Frankenstein

Filmplakat zur Verfilmung von "Frankenstein". Das Plakat zeigt den Kopf Frankensteins auf rotem Hintergrund.

Britische Schauergestalten

Frankenstein

Frankenstein oder besser sein Monster gehören zu den ältesten Gestalten des englischen Schauerromans. Das Buch der englischen Autorin Mary Wollstonecraft-Shelley (1797-1851) ist allerdings immer noch aktuell, da die Schaffung künstlichen Lebens bis heute nichts an Faszination verloren hat. Egal, ob es um denkende Roboter oder geklonte Menschen geht: Immer noch stellt sich wie bei Frankenstein die Frage, wie weit ein Forscher in seinem Wissensdrang gehen darf.

Ein Forscher spielt Gott

Frankenstein gilt heute als Name des Monsters, aber im Roman ist das lediglich der Name seines Schöpfers: Victor Frankenstein. Dieser studiert Medizin in ganz Europa und eignet sich so viel medizinisches Wissen an, dass es ihm bald nicht mehr reicht, nur Kranken zu helfen.

Frankenstein ist besessen davon, selbst zum Schöpfer zu werden. Er erschafft aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen, den er mittels Elektrizität zum Leben erweckt. Leider ist sein Geschöpf ein übergroßes, hässliches Monster, das er aufgrund seines Aussehens verstößt.

Szene aus der Frankenstein-Verfilmung von 1994 mit Kenneth Branagh im Labor

Victor Frankenstein erschafft im Labor ein künstliches Wesen

Das Monster wird zum Menschen

Die neu erschaffene Kreatur ist bald mehr oder weniger im Vollbesitz seiner Kräfte und Fähigkeiten und eignet sich das Wissen eines gebildeten Europäers des 18. Jahrhunderts an. Der ursprünglich "Wilde" bildet sogar ein Gewissen und eine Seele aus. Das künstliche Wesen wird ein Mensch. Doch bis auf wenige Ausnahmen reagiert seine Umwelt mit Angst und Schrecken auf sein Äußeres.

Das Monster bringt daraufhin alle um, die sich ihm gegenüber aggressiv verhalten. Und es entwickelt eine Hassliebe zu seinem Schöpfer Frankenstein, den es für sein unglückliches Schicksal verantwortlich macht. Aus Hass tötet es seine Familie, verschont aber aus Liebe Frankenstein selbst.

Dieser verfolgt sein Geschöpf über den halben Erdball, um es wieder zu töten und seine Tat ungeschehen zu machen. Beider Ende im ewigen Eis ist aber eher der Wille des Monsters als die Konsequenz aus Frankensteins Handeln. So provoziert das Monster Frankenstein noch mit dem Satz: "Du bist mein Schöpfer, doch ich bin dein Herr!"

Boris Karloff als Frankenstein, 1931

Das Aussehen des Wesens traf nicht den Geschmack des Schöpfers

Vorbilder

Frankenstein trägt eines seiner Vorbilder bereits im Untertitel des Romans: der moderne Prometheus. Dieser mythische Titan aus der griechischen Sagenwelt raubte den Göttern des Olymp das Feuer und brachte es den Menschen. Dafür wurde er zu ewigen Qualen verurteilt. An einen Felsen gekettet, fraß ihm jeden Tag ein Adler seine stets nachwachsende Leber aus dem Körper.

Man kann in Prometheus aber auch den schöpferischen Geist und Rebell sehen, wie das bereits die Römer und die englischen Dichter Bacon und Shaftesbury taten, die zur gleichen Zeit wie Mary Shelley in England lebten. Denn Prometheus schuf als Bildhauer auch die Menschen, denen die Göttin Athene dann Leben einhauchte.

Gemälde, auf dem ein Adler auf Prometheus zufliegt

Prometheus wurde zu ewigen Qualen verurteilt

Außerdem erinnert das Monster an die uralte jüdische Sage vom Golem, eine Art veräußerlichter, vergröberter Doppelgänger des eigenen Ichs, der alle bösen Kräfte dieses Ichs symbolisiert. Auch dieser künstliche Lehmmensch gehorcht bald nicht mehr seinem Schöpfer und entwickelt ein Eigenleben. Der Deutsche Gustav Meyrink hat diese Sage 1915 in Romanform gebracht.

Was ist das Leben?

Das Verstörende an Frankenstein liegt in den Fragen, die sich aus der Existenz des Monsters ergeben: Was bedeutet menschliches Leben, wenn dieses Wesen ebenfalls lebt? Was bedeutet Freiheit, wenn ein künstliches Geschöpf ebenfalls wie ein Mensch handelt und doch an den unsichtbaren Fäden seiner Konstruktion hängt. Was ist das Ich, wenn Frankenstein in dem Monster seinen Doppelgänger erkennt?

Solche philosophischen Fragen sind den meisten neueren Versionen des Stoffes nahezu völlig fern. Besonders die Filmindustrie setzt in unzähligen Verfilmungen vor allem auf die Schockeffekte der Vorlage. Das Monster wird zum Fest für Maskenbildner.

Und je populärer die Figur wird, desto mehr übernimmt das Monster den Namen seines Schöpfers. Die ursprüngliche Geschichte wird dabei bedenkenlos den Erfordernissen der Unterhaltungsindustrie angepasst.

Eine Szene aus dem Spielfilm "Frankenstein" (USA, 1931)  mit Boris Karloff

Frankenstein-Verfilmung mit Boris Karloff

Autor: Stefan Morawietz

Stand: 09.07.2018, 16:03

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