Die Singende Revolution

Eine Menschenmenge von vorne, lettische Flaggen schwenkend.

Lettland

Die Singende Revolution

Am 23. August 1989 demonstrierten zwei Millionen Menschen in drei verschiedenen Ländern gemeinsam für ihre staatliche Unabhängigkeit und sangen die alten verbotenen Volkslieder – es war die "Singende Revolution" von Letten, Esten und Litauern.

Der Wunsch nach Freiheit wächst

Es war eine Zeit des Umbruchs. In den späten 1980er Jahren debattierten die Menschen im Baltikum über die damals brisanten Themen: Sie trafen sich in politischen Klubs, drückten ihren Unmut über die Russifizierung aus, diskutierten ökonomische Fragen und engagierten sich für Umweltschutz. Ermutigt fühlten sie sich vom sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow mit seinen Grundsätzen von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau).

Doch die Wünsche der Menschen im Baltikum gingen weit über die Ideen des Machthabers in Moskau hinaus. Die ab dem Jahr 1988 wiederbelebte Tradition der Sängerfeste stärkte das nationale Selbstbewusstsein von Letten, Litauern und Esten. Sie sehnten sich nach Unabhängigkeit – und sie setzten sich zunehmend offen mit der Frage auseinander, wie es dazu kam, dass sie sie verloren.

Mitten in diese Zeit fiel der 50. Jahrestag des geheimen Paktes zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion, der das Schicksal der drei baltischen Staaten besiegelt hatte.

Der Hitler-Stalin-Pakt

Über den Vertrag wunderte sich nach seinem Abschluss am 23. August 1939 die ganze Welt. Die beiden verfeindeten Diktaturen hatten einen Nicht-Angriffspakt geschlossen.

Was damals jedoch niemand ahnte: Zusätzlich unterzeichneten der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Wjatscheslaw Molotow, im Auftrag von Hitler und Stalin auch ein geheimes Zusatzprotokoll: Darin teilten die beiden Großmächte Mittel- und Osteuropa untereinander auf.

Menschen halten bei einer Demonstration Plakate mit den Köpfen von Hitler und Stalin, die durchgestrichen sind.

Letten und Esten erinnern 1989 an den Pakt

Lettland und Estland wurden dabei sofort der Sowjetunion zugesprochen, Litauen folgte in einer zweiten Fassung vom 28. September 1939 im Tausch gegen einige Regionen Polens.

Im Juni 1940 eroberten die sowjetischen Truppen wie verabredet die drei Länder. Als die Nationalsozialisten 1941 den Pakt brachen und die Sowjetunion überfielen, besetzten sie zwar auch das Baltikum.

Im Jahr 1944 gewann die Rote Armee jedoch ihre Macht über Lettland, Litauen und Estland zurück und alle drei Länder wurden erneut zu Sowjetrepubliken – gegen ihren Willen.

Pläne für eine symbolträchtige Demonstration

50 Jahre später leugnete die Moskauer Regierung weiterhin hartnäckig, dass es die geheimen Zusatzprotokolle des Hitler-Stalin-Paktes gab. Um auf das ihnen geschehene Unrecht aufmerksam zu machen, planten die Volksfronten, die sich in Lettland und Estland gebildet hatten, gemeinsam mit der litauischen Massenbewegung "Sajudis" eine riesige Demonstration.

Eine Menschenkette sollte das gesamte Baltikum miteinander verbinden – möglichst auf der gesamten Strecke zwischen den Hauptstädten Tallinn, Riga und Vilnius.

Frauen und Mädchen singen in regionaltypischer Tracht.

Wachsendes Selbstvertrauen: Frauen in lettischer Tracht

Wie kühn die Pläne waren, zeigt allein die Gesamteinwohnerzahl der drei Länder von knapp sieben Millionen Menschen. Damit das Vorhaben gelingen konnte, musste etwa jeder zehnte Bürger bei der Aktion mitmachen und sich auch in den weniger dicht besiedelten Regionen entlang der Strecke postieren.

Das war nicht nur ein großer Aufwand, sondern darüber hinaus ein unkalkulierbares Risiko. Keiner wusste, wie die Machthaber auf den Protest reagieren würden. Eine regimefeindliche Demonstration hatte es in diesem Ausmaß in der Sowjetunion noch nie gegeben.

Menschenkette quer durchs Baltikum

Trotz dieser Befürchtungen war die Resonanz überwältigend: Es kamen Männer und Frauen, Alte und Kinder, Esten, Letten, Litauer und Russen. Selbst kommunistische Lokalpolitiker beteiligten sich an der Aktion, Nachbarn brachten Essen, und Ordnungskräfte hielten den Verkehr an. So reichten sich an diesem Abend des 23. August 1989 um 19 Uhr zwei Millionen Menschen für eine Viertelstunde schweigend die Hände.

Die Menschenkette entlang einer Straßenbahntrasse in Tallinn.

Zwei Millionen Menschen eint der Wunsch nach Freiheit

Die Kette erstreckte sich über 600 Kilometer von der Nordküste Estlands bis in den Südosten Litauens. Anschließend sangen sie bis spät in die Nacht die alten Volkslieder und schwenkten trotzig die verbotenen Flaggen. Das Ereignis wurde als "Baltic Way" weltweit berühmt.

Zurückhaltung in Moskau und ein kleiner Erfolg

In Moskau bemühte man sich, die Balten nicht ernst zu nehmen. Sowjetische Medien machten die Protestaktion entweder lächerlich oder berichteten gar nicht erst über sie.

Knapp vier Monate später wurde jedoch in der Erklärung des Kongresses der Volksdeputierten in Moskau erstmals die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls zugegeben. Ein Schuldeingeständnis war das freilich nicht.

Doch die Menschen in Litauen, Lettland und Estland spürten, dass sie etwas bewegen konnten. Die Unabhängigkeit der drei Sowjetrepubliken schien möglich.

Ein Mann steht in der Dunkelheit unmittelbar vor einem Panzer.

Mut gegen Panzer: ein Demonstrant 1991 in Vilnius

Blutiger Kampf um die Unabhängigkeit

Nach den ersten freien Wahlen im Februar 1990 erklärte der neu gewählte litauische Parlamentspräsident Vytautas Landsbergis sein Land als erste Sowjetrepublik am 11. März 1990 für unabhängig. Lettland und Estland folgten kurz darauf.

Doch noch war die Lage im Baltikum instabil und sie verschärfte sich zum Jahreswechsel: Am 13. Januar 1991 stürmten sowjetische Einheiten den Fernsehturm in Vilnius. Unbewaffnete Bürger versammelten sich daraufhin in den Straßen und versuchten verzweifelt, das nahe gelegene Parlament und die Abgeordneten zu schützen.

Särge, aufgereiht und in litauische Flaggen gehüllt, drum herum viele Menschen.

Allein in Vilnius werden 14 Menschen getötet

Die Putschisten nahmen keine Rücksicht: 14 Zivilisten wurden getötet, hunderte verletzt. Auch in Riga versuchten die Menschen über mehrere Tage hinweg, den Rundfunk und das Parlament mit Straßenbarrikaden vor den Angriffen sowjetischer Spezialtrupps zu schützen. Am 20. Januar 1991 ließen hier noch einmal fünf Menschen ihr Leben.

Trotz ihrer militärischen Überlegenheit konnte die Sowjetunion jedoch langfristig nichts mehr gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Länder ausrichten.

Die tödlichen Übergriffe von Vilnius und Riga wurden sowohl im westlichen Ausland als auch von russischen Reformern kritisiert. Rückblickend waren die Putschversuche ein letztes Aufbäumen der kommunistischen Supermacht kurz vor ihrem endgültigen Zerfall.

Stand: 12.03.2019, 11:00

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