Was ist das "Ich"?

Darstellung eines menschlichen Gehirns

Hirnforschung

Was ist das "Ich"?

Von Malte Linde und Katrin Ewert

Das Gehirn bestimmt nicht nur unsere Wahrnehmung der äußeren Welt, sondern auch den Blick auf uns selbst. Alles, was wir erleben, wird durch neuronale Zustände unseres Gehirns repräsentiert. Doch wer sind wir dann selbst?

"Ich" und der Körper

Zu jeder Empfindung von der Welt, von uns selbst, unseren Gefühlen und Wahrnehmungen gibt es Muster von Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn, die genau diesem jeweiligen Zustand entsprechen. Das jedenfalls legen die Forschungen der Neurowissenschaftler nahe.

In unserer alltäglichen Erfahrung ist ein Gefühl von "Ich" fast immer anwesend. Dieses "Ich" ist permanent in Bewegung und scheint unsere Handlungen zu steuern. Doch noch lässt sich unser Selbstgefühl wissenschaftlich nicht abschließend erklären.

Selbst unseren Körper können wir nicht unmittelbar wahrnehmen. Vielmehr sind verschiedene Areale des Gehirns dafür zuständig, dass wir eine  körperliche Identität empfinden.

Ein bekanntes Beispiel für die fehlerhafte Repräsentation des Körpers sind die sogenannten Phantomschmerzen: Menschen, denen Gliedmaßen amputiert wurden, empfinden manchmal Schmerzen in eben den Körperteilen, die sie gar nicht mehr haben. Für das Gefühl "mein Arm" oder "mein Bein" ist die tatsächliche Existenz des entsprechenden Körperteils offenbar gar nicht notwendig.

Symbolische Grafik mit einem aufgeschnittenen Kopf, in dem Zahnräder rotieren. Zuschauer blicken in den offenen Kopf

Wie finden wir heraus, was das "Ich" ist?

Auch der umgekehrte Fall ist in der Neurologie bekannt: Es gibt Patienten, die bestimmte Körperteile nicht als Teil ihrer selbst wahrnehmen. Den eigenen Arm oder das eigene Bein empfinden sie als störenden Fremdkörper.

Für unser Gefühl von Identität ist der Körper jedoch sehr wichtig: Experimente zeigen, dass in dem Augenblick, in dem ein Proband das Wort "Ich" denkt, jene Areale im Gehirn besonders beansprucht werden, die für das Körperempfinden verantwortlich sind.

Doch neurologische Defekte wie die beschriebenen zeigen, wie wenig stabil selbst dieser scheinbar noch greifbare und klare Bezug von Körper und "Ich" ist. Denn theoretisch kann das Gehirn ein Körpergefühl auch ohne vorhandenen Körper erzeugen und umgekehrt auch Körperteile steuern und am Leben erhalten, ohne dass wir sie als Teil unseres Selbst wahrnehmen.

Eindrucksvoll zeigen unsere Träume, wie groß die schöpferischen Fähigkeiten des Gehirns sind, auch in Hinblick auf die Identität. In Träumen können wir uns selbst als andere Personen erleben – entweder ohne Körper oder ausgestattet mit Merkmalen, die gänzlich verschieden sind vom eigenen Körper. Das Gefühl eines "Ich" kann das Gehirn solchen geträumten Figuren ohne Weiteres überstülpen oder entziehen.

Künstliche Erweiterung des Körpers

Ob die starke Überzeugung unserer Identität nun zwangsläufig mit dem Körper verbunden ist oder nicht: Auf jeden Fall scheint sich der Körper auf Grund seiner Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Ich-Empfinden zu verknüpfen. Er ist das wichtigste und unmittelbarste Instrument unserer Handlungen.

Doch selbst in dieser Funktion lässt sich das Verhältnis von Körper und "Ich" verschieben. Das zeigen etwa Untersuchungen bei Blinden, die gewohnheitsmäßig einen Blindenstock zur Orientierung verwenden: Nach einer gewissen Zeit wird der Stock häufig als eine Art Körperteil empfunden.

Noch extremer zeigen sich diese Verschiebungen bei einem Experiment, in dem Hirnströme bei unterschiedlichen Gedanken gemessen werden:

Die verschiedenen Aktivitätsmuster, die im Gehirn entstehen, wenn ein Proband "Ich nehme den Arm nach oben" oder "Ich nehme den Arm nach unten" denkt, können die Wissenschaftler erkennen und auf einem Computer so übersetzen, dass der entsprechende Gedanke mit einer Cursor-Bewegung auf dem Bildschirm verkoppelt wird.

Auf diese Weise können Probanden nur durch ihre Gedanken etwa ein einfaches Computerspiel steuern. Die an sich schon spektakuläre Konstruktion des Experiments hatte bei vielen Versuchspersonen noch einen Nebeneffekt: Sie empfanden nach einiger Zeit den Cursor auf dem Monitor als Teil ihrer selbst.

Wissenschaftlerin strahlt mit einer Taschenlampe auf ein menschliches Gehirn

Steckt hier irgendwo das "Ich"?

Steuern oder gesteuert werden?

Auch psychologisch lässt sich der Begriff des "Ich" nicht eindeutig klären. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler, dass das "Ich" keine konstante Größe ist, sondern aus verschiedenen Faktoren besteht, die sich in ihrer Zusammensetzung und Gewichtung auch verändern und unterscheiden können.

Eine allgemeine Definition des Begriffs aber gibt es nicht. Was erstaunlich scheint, wenn man bedenkt, wie präsent uns selbst das Gefühl der eigenen Identität ist.

Die meisten psychisch gesunden Menschen erleben das "Ich" als die Steuerzentrale der eigenen Person. Doch die Hirnforschung hat eine solche Stelle in den Hirnarealen nicht ausmachen können und es gilt als höchstwahrscheinlich, dass es keinen fixen Ich-Punkt im Gehirn gibt.

Mikroskopische Aufnahme von Zellen im Gehirn

Die Aktivität der Hirnzellen lässt das "Ich" entstehen

Vielmehr sind es viele verschiedene Hirnregionen, die miteinander kommunizieren und so das Ich-Bewusstsein entstehen lassen. Besonders wichtig unter diesen Regionen ist das sogenannte "Default Mode Netzwerk" (DMN). Das ist eine Gruppe von Hirnarealen, die aktiver ist, wenn wir uns gerade nicht mit der Außenwelt, sondern mit unseren eigenen Gedanken und Erinnerungen beschäftigen.

Die Untersuchungen der Hirnforschung zeigen auch, dass es kein Indiz dafür gibt, dass das "Ich" anderen Hirnfunktionen vorgeschaltet ist. Unser alltägliches Gefühl "Ich habe ein Gehirn, das ich benutze" könnten Wissenschaftler in das Gegenteil umformulieren: Das Gehirn erzeugt ein "Ich", weil es eine bestimmte Funktion damit verknüpft.

Manche Hirnforscher sind der Meinung, dass das Gehirn ein "Ich" entwickelt hat, weil sich dadurch die Überlebensfähigkeit des Menschen enorm verbessern konnte: Das "Ich" wird zu einer Unterfunktion eines höchst komplexen Systems, des Gehirns eben.

(Erstveröffentlichung: 2007. Letzte Aktualisierung: 03.03.2021)

WDR

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