Wie Kinder die Sprache erwerben

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Wie Kinder die Sprache erwerben

Ein Kind, das gesund ist, lernt in seinen ersten Lebensjahren zu sprechen, das eine früher, das andere später. Geht die Kindheit zu Ende, beherrscht der Sprössling mit Eintritt in die Pubertät seine Muttersprache. Ob aus Kapstadt, Berlin oder Shanghai – alle Babys und Kleinkinder durchlaufen dieselben Entwicklungsstufen des Spracherwerbs, unabhängig von der Sprache, die sie später einmal sprechen werden.


Lernen Babys die Sprache bereits im Mutterleib?

Etwa in der 22. Schwangerschaftswoche ist der Fötus im Mutterleib imstande zu hören. Das Fruchtwasser dämpft zwar die Umgebungsgeräusche, Stimmen und Melodien kann das Ungeborene aber wahrnehmen. So erkennt das Baby nach der Geburt die Stimmen seiner Eltern – und auch die Sprache, die sie sprechen.

Dass ein Baby stärker auf Wörter aus der eigenen Sprache reagiert als auf Wörter anderer Sprachen, haben Sprachforscher seit den 1970er Jahren in Experimenten herausgefunden. Dazu haben sie die erhöhte Saugrate von Babys gemessen, die High Sucking Rate (HSR).

Die Forscher spielten den Babys verschiedene Sprachen vor. Änderte sich die Sprache, reagierten die Säuglinge darauf, indem sie stärker am Schnuller nuckelten. Die Erkenntnis aus den Experimenten: Die sprachspezifischen Laute, die Intonation und der Sprachrhythmus (Prosodie) hat ein Kind schon vor der Geburt gelernt.

Das Kind kommuniziert mit seiner Umwelt

In den ersten Lebenswochen schreien Babys vor allem, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. In der Regel mit Erfolg: Eltern können es kaum aushalten, wenn der Nachwuchs brüllt. Hunger, Schmerz, Aufmerksamkeit – auf all das kann das Baby seine Eltern durchs Schreien hinweisen. Es sind die ersten Grundlagen der Kommunikation. Zudem trainiert der Säugling den Stimmapparat.

Etwa ab der sechsten Woche beginnt das Baby andere Laute zu produzieren: Es gurrt, jauchzt und gurgelt. Es sind spontane Laute, die das Kind in diesem Alter noch nicht kontrollieren kann. Sie klingen zwar wie erste Sprechversuche, doch sind es nur unwillkürliche Ausdrücke von Freude und Wohlbefinden.

Wenn das Kind noch klein ist, helfen ihm die Eltern und andere Menschen, die Sprache zu erlernen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sprechen sie mit dem Kleinen, nutzen sie häufig eine Babysprache, auch Babytalk genannt. Sie betonen einzelne Wörter, sprechen langsamer und mit mehr Pausen.

Die Sätze sind kurz und simpel. Das erleichtert es dem Kind, die Strukturen der Sprache zu erkennen. Wird die Sprache der Kinder komplexer, passen sich die Erwachsenen dem Kind an.

Babys lernen schnell, wie sie auf sich aufmerksam machen

Babys lernen schnell, wie sie auf sich aufmerksam machen

Die Lallphase

Zwischen dem sechsten und zehnten Monat beginnt das Baby, einzelne Laute zu Silben zusammenzufügen: "Ba" und "da" oder "baba" und "dada" sind typisch für diese Entwicklungsstufe.

Selbst wenn die Babys aus verschiedenen Sprachräumen kommen, produzieren sie dieselben Laute. Eine umfassende Metastudie gibt es dazu zwar nicht, aber zu dem Ergebnis sind Sprachforscher unabhängig voneinander in ihren Studien gekommen.

Mit der Zeit passen sich die Heranwachsenden jedoch immer mehr der Umgebungssprache an. Was die Laute bedeuten, wissen die Babys in dieser Phase übrigens noch nicht. Auch wenn sie "mama" hervorbringen, ist ihnen noch unklar, was sie damit eigentlich sagen.

Auch Kinder, die taub sind, lallen. Es bleibt jedoch bei universellen Lallgeräuschen, da sie die typischen Laute ihrer Umgebungssprache nicht hören können. Lernen diese Kinder von Geburt an die Gebärdensprache, lallen sie ebenfalls – allerdings mit den Händen. Sie wiederholen immer wieder die gleichen Gesten, so wie andere Kinder Silben wiederholen.

Ein lachendes Baby.

Wer "mama" sagt, weiß nicht unbedingt, was das bedeutet

Lallend zum ersten Wort

Wann ein Kind sein erstes Wort sagt, variiert. Im Schnitt ist es zwischen zehn und zwölf Monaten alt. Die Grenzen zwischen der Lallphase und dem ersten Wort sind fließend. Ein Kind kann ein Wort erst richtig anwenden, wenn es verstanden hat, was dieses bedeutet. Sind nicht mehr sämtliche Personen "mama", sondern nur die Mutter, weiß das Kind, was es damit sagt.

Es kann ebenso sein, dass ein Kind ein neues Wort wie Hund zunächst für alles Mögliche verwendet und nicht nur für einen bestimmten Hund. Kühe, Katzen oder Tische werden so zum "hund".

In dieser Phase fängt das Kind an, Konzepte zu bilden, um die Umwelt besser zu verstehen: Ein Hund bewegt sich – eine Kuh tut das auch! Ein Hund ist für gewöhnlich klein, hat Fell, er lässt sich streicheln – das gilt auch für eine Katze! Und der Hund hat vier Beine – der Tisch auch! Erst mit der Zeit lernt das Kind, Wörter den richtigen Objekten zuzuordnen.

Kinder bezeichnen mit einem Wort nicht immer nur ein einzelnes Objekt. Manchmal steht eine Vokabel für einen ganzen Satz. Ein Kind, das auf die Handtasche seiner Mutter zeigt, und "Mama" sagt, will damit sagen: "Das ist Mamas Handtasche".

Das Kind kann so seine Gedanken mitteilen, auch wenn es die Wörter noch nicht alle kennt. Oft reihen Kinder auch mehrere Wörter aneinander. So kann "Papa, Saft" bedeuten "Papa, ich will Saft!" oder "Papa, du sollst auch Saft trinken!"

Kinder sind in dieser Phase sehr kreativ. Für die Eltern ist es dann oft schwer zu erahnen, was ihre Kinder gerade sagen möchten, vor allem wenn ein Ausdruck verschiedene Bedeutungen hat.

Ein Mädchen zeigt ihrer Mutter etwas.

Die Hände helfen einander verstehen

Und jetzt nochmal in einem ganzen Satz

Haben die Kinder zuvor noch überwiegend Nomen verwendet, fangen sie mit etwa anderthalb Jahren an, auch Verben, Adjektive und Präpositionen zu benutzen. In dieser Phase lernen sie bis zu 40 neue Wörter in der Woche.

Die Äußerungen ähneln jetzt schon richtigen Sätzen, sind aber vorwiegend noch im Telegrammstil formuliert. Verben werden noch nicht an das Subjekt des Satzes angepasst (konjugiert). Kinder sagen beispielsweise "Mama schlafen" anstatt "Mama schläft".

Doch auch diese Hürde meistern die Kinder. Mit etwa zweieinhalb bis drei Jahren können sie kurze Sätze meist fehlerfrei äußern. Neue Wörter zu lernen und selbst zu produzieren, ist für sie kaum noch ein Problem.

Ihnen fällt es aber noch schwer, die Strukturen der Grammatik zu verstehen und richtig anzuwenden. Wie sie versuchen, die Regeln für sich herauszufinden, ist für die Erwachsenen oft recht amüsant.

Der Teufel steckt im Detail

Ein Verb in seine Vergangenheitsform zu bringen, bereitet vielen Kindern zunächst Schwierigkeiten. Viele Verben enden im Deutschen auf "-te", darunter hörte, sagte oder lachte. Andere Verben sind unregelmäßig und haben Formen, die gelernt sein wollen, zum Beispiel aß, trank und sang.

Kinder versuchen, die Strukturen der Grammatik zu erkennen und allgemeingültige Regeln herzuleiten. Sie sagen etwa "gehte" statt ging, "schlafte" statt schlief und "rufte" statt rief – auch wenn sie schon vorher die korrekte Form angewendet haben.

Hier nützt es oft wenig, die Kinder zu verbessern. Sobald sie die Regeln verinnerlicht haben, können sie alle Vergangenheitsformen bilden – sowohl die regelmäßigen als auch die unregelmäßigen.

Bis Kinder alle Feinheiten einer Sprache beherrschen, und auch komplizierte Regeln wie das Passiv verstanden haben und sicher anwenden können, sind sie etwa elf Jahre alt. Sie haben nun alles, was einen Muttersprachler auszeichnet. Der Wortschatz entwickelt sich im Laufe ihres Lebens aber stetig weiter – und wird immer umfangreicher.

Zwei Mädchen lachen miteinander.

Mit elf beherrscht ein Kind die Sprache

Autorin: Wiebke Ziegler

Weiterführende Infos

Stand: 06.09.2017, 09:55

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