Die Sagas – Heldengeschichten aus Island

Isländisches Saga Manuskript aus der Thjodarbokhladan Bibliothek

Island

Die Sagas – Heldengeschichten aus Island

Isländer lieben gute Geschichten. Diese Leidenschaft reicht Jahrhunderte weit zurück und äußert sich ganz besonders in den Isländersagas. Die Sagas sind volkssprachliche Erzählungen aus dem Mittelalter. Sie wurden zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert geschrieben und werden von den Isländern als ihr wichtigstes Kulturgut betrachtet. Sie zählen zu den bedeutendsten europäischen Schriften.

Bauer erschlägt Bauer

Übersetzt heißt Saga Geschichte und bedeutet damit sowohl "Erzählung" als auch "Historie". Die Doppeldeutigkeit des Begriffs existiert im Isländischen also genauso wie im Deutschen. Bis auf einen Autor, den man anhand von anderen Texten identifizieren konnte, sind die Verfasser der Isländersagas anonym.

Abgebrannte Höfe und wilde Prügeleien, zankende Eheleute und unglückliche Liebschaften: Die Handlung der Isländersagas gleicht dem Stoff von Soap-Operas. Viele der Erzählungen sind von trockenem Humor und derben Charakteren geprägt.

Die meisten der rund 40 Sagas handeln vom harten Alltag und den Überlebenskämpfen der ersten Siedler. Einige Figuren der mittelalterlichen Sagas werden in Island bis heute als Nationalhelden betrachtet. Ein Beispiel für ihre Popularität ist die Saga von Njáls, die bis heute eine der beliebtesten auf der Vulkaninsel ist.

Darstellung der Schlacht von Stiklestad im Jahre 1030

Darstellung der Schlacht von Stiklestad im Jahre 1030

Die Saga von Njáls

"Mit Gesetzen erbaut man ein Land" – dieses Zitat aus der Njáls-Saga ziert Polizeiautos in Island. Zitate und Erzählungen aus den Sagas sind in der isländischen Kultur ohnehin sehr präsent. Besonders beliebt ist die Njáls-Saga: Njál und Gunnar sind die Helden dieser Geschichte und zunächst unzertrennliche Freunde.

Doch Gunnar heiratet eine Frau, die einen Keil zwischen die Freunde treibt und ihre Familien in ein Horrorszenario. Die Feindschaft zwischen den Familien führt schließlich so weit, dass Njáls Haus abbrennt und der Held in den Flammen stirbt. Die Njáls-Saga ist bis heute eine Parabel dafür, wie zerstörerisch Familienstreitigkeiten verlaufen können.

Goldene Saga-Zeit

Die Sagas erzählen von der Zeit, als die ersten Norweger und ihre Nachfahren auf der Insel lebten. Diese Pioniere gründeten einen Freistaat, der für die damalige Zeit ausgesprochen demokratisch war: Das Zusammenleben und die Rechtsprechung auf der Insel wurden auf Versammlungen, die einmal im Jahr auf der Thingstätte stattfanden, direkt geregelt.

Es war die goldene Saga-Zeit, die mit der Errichtung des Freistaates Island im Jahr 930 begann und mit der Christianisierung um das Jahr 1000 endete.

Noch heute werden die Sagas in der Originalsprache aus dem Mittelalter gelesen. Das ist deshalb möglich, weil sich die isländische Sprache in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat.

Von Generation zu Generation wurden die Heldengeschichten während der langen dunklen Winterabende in den Stuben der Bauernhöfe vorgelesen. Darum sind den meisten Isländern die Erzählungen noch immer sehr vertraut.

Illustration aus dem 19ten Jahrhundert

Illustration aus dem 19ten Jahrhundert

Stolz auf ihre Erzähler

Isländer begeistern sich für gute Geschichten und gute Erzähler, Schriftsteller haben einen hohen Stellenwert. In keinem anderen Land wird – auf die Einwohnerzahl gerechnet – mehr gelesen und geschrieben. Rund 1500 Neuerscheinungen pro Jahr und 40 Verlage gibt es auf der Insel, die nur 320.000 Einwohner zählt.

Und in keinem anderen nordeuropäischen Land ist Weltliteratur aus dem Mittelalter erhalten. Auch deshalb sind die Isländer stolz auf ihre Sagas. Viele Schriftsteller haben sich mit ihrem Stoff auseinandergesetzt: So knüpfte der isländische Nobelpreisträger für Literatur, Halldór Laxness (1902-1998), in seinem Roman "Die glücklichen Krieger" an die Sagas an.

Isländisches Paar aus alten Zeiten in typischer Kleidung

Isländisches Paar aus alten Zeiten

Eine Reise zur Literatur

Eine Reise nach Island ist immer eine "Wallfahrt zur Literatur", wie es der dänische Autor Paul Vad formulierte. Denn viele Orte in Island sind schon aus der Literatur bekannt, zahlreiche Schauplätze der Sagas existieren noch heute. Darum werden Leben und Wirken der Saga-Helden mit bestimmten Landschaften verbunden.

Wer sich auf die Spuren der Heldengeschichten begeben will, kann das also nach wie vor tun. Oft sind es Privatpersonen oder örtliche Vereine, die in den Ortschaften selbst an die Erzähltraditionen erinnern.

Odin reitet auf seinem Ross Sleipnir

Odin reitet auf seinem Ross Sleipnir

Mit Vogelfeder auf Kalbshaut geschrieben

Auf dem europäischen Festland wurden im Mittelalter die meisten Texte auf Latein geschrieben. Diese Sprache beherrschten nur wenige Menschen, vor allem der Klerus. Die Saga-Autoren dagegen schrieben auf Isländisch, in der Sprache des Volkes. Während auf dem Kontinent kostbares Pergament zum Schreiben verwendet wurde, nutzten die Isländer Kalbshaut.

Der Saga-Experte Arthúr Björgvin Bollason geht davon aus, dass für die größten Manuskripte der Isländersagas mehr als hundert Kalbshäute verarbeitet wurden. Man schrieb darauf mit Federkielen und Tinte aus den Blättern der Bärentraube, später auch auf Papier.

Autorin: Ana Rios

Weiterführende Infos

Stand: 22.07.2016, 13:00

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