Reykjavík – Das kreativste Dorf der Welt

Blick auf Reykjavík. Im Hintergrund der Hafen.

Island

Reykjavík – Das kreativste Dorf der Welt

Von Alexandra Trudslev

Reisejournalisten schwärmen von einer elektrisierenden Vielseitigkeit, Künstler vom kreativen Potenzial und Touristen von einem unvergleichlichen Nachtleben. Reykjavík hat sich zu einer viel beachteten quirligen Metropole entwickelt.

Die Stadt scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Hier wird extravagante Mode und Musik zelebriert, hier lebt man technischen Fortschritt und pflegt gleichzeitig eine besondere Liebe zur eigenen Kultur. Nirgendwo sonst finden sich so viele Theater pro Einwohner. Dabei war Reykjavík bis zum Zweiten Weltkrieg mehr Dorf als Stadt.

Die "Rauchbucht" erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Der erste Siedler Ingólfur Arnarson benannte Islands heutige Hauptstadt danach, was er in der Umgebung sah: Rauch und Dampf. Reykjavík heißt übersetzt "Rauchbucht" und war über Jahrhunderte nichts weiter als eine triste Ansammlung von Bauernhöfen.

1801 lebten gerade mal 300 Menschen in Reykjavík. Heute zählt man mehr als 200.000 Einwohner im Großraum der Stadt, in der Innenstadt rund 129.000 (Stand 2019).

Da ganz Island nur gut 357.000 Einwohner hat, heißt das: Fast 60 Prozent der Isländer sind im Großraum Reykjavík zu Hause. Was ist mit diesem ehemals beschaulichen Bauerndorf passiert?

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Reykjavík sehr traditionell geprägt, man lebte von Schafzucht, Fischfang und Export. Wirtschaftlich und politisch war Island lange Zeit abhängig von Dänemark; ungerechte Handelszölle und wenig Mitspracherecht begünstigten Armut und Misswirtschaft.

Erst 1944 erklärten die Isländer ihre Unabhängigkeit und wurden eine demokratische Republik. Während des Zweiten Weltkriegs stand Island unter englisch-amerikanischer Besatzung. In der Besatzungszeit wurden wichtige Straßen fertig gestellt und modernere Maschinen und andere Luxusgüter eingeführt.

Durch die ausgebaute Infrastruktur erlebte Reykjavík nach dem Krieg einen unglaublichen Zulauf. Die Stadt wurde größer, Siedlungen entstanden am Stadtrand. Das Auto wurde zum beliebtesten Fortbewegungsmittel. Die Inselbewohner gelten geradezu als vernarrt in diese Form der Fortbewegung. Es heißt, jeder Isländer habe mindestens zwei Autos.

Reykjavík entwickelte sich zunehmend zum Zentrum, zur richtigen Hauptstadt. Die Hauptstadt erwachte tatendurstig aus dem Dornröschenschlaf. Im Aufbruchsgeist entstanden zahlreiche Theater und Galerien, und auch die Gastronomie reagierte mit neuen Cafés und Kneipen auf ein sich langsam veränderndes Freizeitbewusstsein der Hauptstädter.

Ein Rathaus auf Stelzen und ein Restaurant im Wasserspeicher

Reykjavík liegt an der südwestlichen Küste Islands, erhielt 1786 das Stadtrecht und ist die nördlichste Hauptstadt der Welt.

Diese Stadt ist so klein, dass sie sich hervorragend zu Fuß erkunden lässt. Und sie entwickelt – so heißt es oft – ihren Charme erst auf den zweiten Blick. Die einfachen Bauten wirken unspektakulär, die Straßen wenig pompös. Doch das hat keine Auswirkungen auf das bunte Treiben in Reykjavík.

In der Stadtmitte liegt ein See, an dem sich der Isländer gerne auf einer Picknickdecke niederlässt – wenn das Wetter mitspielt. Auf dem See sollen mehr als 40 Vogelarten leben.

Direkt am Rande des Sees steht ein modernes Rathaus auf Stelzen, die ins Wasser ragen. Hier zog 1994 erstmals eine Frau als Stadtoberhaupt ein: Ingibjörg Sólrun Gisladottir wurde als Mitglied der Frauenpartei von der Mehrheit an die Stadtspitze gewählt.

Das Wahrzeichen und gleichzeitig wohl die berühmteste Kirche von Reykjavík ist die "Hallgrímskirkja". Mit 73 Metern ist der aus hellen Basaltsteinen errichtete Turm weit sichtbar. Eingeweiht wurde die Kirche erst 1986, mehr als 40 Jahre nach Beginn der Bauarbeiten. Das "Hafnarhus", ein altes Lagerhaus am Hafen, wurde zum modernen Kunstmuseum umgebaut.

Daneben gibt es ein Nationalmuseum, ein Skulpturenmuseum, ein Freilichtmuseum und ein Saga-Museum. Letzteres ist in dem riesigen Warmwasserspeicher der Stadt untergebracht: Sechs Tanks mit insgesamt mehr als 20 Millionen Liter Wasser befinden sich in einer Art kugelförmigem Glasgebäude, die Isländer nennen das Gebäude "Perlan". Darüber dreht sich ein Restaurant mit großartiger Aussicht sowie das besagte Saga-Museum.

Reykjavík ist insgesamt als Stadt zu jung, um mit großen historischen Bauten zu locken. Dennoch wurde die Stadt im Jahr 2000 eine von neun europäischen Kulturhauptstädten.

Blick auf die Kirche Hallgrímskirkja: Ein hoher Kirchturm läuft in Bögen nach links und rechts in kleiner werdenden Säulen aus. Vor der Kirche steht das Denkmal eines Mannes.

Reykjavíks Wahrzeichen: die Hallgrímskirkja

Kreative in Reykjavík

In Reykjavík gibt man sich sehr weltoffen, modern und mitunter extravagant. Die Bevölkerung gilt als arbeitsam, temporeich und ungeheuer kreativ. Spätestens seit Sängerin Björk auf den europäischen Bühnen aufgetaucht ist, weiß man auch außerhalb der Insel, was exzentrische Kreativität à la Island ist.

Björk lässt Elfen und Trolle über die Leinwand spazieren und zeigt dabei verspielte Mode, die aus den jungen Nähstuben Reykjavíks stammt. Aber auch andere Musiker haben sich einen internationalen Ruf erarbeitet: Sigur Rós oder Minus zählen dazu.

Das dünn besiedelte Island hat sogar einen Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht: Der Dichter Haldór Laxness (1902-1998) bekam 1955 für sein Gesamtwerk den Nobelpreis verliehen. Der mitunter umstrittene Schriftsteller lebte lange Zeit in Reykjavík.

Die besondere Kreativität der Isländer versucht der Schriftsteller Hallgrímur Helgason mit zwei Faktoren zu erklären. Erstens seien die Isländer über tausend Jahre von der Welt abgeschnitten gewesen – still und isoliert – so dass man jetzt vieles herausschreien wolle. Zweitens sei Island als Insel selbst ständig in Bewegung, was von den Bewohnern eine besondere Form der Anpassung und Kreativität erfordere.

Sängerin Björk Guthmundsdottir während eines Auftritts in Berlin

Björk – Weltstar aus Reykjavík

Wenn es Nacht wird: wetterfeste Feierlaune

Es kann schneien, regnen oder stürmen: Wenn der Samstag anklopft, dann heißt es in Reykjavík "Feiern, Feiern, Feiern". Man sagt, dass diese Stadt am Wochenende ihr flippiges und lautes Gesicht zeigt. In den beschaulichen Gassen von Reykjavík versammelt sich dann eine knallbunte Partygemeinde. Es sind dieselben Menschen, die eben noch einen der vielen Jobs gemacht haben, aber sie sind kaum wieder zu erkennen.

Hier wird die Mode präsentiert, die gefällt, und nicht die, die vielleicht am besten zum unberechenbaren Wetter passen würde. Es scheint, als würden die Isländer in diesen Nächten ihren Alltag und das Wetter draußen lassen wollen. Und an Samstagen funktioniert das auch.

Seitdem 1999 in Reykjavík die Sperrstunden in den Kneipen gefallen sind, dauern die Partys bis zum frühen Morgen. Oft wird dieser Zeitpunkt als Beginn der wilden Nächte angegeben. Aber der Reykjavíker Schriftsteller Hallgrimur Helgason schreibt in seinem Artikel "Über die Stadt, die gerade aufwacht", dass Reykjavík schon immer zu wilden Nächten tendierte, weil es am Wochenende Alkohol gab.

"Nach einer Woche schweigend verbrachter Arbeit, in der sie ihre Frustrationen anstauten, begriff man die Samstagnacht als Zeit der Beichte; als eine Art Zone 'außerhalb der Zeit', wo man alles und jedem sagen konnte. Es blieb ohne Folgen: Der Montagmorgen brach an und alles war vergessen. Und zu einer Zeit, als man nur die beiden Füße als Transportmittel hatte, war Alkohol eine beliebte Fluglinie."

WDR | Stand: 17.06.2020, 11:22

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