende des 14. Jahrhunderts.

Holzstich von 1860 illustriert die Eroberung von Kaunas durch den Deutschen Orden.

Der Deutsche Orden eroberte Kaunas im Jahr 1362

Damals hatte Litauen den Status einer europäischen Großmacht erlangt und reichte bis zum Schwarzen Meer. Darüber hinaus entschloss sich das Land zu einer Staatsunion mit dem katholischen Nachbarn Polen: Die beiden Länder waren ab 1385 über vier Jahrhunderte lang Partner. Die Führungsrolle übernahm Polen; das wurde in der 1569 erneuerten Union von Lublin auch schriftlich festgehalten.

Erst die dritte Teilung Polens im Jahr 1795 setzte dem Bündnis ein bitteres Ende: Beide Länder verschwanden von der Landkarte – aufgeteilt unter den Großmächten Österreich, Preußen und Russland. Der Großteil Litauens war für die folgenden 123 Jahre von Russland besetzt.

Die erste Republik – Litauen wird unabhängig

Erst das Ende des Ersten Weltkrieges ermöglichte am 16. Februar 1918 die Gründung einer unabhängigen Republik. Doch aus litauischer Sicht blieb ein Wermutstropfen: Die Großstadt Vilnius mit ihrem berühmten Gründungsmythos wurde von Polen beansprucht und das Nachbarland setzte sich in einem erneuten Krieg im Jahr 1920 durch.

Der Kathedralenplatz in Vilnius.

Vilnius gehörte ab 1920 zum polnischen Staatsgebiet

Das Gebiet von Klaipėda, das damalige Memelland, konnten die Litauer dagegen im Januar 1923 annektieren. Hauptstadt der ersten Litauischen Republik wurde Kaunas. Die junge Demokratie konnte sich jedoch nicht lange halten. Ex-Präsident Antanas Smetona löste nach einem Militärputsch 1926 das Parlament auf und regierte fortan autoritär.

Rote Armee und Deutsche Wehrmacht verbreiten Terror und Tod

Mit dem Einmarsch der Roten Armee im Juni 1940 kam der Terror nach Litauen. Wer sich verdächtig machte, eine antisowjetische Gesinnung zu besitzen, wurde deportiert.

Ein Jahr später eroberte die Deutsche Wehrmacht innerhalb einer Woche das gesamte Land. In den nun folgenden Monaten töteten die Deutschen 90 Prozent der damals 230.000 Menschen zählenden jüdischen Minderheit – zum Teil mithilfe litauischer Kollaborateure. Gestoppt wurden diese Verbrechen erst durch den erneuten Einmarsch der Roten Armee.

Eine historische Lok von vorne.

Viele Litauer wurden in die Gulags gefahren

Der Terror war für die Litauer damit jedoch noch lange nicht zu Ende: Rund 350.000 tatsächliche oder angebliche Regimegegner wurden bis Mitte der 1950er Jahre in Gulags, die sowjetischen Strafgefangenenlager, deportiert und fanden dort meist den Tod. Erst die sogenannte Singende Revolution Ende der 1980er Jahre beendete die sowjetische Okkupation. Litauen, zurück auf der Landkarte Europas, war wieder ein unabhängiger Staat.

Litauen heute: ein Land der Gegensätze

Der Fall des Eisernen Vorhangs in Europa hat das Reisen für westliche Touristen nach Litauen vereinfacht. Das Land gehört mittlerweile zum Schengener Abkommen – sämtliche Kontrollen an der Grenze entfallen. Vilnius, nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt, ist ein beliebtes Reiseziel für Wochenendurlauber geworden. Aber auch die anderen Großstädte, Kaunas und Klaipėda, sowie die Kurische Nehrung ziehen viele Touristen an.

Wer sich Zeit nimmt, erlebt ein Land voller Gegensätze: Da sind die dichten Kiefernwälder neben riesigen Wanderdünen auf der Kurischen Nehrung; die heidnischen Mythen, die trotz des tief verwurzelten katholischen Glaubens bis heute äußerst populär sind. Und der trotz ihrer wechselhaften Vergangenheit der unerschütterliche Glaube der Litauer an ihr Land.

Eine Düne auf der Kurischen Nehrung, im Vordergrund Kiefernzweige.

Mittelmeer-Idylle an der Ostsee: die Kurische Nehrung

Autorin: Jennie Radü

Stand: 25.01.2018, 15:00

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