Lesen

Ein Junge liest in einem großen Märchenbuch.

Deutschunterricht

Lesen

Von Julia Lohrmann

"Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Mensch ohne Seele", sagte der römische Dichter Cicero. Seelenlose Kinder müssten wir heute demnach beklagen, denn es gibt Jugendliche, die noch nie ein Buch gelesen haben. Wie kann man Kindern das Lesen wieder näherbringen?

Die Freuden des Lesens

Lesen ist eine einmalige Fähigkeit des Menschen, ein Privileg. Es sei erstaunlich, dass wir diesen komplexen Prozess überhaupt erlernen können, sagen Hirnforscher. Beim Lesen werden viele Teile des Hirns gleichzeitig aktiviert und zeitlich genau koordiniert.

Auch die Psychologie begeistert sich für das Lesen, weil es dem sehr nahe kommt, was allgemein als Glückserleben definiert wird: die versunkene Hingabe bei der Lektüre eines guten Buches, das veränderte Zeitgefühl und die Überwindung der beengenden Ich-Grenze. Wer liest, taucht ein in andere Welten und vergisst für einen Moment den Alltag. Der Wiener Logotherapeut Victor E. Frankl (1905-1997) sprach sogar vom Buch als Therapeutikum und belegte die Heilkraft des Lesens aus seiner langen ärztlichen Erfahrung.

Die deutsche "Stiftung Lesen" in Mainz wirbt für das Lesen als billigster und wirkungsvollster Bildungsinvestition: Lesen fördere den Spracherwerb, biete Gesprächsanlässe, erweitere das Weltbild und rege das Kind dazu an, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Der gefürchtete Literaturkanon

Pädagogen, Bildungsforscher und andere Experten beraten regelmäßig über eine Liste von solchen Büchern, die Schüler während ihrer Schulzeit lesen sollten. "Kanon" ist ursprünglich ein Begriff der Kirche. Er bezeichnet eine Sammlung von Schriften, an dem sich die Kirchen-Lehrlinge schulen konnten, indem sie sie abschrieben und auswendig lernten. Diese Art von Pflichtlektüre entwickelte sich für den Schulunterricht weiter.

Im Schulunterricht sollen den Kindern die Geschichten vermittelt werden, die den Geist im Sinne der vorherrschenden Ideologie formen. Im nationalsozialistischen Deutschland mussten die Schüler nationalsozialistische Literatur lesen und Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf".

Werke großer deutscher Schriftsteller wie etwa Heinrich Heine wurden als "undeutsch" gebrandmarkt, weil sie nicht der Rassenideologie der Nationalsozialisten entsprachen. Viele Bücher wurden aus den Schulbibliotheken entfernt und fielen der Bücherverbrennung zum Opfer.

Bücherverbrennung im Dritten Reich: Eine Menschenmenge und ein brennender Scheiterhaufen aus Büchern.

Vernichtung von geistigen Schätzen

Heute soll der Literaturkanon solche Werke enthalten, die kulturell besonders wertvoll und für die Bildungsabsicht im Sinne der Demokratie geeignet sind. Je nach Bundesland erarbeiten Gremien aus Literaturwissenschaftlern und Lehrern Vorschläge, die dann als Empfehlungen in den Lehrplänen der verschiedenen Schulen auftauchen.

Der Schulkanon sorgt immer wieder für Diskussionen. Oft kritisiert wird auch der geringe Anteil an Frauen unter den Autoren auf der Liste der Pflichtlektüre.

Auch außerhalb der Schule sind Listen der wirklich wichtigsten deutschen Literatur-Werke für jedermann stark im Trend. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) etwa stellte hat 20 wichtige Romane zusammen, "Die Zeit" eine Schülerbibliothek mit 50 Titeln und die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte 100 Romane des 20. Jahrhunderts in einer Sonderedition.

Rückkehr der Bücherwürmer

Selten sind solche Listen oder gar die Schule der Grund für begeistertes Lesen. Im Gegenteil: Bei den schulischen Zerpflückungen der Klassiker aus dem Literaturkanon vergeht vielen der Spaß. Lesen wird zur Pflicht statt zum Vergnügen. Was macht die Schule falsch? Und andererseits: Warum lesen einige Jugendliche trotzdem leidenschaftlich gern?

Eines hat die Leseforschung sicher herausgefunden: Die beste Lese-Motivation für Kinder sind Eltern, die vorlesen, und Omas, die Geschichten erzählen. Die Leselust fängt bei Kleinkindern an. Kinder, die ohne Bücher aufwachsen, werden auch später nur selten zu Viellesern.

In England gibt es deshalb eine bemerkenswerte Initiative: Nach der Geburt ihres Kindes erhalten die Eltern eine Stofftasche mit zwei Babybüchern, einer Anleitung zum Vorlesen und einer freien Mitgliedschaft in der örtlichen Bücherei. Die Zahl der vorlesenden Eltern ist seitdem auf mehr als 90 Prozent gestiegen.

In Deutschland versucht man auf anderen Wegen die Kinder wieder zum Buch zu bringen, etwa durch Lese-Initiativen mit Vorlese-Wettbewerben, Buchtipps für alle Altersklassen, Lesereisen von Prominenten und mehr. Viele Bibliotheken stellen Bücherkisten zur Verfügung und organisieren Begegnungen mit Kinderbuchautoren. In einigen Bundesländern gibt es Vorlese-Paten, die lesewilligen Erwachsenen in speziellen Kursen die Kunst des Vorlesens beibringen.

Wichtig ist auch die Hilfe im Dschungel der jährlichen Neuerscheinungen. Der Arbeitskreis Jugendliteratur verleiht deshalb jedes Jahr den Deutschen Jugendbuchpreis. Jugendliche lesen Abenteuergeschichten meistens viel lieber als die realistischen Problemerzählungen aus dem Schulkanon. "Harry Potter" etwa ist ein zauberhafter Lesemagnet.

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Stand: 12.11.2019, 09:19

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