Zirkus in Deutschland

Die Geschichte des Zirkus 02:06 Min. Verfügbar bis 11.11.2020

Brauchtum

Zirkus in Deutschland

Von Andrea Böhnke/Natalie Muntermann

Er wurde schon oft tot gesagt und ist doch nicht klein zu kriegen: Der Zirkus ist auch in Zeiten von Megaevents und Großveranstaltungen weiterhin angesagt. "Hereinspaziert, hereinspaziert!" – nicht nur Kinder nehmen diese Einladung gerne an.

Wie ein Soldat den modernen Zirkus erfindet

Ein Zirkus – oder "Circus", wie es in Eigennamen oft heißt – war für die Menschen im antiken Rom eine ovale Arena, in der Wagenrennen, Gladiatoren- oder andere Wettkämpfe stattfanden. Die Arena war von Sitzreihen umgeben, die aufeinander aufbauten, ähnlich wie die Stufen einer Treppe. Von dort aus konnten die Zuschauer das Geschehen unter ihnen gut verfolgen.

Abgesehen von den stufenförmig angeordneten Sitzplätzen erinnert heute nur noch wenig an den Circus der Antike. Der moderne Zirkus geht vielmehr auf eine Entdeckung von Philip Astley zurück. Der 1742 geborene Brite war Reiter eines Regiments und studierte in seiner Freizeit gerne Kunststücke auf seinem Pferd ein. Als seine Zeit als Unteroffizier beendet war, widmete sich Astley ganz dem Kunstreiten.

Während seines Trainings bemerkte er, dass er die Balance auf seinem Pferd besser halten konnte, wenn er im Kreis ritt. Er probierte verschiedene Kreisgrößen aus und kam zu dem Ergebnis, dass ein Ring mit einem Durchmesser von dreizehn Metern optimal sei. So konnte er seine Kunsttücke sicher ausführen und die Zuschauer ausreichend sehen. Bis heute ist dies die Standardgröße für Zirkusmanegen.

Zeichnung von Philip Astleys Überlegungen zum Reitsystem. Ein Mann steht neben einer Art Holzsäule und führt ein Pferd im Kreis herum.

Astleys Reitsystem auf einer Zeichnung von 1801

Der Zirkus wird in ganz Europa bekannt

1770 gründete Astley in London das Astley's Amphitheatre, wo er seine Kunststücke vor Publikum aufführte. Seine Darbietungen kamen gut an: Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich die One-Man-Show zu einem Unterhaltungsprogramm mit Akrobaten, Musikern und Clowns. Der erste Zirkus der Moderne war geboren.

Von 1772 an tourten Astley und die anderen Künstler, die er engagiert hatte, durch Europa. Die Gruppe machte unter anderem Halt in Paris, wo sie vor dem französischen König auftrat. 1782 errichte Astley in Paris ein zweites Amphitheater. In den darauffolgenden Jahren kamen 18 weitere Bauten hinzu, die den Zirkus in ganz Europa bekannt machten – auch in Deutschland.

Um 1900 erlebt der Zirkus seine Blütezeit

Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Zirkusse in Europa einen festen Spielort, etwa aus Brettern zusammengenagelte Arenen. Erst eine Erfindung aus den USA führte zu einem Wandel: das Zirkuszelt. Der Amerikaner Aaron Turner nutzte bereits 1826 eine zeltähnliche Plane, damit Zuschauer und Artisten vor der Witterung geschützt waren.

Um 1900 kam das Zirkuszelt auch nach Europa und machte aus dem modernen Zirkus einen Wanderzirkus. Zahlreiche neue Zirkusse entstanden, die ebenso zahlreich Besucher anlockten. Auch in Deutschland erlebte der Zirkus seine Blütezeit.

Kurze Zeit später war das allerdings bereits Geschichte. Der Erste und später auch der Zweite Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und die Erfindung des Fernsehers machten es den Zirkusbetreibern schwer. Weil immer weniger Menschen in den Zirkus kamen, mussten viele das Geschäft aufgeben. Vor allem zwischen 1950 und 1970 machten zahlreiche Zirkusse in der Bundesrepublik dicht. In der DDR sah das anders aus: Hier erfreute sich der Zirkus weiterhin großer Beliebtheit.

Ende des 20. Jahrhunderts schlug die Geburtsstunde einer neuen Art von Zirkus, des Cirque Nouveau, dem Zeitgenössischen Zirkus. Im Mittelpunkt steht hier eine Geschichte, die dem Publikum durch artistische Einlagen und Kunststücke nahe gebracht wird. Tiere sind im Cirque Nouveau eher selten Teil des Programms.

Blick auf ein gelbes Zirkuszelt.

Die Erfindung des Zirkuszelts führt zum Wandel

Viele Zirkusse sind Familienbetriebe

Seit 2008 werden alle Zirkusse in Deutschland in einem zentralen Register erfasst. Die Beamten tragen darin unter anderem ein, was Kontrollen der Veterinärämter in den einzelnen Bundesländern ergeben haben. Viele Tierschützer befürworten das Zirkusregister, weil es Auskunft darüber gibt, ob sich die Zirkusbetreiber an das Tierschutzgesetz halten.

Ein Großteil der Zirkusse, die heute durch Deutschland ziehen, sind Familienbetriebe. Oft vererbt sich das Zirkusgen über Generationen weiter: Nach den Großeltern und Eltern übernehmen die Kinder das Zirkusgeschäft.

Auch große Zirkusse wie Circus Krone oder Circus Sarrasani waren zunächst reine Familienunternehmen. Mittlerweile beschäftigen diese jedoch auch Artisten, die von außerhalb kommen. Die Führung der Zirkusse liegt allerdings weiterhin in Familienhand.

Plakat eines Zirkus: Auf der linken Hälfte steht 'Circus Althoff Williams' auf der erchten Seite ist ein gemaltes Clownsgesicht zu sehen.

Der Circus Althoff ist einer der Großen

Im Winter haben es kleine Zirkusse schwer

Der Großteil der Zirkusse in Deutschland hat keinen festen Sitz, an dem sie das ganze Jahr über das Zelt aufgeschlagen lassen. Wenn die Sommertourneen vorüber sind, fängt für manche Zirkusse ein Überlebenskampf an. Jedes Jahr geraten einige in Not, weil sie im Winter keine Unterkunft für sich und ihre Tiere finden.

Gerade in dieser Zeit sieht man daher oft Menschen in den Fußgängerzonen stehen, die in der einen Hand eine Sparbüchse und in der anderen ein Lama halten. Sie sammeln für Futtergeld, um die Zeit bis zum Beginn der Sommertourneen zu überbrücken. Die Not macht erfinderisch: Manche Zirkusfamilien stellen sich mit einer lebendigen Krippe auf Weihnachtsmärkte oder bieten eine Tierschau für Schulkinder an.

Bis vor wenigen Jahren blieb bei vielen Zirkussen im Winter der Vorhang geschlossen. Das kann sich heute keiner mehr leisten. Nahezu in jeder größeren Stadt gastiert mittlerweile ein Weihnachtszirkus.

Große Zirkusse kehren in den Wintermonaten aus Tradition immer an den gleichen Ort zurück: Circus Sarrasani etwa schlägt im Winter sein Zelt in Dresden auf, Circus Busch steht in Berlin und Circus Roncalli hat sein Winterquartier in Köln.

Eine Besonderheit ist Circus Krone – er hat als einziger Zirkus in Deutschland einen festen Stammsitz in München.

Schwarweiß-Foto von mehrerern Zirkuswagen im Schnee. Davor gehen ein paar Menschen.

1964: Zirkuswagen im Schnee

Stand: 22.08.2018, 15:01

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