Masken

Frau mit Maske bei Karneval in Venedig

Brauchtum

Masken

Masken versteckt und schützt ihren Träger und gibt ihm die Möglichkeit, sich für eine Weile aus dem normalen Leben auszusteigen, sich als ein Anderer zu probieren. Schön oder hässlich, Mann oder Frau, Mensch oder Tier – alles ist möglich.

Verwandlung in Götter, Heiler und Dämonen

Als der Mensch die Idee eines übernatürlichen Wesens entwickelte, entstanden die ersten Masken. Es gibt sie in allen Kulturen.

Die älteste Maskendarstellung ist circa 11.000 Jahre alt und stammt aus Israel. Gefunden wurden Überreste von Stein- oder Metallmasken, Zeichnungen belegen, dass auch andere nicht so haltbare Materialien wie Stoff, Pflanzen, Federn, Leder oder Papyrus zum Maskenbau verwendet wurden.

Masken kamen an Wendepunkten des Lebens zum Einsatz: Geburt, Hochzeit, Initiation, Krankheit und Tod, aber auch Ereignisse wie Aussaat, Ernte oder der Auftakt zur Jagd wurden von Ritualen begleitet.

Die Magie lag dabei in der Maske selbst. Schon die Herstellung unterlag magischen Zeremonien. Die Maskenbauer waren häufig besonderen Anforderungen und Tabus unterworfen:

Bei den Inuit zum Beispiel überwachten und leiteten Frauen die Maskenherstellung, praktisch mitarbeiten durften sie aber nicht. Das Wissen, wie die Masken auszusehen hatten, wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Mit dem Anlegen der Maske wechselte der Träger in eine andere Daseinsform: Hier sollte kein Gott oder Dämon nur dargestellt werden, der Träger wurde selbst dazu.

Manche Rituale endeten mit der Zerstörung der Maske, deren Kraft sich verbraucht hatte. Andere Masken behielten ihre Kraft oder wurden dabei noch mächtiger.

Die australischen Aborigines fertigten Masken als Teil der Architektur zum Schutz ihrer Häuser. Die Navajos vererbten Masken und ihre rituelle Rolle in der Familie: Der Träger wechselte so immer wieder, die Erscheinung und Macht des Maskierten blieb aber immer dieselbe.

Bemalte afrikanische Masken

Traditionelle afrikanische Zeremonienmasken

Theatermasken – Markenzeichen einer Rolle

Wahrscheinlich hat sich aus dem Gebrauch der rituellen Masken die Tradition der Theatermasken entwickelt.

Im Umfeld von spirituellen und religiösen Zeremonien wie dem griechischen Dionysoskult wurden Tänze, Chöre, Tragödien und Komödien aufgeführt. Häufig bildete sich dabei – wie heute noch im Kaspertheater oder in Fernsehserien – ein fester Figurenstamm heraus, der in immer neue Abenteuer verwickelt wurde.

Klar definierte, leicht wieder erkennbare Masken halfen den Zuschauern bis in die letzte Reihe die Handlung zu verstehen.


In Europa wurden weitgehend Gesichtsmasken verwendet, andere Kulturen, zum Beispiel in Afrika, benutzten häufig Ganzkörpermasken oder auf dem Kopf getragene Maskenstatuen, die auch in Menschenmengen gut zu sehen waren und so eine Bühne überflüssig machten.

Beliebt waren vor allem die komischen und auch die obszönen Masken mit grotesk verändertem Körperbau, wie sie auch in den Masken der Commedia dell’Arte zu finden sind.

In diesem Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien entstandenen Stegreif-Volkstheater charakterisierte die Maske die jeweilige Figur: Der freche, immer liebestolle Arlecchino zeichnete sich zum Beispiel durch eine überlange Nase aus.

Schwarze Halbmaske mit langer Nase aus der Commedia dell'Arte Tradition.

Maske der Commedia dell'Arte


Im 17. Jahrhundert verschwanden die Masken unter dem Einfluss von Autoren wie Shakespeare und Moliere weitgehend von den europäischen Bühnen. Die Theaterkunst betonte jetzt das Individuelle des dargestellten Charakters, die durch Masken typisierten und oft auch karikierten Figuren wurden uninteressant.

Trotzdem ist die Maske das Symbol des Theaters geblieben: Die Schauspieler setzten ein fremdes, zweites Gesicht auf, um es als sein eigenes vorzuführen.

Die Schandmaske – Das aufgezwungene Gesicht

Das individuelle Gesicht gilt als Spiegel der Persönlichkeit. Nicht nur in Asien bedeutet der "Gesichtsverlust" höchste Schande. Jemand buchstäblich seines Gesichts zu berauben, ist somit eine schwere Entehrung.

Im 17. und 18. Jahrhundert wandten Gerichte überall in Europa die Bestrafung durch Schandmasken an. Vor allem Frauen wurden wegen Ehebruchs oder Verleumdung zum Tragen einer Schandmaske verurteilt.

Wer sich wie ein Schwein benommen hatte, musste einen eisernen Eberkopf tragen, geschwätzigen Delinquenten wurde mithilfe der Maske die Zunge lahm gelegt.

Das so fremdkontrollierte Gesicht sollte die maskierte Person nicht mehr zeigen, wie man sie kannte, sondern so, wie sie in der Gemeinschaft gesehen wurde. Ganz ähnliche Absichten verfolgten Pädagogen bis ins 20. Jahrhundert hinein, wenn sie missliebigen Schülern eine Kappe mit Eselsohren überstülpten.

Eisernes Gestell in Schweinskopfform.

Ein Schweinekopf: Bestrafung für eine Ehebrecherin

Höfische Maskenbälle

Der Bauer als König, die Königin als Schäferin: In aristokratisch beherrschten Gesellschaften waren für den hohen Adel Maskenbälle ein beliebter Anlass, die herrschende Ordnung für eine kurze Weile außer Kraft zu setzen.

Im Schutz der Maske konnte sich jeder jedem nähern, wobei nicht nur Standes-, sondern auch Geschlechterschranken überschritten wurden.

Seit der Renaissance waren Maskenbälle ein beliebter Anlass, den eigenen Prunk und Reichtum zur Schau zu stellen, so zum Beispiel der Maskenball 1533 anlässlich der Hochzeit der Katharina von Medici mit dem späteren französischen König Heinrich II.

Legendär in ganz Europa waren die Maskenbälle Ludwigs XIV. (1638-1715) in Versailles. Seine Schwiegerenkelin Marie Antoinette war so begeistert von der Freiheit hinter der Maske, dass sie auch außerhalb der Maskenbälle ihr zweites Gesicht nicht mehr aufgeben wollte.

Sie ließ sich im Schlosspark eine ländliche Idylle schaffen, in der sie mit ihrem Hofstaat immer wieder als Schäferin auf Zeit leben konnte.


Auch die venezianische Gesellschaft dehnte den Maskenball in den Alltag aus: Ab dem 17. Jahrhundert wurde es Mode, die Masken auch außerhalb der Feste auf der Straße zu tragen, um sich unerkannt bewegen zu können.

Adlige aus ganz Europa wie der österreichische Kaiser Josef II. reisten so inkognito nach Venedig und konnten sich unerkannt unters Volk mischen.

Goldfarbene venezianische Maske mit großem Federkopfputz.

Ursprünglich für Frauen verboten: venezianische Masken


Im Schutz der Masken blühte aber auch die Gewalt. Zum Höhepunkt des venezianischen Karnevals wurde es darum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausdrücklich erlaubt, auf der Straße Waffen zu tragen, um sich gegen maskierte Rowdies verteidigen zu können.

Wie gefährlich Masken und Maskierte werden können, erlebte auch der begeisterte Venedig-Tourist Gustav III. von Schweden. 1792 wurde er bei einem Maskenball im eigenen Schloss von maskierten Putschisten ermordet.

Totenmasken – Gesichter für die Ewigkeit

Die altägyptische Geschichte hat ein Gesicht – dank einer Maske: Die Totenmaske des im 14. Jahrhundert vor Christus herrschenden Pharaos Tutanchamun ist nach ihrer Entdeckung 1922 weltberühmt geworden.

Die goldenen Totenmasken der Ägypter dienten dem Schutz der Toten. Sie sollten ihnen nach dem Verfall ein würdiges Aussehen verleihen, Dämonen abwehren und dem umherschweifenden Geist helfen, seinen toten Körper wiederzufinden.

In anderen Kulturen wurden Totenmasken aber immer als Erinnerung für die Lebenden angefertigt. Einerseits dienten sie der Ahnenverehrung: Sie gaben den Nachlebenden Kraft und Magie.

Sie verliehen der Geschichte einer Familie ein Gesicht und machten ihre Macht auch über den Tod hinaus präsent, wie die Totenmaske des Lorenzo di Medici, die quasi als unsterblicher Vertreter des Verstorbenen auf seinem Begräbniszug in zahllosen Ausführungen mitgeführt wurde.

Die goldene Maske des Tutanchamun.

Die über 3000 Jahre alte Maske des Tutanchamun


Totenmasken dienen aber nicht nur der Erinnerung, sondern auch der Auflösung der letzten Rätsel. Der Gesichtsausdruck eines Menschen im Tod wurde immer wieder als Schlüssel zur endgültigen Bestimmung seiner wahren Persönlichkeit gesehen.

Andererseits ist das Interesse an Totenmasken immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Wesen des Todes und dem eigenen Tod.

Ob Totenmasken als Kunst, als Besinnungsobjekte oder als makabere Angelegenheit eingeschätzt werden, ist nicht zuletzt eine Modefrage. Angetrieben durch Künstler wie Auguste Rodin und Adolf von Menzel boomte zum Beispiel im 19. Jahrhundert das Interesse am letzten Gesicht gewaltig.

Die Begeisterung gipfelte in der Begeisterung um die "Unbekannte aus der Seine", die Maske eines jungen Mädchens, das angeblich um das Jahr 1900 herum in Paris aus der Seine geborgen worden war und die zum Kultobjekt einer ganzen Generation wurde.

Bald hing die Maske der schönen Toten mit den sanften Zügen in zahllosen Wohn- und Studierzimmern. Das individuelle "ewige Antlitz" war zur Massenware geworden.

Autorin: Barbara Garde

Stand: 14.02.2018, 09:05

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