Das Libet-Experiment

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Hirnforschung

Das Libet-Experiment

Von Malte Linde und Katrin Ewert

Haben wir einen freien Willen? Oder folgen unsere Handlungen einem Plan, der außerhalb unserer Kontrolle liegt? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler und Philosophen seit Langem – und sie ist bis heute nicht gelöst.

Der freie Wille im Experiment

Die Hirnforschung konnte bisher wenig Indizien dafür finden, dass es einen freien Willen gibt. Manche Experimente zeigen sogar das Gegenteil. Besonders berühmt wurde das "Libet-Experiment".

Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet führte den Versuch in den 1980er-Jahren durch. Er wollte dabei messen, wie viel Zeit zwischen einer bewussten Handlungsentscheidung und der entsprechenden Körperreaktion vergeht.

Um den Zeitpunkt der Handlungsentscheidung zu bestimmen, benutzte Libet eine Art Uhr: Ein Lichtpunkt bewegte sich auf einer kreisförmigen Skala, und der Proband sollte sich zum Zeitpunkt seiner Entscheidung die Position des Lichtpunkts auf der Skala merken. Durch diese Anordnung konnte Libet den Zeitpunkt der bewussten Wahrnehmung des Probanden auf etwa 50 Millisekunden genau bestimmen.

Parallel dazu maß der Forscher die Hirnströme und Muskelbewegungen des Probanden, sodass er nicht nur den genauen Zeitpunkt einer Körperbewegung bestimmen konnte, sondern auch das sogenannte Bereitschaftspotential. Dieses steigt an, wenn das Gehirn die Bewegung im motorischen Cortex (ein Bereich der äußeren Schicht des Großhirns) vorbereitet.

Der Versuch sah vor, dass die Probanden einfach ihre Hand heben sollten: entweder spontan oder nach einem bestimmten, selbstgewählten Zeitplan. Eine einfache, freie Entscheidung. Das Ergebnis des Experiments verblüffte den Wissenschaftler.

Unter allen Bedingungen zeigte sich, dass das Gehirn die Bewegung der Hand bereits zu einem Zeitpunkt vorbereitete, zu dem der Proband selbst noch gar nicht die Absicht gehabt hatte, die Bewegung tatsächlich auszuführen. Bis zu einer Sekunde vor der tatsächlichen Entscheidung signalisierte die Aktivität des motorischen Cortex bereits die erst später folgende Handlungsabsicht.

Frei oder nicht frei?

Die Reihenfolge einer als frei gedachten Handlung war damit auf dem Kopf gestellt: Es schien, dass die Entscheidung, die Hand zu heben, unabhängig vom Bewusstsein des Probanden durch andere Bereiche des Gehirns getroffen wurde.

Das Libet-Experiment sorgte für Aufsehen, weil experimentell bewiesen schien, dass nicht das bewusste Wollen, sondern unterbewusste Prozesse für unsere Handlungen verantwortlich sind. Die Ergebnisse legten nahe, dass der Wille eher eine vom Gehirn erzeugte Empfindung als eine unabhängige Instanz ist.

Doch zahlreiche Kritiker des Experiments erhoben Einwände gegen eine solche Interpretation: Einerseits sei die genaue zeitliche Bestimmung einer bewussten Handlungsentscheidung durch den Versuchsaufbau nicht genau bestimmbar. Andererseits sei das Heben einer Hand unter den Versuchsbedingungen keine echte Willensentscheidung.

Doch auch wenn Libets Experiment keinen eindeutigen Beweis gegen die Möglichkeit freier Willensentscheidungen liefern konnte, so ist die Hirnforschung von einem Beweis freier Entscheidungsfähigkeit noch viel weiter entfernt. Die Ergebnisse der Forschungen legen nahe, dass der Wille eher eine vom Gehirn erzeugte Empfindung als eine unabhängige Instanz ist.

Grafik: Querschnitt durch einen menschlichen Kopf

Der freie Wille lässt sich im Kopf nicht aufspüren

Haben wir nun einen freien Willen oder nicht? Diktiert das Gehirn unsere vermeintlich eigenen Entscheidungen? Diese Frage können Neurowissenschaftler zwar auch heute nicht abschließend beantworten. Neuere Studien konnten die Ergebnisse des Libet-Experiments jedoch teilweise widerlegen.

Eine Untersuchung des "Bernstein Center für computergestützte Neurowissenschaften" an der Charité in Berlin zeigte 2015, dass Probanden noch ein Veto einlegen können – auch nach Beginn des Bereitschaftspotenzials, das laut Neurophysiologe Libet bereits ausschlägt, bevor wir uns bewusst für eine Handlung entscheiden.

Laut der Berliner Forscher können wir eine Bewegung bewusst bis zu einem gewissen Zeitpunkt (dem sogenannten "point of no return") abbrechen. Und: Auch nach diesem Punkt können wir die Handlung noch verändern.

Auch die Ergebnisse einer Schweizer Studie von 2020 stellen das Libet-Experiment infrage. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das Bereitschaftspotenzial mit der Atmung zusammenhängt. Das sei ein Hinweis dafür, dass das Gehirn nicht unsere Entscheidungen vorwegnimmt, sondern das Bereitschaftspotenzial durch natürliche Körperprozesse ausschlägt – wie etwa der Atemrhythmus.

Diese Untersuchungen deuten darauf hin, dass unser Wille zumindest freier ist als lange angenommen.

(Erstveröffentlichung: 2007. Letzte Aktualisierung: 03.03.2021)

WDR

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