Kinderliteratur

Kindergeschichten: Jedes Jahrzehnt hat seine eigenen Helden Planet Wissen 08.11.2018 02:51 Min. Verfügbar bis 08.11.2023 WDR

Literatur

Kinderliteratur

Der widerspenstige Suppenkaspar, die freiheitsliebende Heidi oder die unbekümmerte Pippi Langstrumpf: Kinderbuchfiguren beflügeln die Fantasie, manche prägen uns bis ins Erwachsenenalter. Obwohl Kinderbücher von den Ideen und Idealen ihrer Zeit beeinflusst werden, sind ihre Helden unsterblich. Denn eines haben die Klassiker der Kinderliteratur gemeinsam: Sie weisen über ihre Zeit hinaus und spiegeln Ängste, Träume und Sehnsüchte der Kinder vergangener und kommender Jahrhunderte.

Die Anfänge: eine Literatur "vom Kinde aus"

Bis ins 18. Jahrhundert gibt es keine Kinderliteratur im eigentlichen Sinn. Kinder werden in erster Linie als "kleine Erwachsene" betrachtet, die Kindheit gilt als Übergangsphase.

Erst mit Jean-Jacques Rousseau und seiner Schrift "Emil oder Über die Erziehung" (1762) setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass Kinder ihre eigene Art haben, "zu sehen, zu denken und zu fühlen".

Rousseau entwirft die "Pädagogik vom Kinde aus". Um diese durchzusetzen, bekommen Bücher einen neuen Stellenwert: So wird zwischen 1770 und 1790 gewissermaßen die moderne Kinderliteratur erfunden.

Das Bild zeigt die Helden verschiedener Kinderbücher, darunter Pippi Langstrumpf, das Sams und Findus.

Helden im Kinderzimmer

In den ersten Jahrzehnten ist diese Literatur noch stark moralisierend. Zu belehren scheint den Autoren weit wichtiger zu sein, als zu unterhalten. Mit Romantik und Biedermeier entsteht eine poetische Gegenbewegung:

Niedliche Illustrationen und Texte spiegeln die zeitgenössische Vorstellung vom "reinen, vollkommenen Kinde" wider. Bis im Jahre 1845 der Kinderarzt Heinrich Hoffmann mit dieser Tradition bricht und mit dem grotesken, makabren "Struwwelpeter" eines der berühmtesten Kinderbücher Deutschlands veröffentlicht.

Von Lausbuben und Nesthäkchen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wendet sich die Kinderliteratur der unmittelbaren Wirklichkeit zu. Die pädagogische Absicht tritt immer öfter hinter der Lust am Schreiben zurück.

So lässt der Kunstmaler Wilhelm Busch im Jahr 1865 seinem Unmut über das Kleinbürgertum in seinem Kinderbuchklassiker "Max und Moritz" freien Lauf. Aus heutiger Sicht wirkt es fast, als verhöhne er die spießbürgerliche Moral.

Auch "Tom Sawyer" (1876) ist ein antipädagogisches Buch. Mark Twains Held, der abenteuerlustige Waisenjunge Tom, ist der erste wirklich realistische Held der Kinderliteratur, keine satirisch oder idealistisch überzeichnete Figur wie Max und Moritz oder die lieblichen Figuren der moralischen Wochenschriften.

Das Foto zeigt eine Illustration des Buches 'Nesthäkchens Backfischjahre'. Man sieht eine junge Frau mit braunem Mantel und Hut und einen dunkel gekleideten jungen Mann, die gemeinsam einen altmodischen Karren ziehen. Im Hintergrund sind Gebäude und alte Doppeldeckerbusse zu sehen.

"Nesthäkchens Backfischjahre" begeistern Mädchen

Speziell für die Mädchen entsteht eine Literatur, die praktische Lebenshilfe bietet: die sogenannte Backfischliteratur. "Der Trotzkopf" (1885) ist das berühmteste Beispiel:

Die Geschichte von der unbändigen Tochter pommerscher Gutsbesitzer, die im Pensionat zur vollendeten Dame reift und schließlich standesgemäß heiratet, hat schon bald Klassikerstatus.

Der große Erfolg der Backfischliteratur führt dazu, dass die Autoren ihre Mädchenbücher gleich serienweise verfassen. Viele wie zum Beispiel Else Urys "Nesthäkchen" (1913) sind bis heute erfolgreich. Mit den "Hanni und Nanni"– oder "Dolly"-Reihen von Enid Blyton hat das Genre moderne Nachfolger gefunden.

Zivilisationskritik im Kinderbuch

Ende des 19. Jahrhunderts ist die Alphabetisierung so weit fortgeschritten, dass Literatur erstmals ein breites Publikum erreichen kann. Natur und Zivilisation werden immer stärker als Gegensätze wahrgenommen. Dieser Konflikt zeigt sich auch in den Kinderbuchklassikern dieser Zeit.

Das Foto zeigt eine Schwarzweiß-Lithografie der 'Biene Maja' von Fritz Franke aus dem Jahr 1920. Dargestellt werden eine Blume und Gräser. In der Mitte sitzt eine Biene und schaut auf einen Käfer herab, der auf dem Rücken liegt. Dahinter und davor sind viele Ameisen zu sehen.

Schon 1920 war die "Biene Maja" berühmt

Schon "Heidi" (1882) war der Wechsel aus der Almidylle in das beängstigende Großstadtszenario Frankfurts nicht geglückt. Um die Jahrhundertwende setzt sich die Zivilisationskritik fort: Ob im "Dschungelbuch" (1894) oder in "Wind in den Weiden" (1908) von Kenneth Graham: Viele internationale Klassiker spiegeln die Sorge der Autoren über den Verlust der Einheit von Mensch und Natur.

Zur bis heute bekanntesten Tierparabel wird "Biene Maja" (1912). Bereits in den ersten zehn Jahren nach seinem Erscheinen verkauft sich der Roman mit der abenteuerlustigen Biene eine halbe Million Mal.

Großstadtromane und neue Sachlichkeit

Um 1920 entsteht im Zuge der "neuen Sachlichkeit" in der Kinder- wie in der Erwachsenenliteratur ein völlig neues Bild der Großstadt. 1926 entfacht Wolf Durian mit seiner Geschichte des Gassenjungen "Kai aus der Kiste" eine bis dahin unbekannte Begeisterung für die Dynamik und Modernität der Großstadt.

Deutlich berühmter wird ein anderer Berlinroman: Erich Kästners "Emil und die Detektive" (1928). Der "literarische Erzieher" Kästner lenkt den Blick auf soziale Probleme: auf die Geldsorgen von Emil und seiner Mutter oder die Sorgen der Scheidungskinder im "Doppelten Lottchen" (1949).

Dass die kindlichen Helden dabei häufig vernünftiger agieren als die Erwachsenen, ist ein Markenzeichen von Erich Kästner, der immer darauf hofft, dass die Kinder (später) einmal eine gerechtere Welt gestalten könnten.

Kinderbücher im Reich der Fantasie

In der Nachkriegszeit leitet die wohl stärkste Heldin aller Kinderbücher, "Pippi Langstrumpf" (1944), eine Literatur ein, die nicht mehr dem Realitäts-, sondern dem Lustprinzip gehorcht. Pippi macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt:

Ausgestattet mit einem Koffer voller Goldstücke stellt sie die Prinzipien der Erziehungs- und Sozialisationsliteratur auf den Kopf. Die Idee einer "autonomen Kindheit" wird zum Schlüsselgedanken einer neuen Autorengeneration. Die Bücher entwerfen Freiräume, um kindliche Wünsche auszuleben.

Das Foto zeigt das Cover von Otfried Preußlers 'Die Kleine Hexe'. Vor schwarzem Hintergrund mit einigen Bäumen und dem Hexenhäuschen ist die kleine Hexe auf ihrem Besen zu sehen. Sie trägt ein rotes Oberteil und rote Hosen, hat lange Haare und darauf einen spitzen Hut.

"Die kleine Hexe" zaubert nur Gutes

Michael Ende entwirft mit der Insel Lummerland in seinem Buch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" einen Modellstaat, in dem das Leben von der kindlichen Weltsicht bestimmt wird.

Auch andere Autoren wie Otfried Preußler oder James Krüss verschränken in ihrer Literatur Realität und Fantastik. Mit "Der kleine Wassermann" (1956) oder "Die kleine Hexe" (1957) knüpft Preußler an die volkstümliche Sagentradition an.

Während diese Bücher ganz bewusst einen Schonraum jenseits der problematischen Realität beschreiben, weisen andere Autoren mit ihren fantastischen Abenteuern wieder zurück in die Wirklichkeit.

Sie bergen Kritik am kapitalistischen Nachkriegsdeutschland wie James Krüss' "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen". Oder sie entlasten die kindliche Seele mit erfundenen Freunden, die wie Astrid Lindgrens "Karlsson vom Dach" auf reale Probleme, hier die Einsamkeit des Stadtkindes, reagieren.

Paul Maar: Der Autor von "Das Sams" Planet Wissen 08.11.2018 04:10 Min. Verfügbar bis 08.11.2023 WDR

Auszug aus der "heilen Welt"

In den 1970er Jahren gerät die fantastische Literatur in Misskredit. Im Zuge der Studentenbewegung entsteht eine problemorientierte Kinderliteratur.

Antiautoritäre Bücher wie Susanne Kilians "Nein-Buch für Kinder" (1973) oder Friedrich Karl Waechters "Antistruwwelpeter" werden zu Standardwerken in Kinderläden und -zimmern.

Autorinnen wie Ursula Wölfel setzen der "heilen Bullerbü-Welt" eine Literatur der Aufklärung entgegen.

Die Phase des radikalen Realismus ist allerdings kurz. Der RAF-Terror des "Deutschen Herbstes" wirkt sich auch auf viele Autoren ernüchternd aus: Wie in Janoschs "Oh wie schön ist Panama" (1978) Tiger und Bär am Ende glücklich daheim auf dem Plüschsofa landen, wenden sich auch die Helden vieler anderer Kinderbücher schon bald einer autonomeren, nicht ganz so radikal realistischen Welt zu.

Das Bild zeigt eine große Wiese mit einem Baum und mehreren schwedischen dunkelroten Holzhäusern im Hintergrund. Alles wirkt sehr idyllisch. Im Vordergrund ist auf der Wiese ein steinernes Männchen zu sehen.

Die heile Bullerbü-Welt ist zeitweise verpönt

Kinderliteratur heute

1980 schafft erstmals ein Kinderbuch den Sprung in die Spiegel-Bestsellerliste: Die "Unendliche Geschichte" entführt mit bilderreicher Sprache ins Reich der Fantasie. Michael Ende lässt Leser und Romanfigur miteinander verschmelzen.

Auch andere moderne Kinderbücher nutzen neue Erzähltechniken, erzählen streng persönlich aus Sicht ihrer kindlichen Protagonisten und dehnen oder raffen die Zeit ganz entsprechend deren Wahrnehmung.

Zum ersten Klassiker des neuen psychologischen Kinderromans wird Peter Härtlings "Ben liebt Anna" (1979). Auch die kinderliterarische Fantastik öffnet sich für den "Blick nach innen" und wendet sich wie Benno Pludra mit "Das Herz des Piraten" (1985) neuen Themen wie Verlust, Bewusstseinsspaltung oder Wahnsinn zu.

Dass die kindliche Lust am Lesen ungebrochen ist, zeigt der Erfolg der fantastischen Romanreihe Joanne K. Rowlings. In ihrer Geschichte vom Zauberlehrling "Harry Potter" vereint die englische Autorin Elemente, die Kinder aller Länder seit Jahrhunderten lieben: Magie und Mystik, Internats- und Detektivgeschichte, Wettbewerb und Entwicklung. Ihr gelingt damit ein globaler Weltbestseller der Superlative.

Porträt des Schauspielers Daniel Radcliffe in seiner Rolle als Zauberschüler Harry Potter.

Fantastische Welten begeistern Kinder bis heute

wdr | Stand: 23.07.2019, 14:49

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