Wolfskinder

Szene aus dem Zeichentrickfilm "Das Dschungelbuch".

Sprache

Wolfskinder

Von Wiebke Ziegler

Mogli ist ein Findelkind. Der Panther Baghira findet ihn und bringt ihn zu den Wölfen, die den Jungen im Dschungel großziehen. Das ist die Geschichte von "Das Dschungelbuch". Doch Kinder, die ohne Kontakt zu anderen Menschen und ohne Sprache aufwachsen, gibt es auch im realen Leben.

Eine Kindheit ohne Worte

Sie wachsen ohne Sprache heran, zum Beispiel weil sie ihre Kindheit eingesperrt in eine Kammer zugebracht haben: Wolfskinder. Bis sie jemand findet, haben sie oft keine oder kaum Berührung mit anderen – und damit mit der Sprache. Die Versuche, diesen Kindern das Sprechen beizubringen, scheitern häufig. Manche lernen ein wenig zu sprechen, andere gar nicht.

1800 fanden Jäger in einem Wald nahe der Stadt Saint-Sernin in der Gegend von Aveyron in Frankreich einen verwahrlosten Jungen. Er war etwa zehn Jahre alt, trug bis auf ein zerrissenes Hemd keine Kleider am Leib und gab Tierlaute von sich.

Die Jäger brachten den Jungen zunächst in ein Waisenhaus in Saint-Affrique und wenige Monate später nach Paris, in ein Institut für taubstumme Kinder. Dort nahm Jean-Marc-Gaspard Itard – der Chefarzt der Anstalt – das Kind in seine Obhut und gab ihm den Namen Victor.

Itard sah es als seine Aufgabe, Victor an andere Menschen zu gewöhnen. Mit einfachen Übungen versuchte Itard, Victor die Sprache zu vermitteln. Der Junge sollte Laute und später auch Wörter nachsprechen. Trotz des täglichen Trainings lernte Victor nur wenige Worte. Itard war frustriert.

Mit etwas mehr Erfolg lehrte er den Jungen zu lesen und zu schreiben. Er schrieb Buchstaben und Wörter auf Karten und erklärte Victor deren Bedeutungen. Victor lernte so Adjektive wie groß und klein, Verben wie trinken und essen, und Farben wie Rot und Grün. Er speicherte die Wörter sogar im Gedächtnis – und konnte diese auch später noch auswendig aufschreiben.

Fünf Jahre lang unterrichtete Itard den Jungen aus der Wildnis. Bis er die Geduld verlor und den Jungen aufgab. Er schaffte es nicht, ihm das Sprechen beizubringen. Victor wohnte bis zu seinem Tod in dem Heim für taube Kinder. Er starb mit 38 Jahren und blieb bis zuletzt stumm.

Zeichnung:Victor von Aveyron.

Victor lernte nie zu sprechen

Genie wuchs in Isolation auf

In den 1970er Jahren entdeckten die Behörden in Los Angeles ein Mädchen namens Genie. Es war abgemagert, blass und wirkte für seine dreizehn Jahre geistig zurückgeblieben.

Der Vater hatte das Mädchen über zwölf Jahre in einem Zimmer gefangen gehalten. Tagsüber fesselte er sie nackt an einen Kindertoilettenstuhl, nachts an ihr Bett. Er fütterte sie, sprach aber nicht mit ihr. Genie hatte nur wenige Dinge zum Spielen. Ihr Fenster war durch einen Vorhang verhüllt. Der Vater verprügelte das Mädchen und schrie es immer wieder an.

Genies kognitive Fähigkeiten glichen jenen einer Zweijährigen. Neugierig und aufmerksam war sie dennoch. Schon nach einer Woche konnte sie einige Wörter sagen.

Ihr Zustand besserte sich in den Monaten darauf. Sie nahm zu und ging spazieren. Nach einem Jahr konnte sie andere gut verstehen, selbst sprechen konnte sie hingegen kaum. Ihr Wortschatz umfasste etwa hundert Wörter.

Acht Jahre lang untersuchte die Sprachwissenschaftlerin Susan Curtis Genies Fähigkeiten zu sprechen. Sie erzielte jedoch kaum noch Fortschritte.

Ihre Äußerungen waren ungrammatisch, das heißt, sie flektierte Verben falsch oder gar nicht und stellte die Wörter in ihren Sätzen in die falsche Reihenfolge. Heute lebt Genie in einem Heim für geistig behinderte Menschen in Los Angeles.

Isabelle blieb sechs Jahre stumm

Die Geschichte von Isabelle verlief anders. Das Mädchen wurde 1932 im US-Bundesstaat Ohio geboren. Ihre Großmutter hielt sie und ihre Mutter über sechs Jahre in einer Kammer gefangen. Den beiden fehlte jeglicher Kontakt zur Außenwelt.

Isabelles Mutter konnte weder sprechen noch lesen oder schreiben. Sie kommunizierte über Gesten, die sie sich selbst ausgedacht hatte. Isabelle hatte in der Zeit also keinerlei lautsprachlichen Input. 1938 – Isabelle war etwa sechseinhalb – konnte die Mutter aus der Kammer fliehen.

Isabelle wurde in einer Sprachklinik behandelt. Schon nach einer Woche konnte sie ein paar Wörter sagen, nach nur drei Monaten konnte sie ganze Sätze bilden und Fragen stellen. Leider wurde Isabelles Fall nicht weiter dokumentiert, sodass nicht bekannt ist, ob sie das Sprechen jemals vollständig gelernt hat.

Wer taub ist, kann über Gesten kommunizieren

Wer taub ist, kann über Gesten kommunizieren

Unter Hunden aufgewachsen

1991 fanden Sozialarbeiter in der Ukraine die achtjährige Oxana. Sie lief auf allen Vieren und bellte. Sprechen konnte sie kaum. Ihre Eltern hatten sie draußen im Garten vergessen, als Oxana etwa drei Jahre alt war. Sie waren starke Alkoholiker und hatten das Verschwinden des Mädchens offenbar nicht bemerkt.

Oxana suchte Unterschlupf in einer Hundehütte – und lebte dort fünf Jahre lang. Der Hund sorgte für Oxana, brachte ihr Essen und wärmte sie.

Heute lebt Oxana in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderung. Sie kann kaum sprechen, mehr als einfache Sätze bringt sie nicht heraus. Auch mit anderen Menschen kommt sie nicht gut zurecht. Von den Schäden, die sie in ihrer Kindheit davongetragen hat, wird sie sich vermutlich nie erholen.

Ein ähnliches Schicksal ereilte einen Jungen namens Edik, dessen Eltern – ebenfalls Alkoholiker – nicht imstande waren, sich um ihren Sohn zu kümmern. Die meiste Zeit verbrachte Edik mit Straßenhunden.

1999 wurde der Vierjährige in einer Wohnung in der Ukraine gefunden. Er wurde in ein Waisenhaus gebracht, wo er langsam zu sprechen lernte. Mit sechs war er auf dem Sprachniveau eines Zweijährigen. Die Chancen stehen dennoch gut, dass Edik irgendwann vernünftig sprechen kann. Sein Sozialverhalten wird jedoch vermutlich immer gestört bleiben.

Was sagen Wissenschaftler zu solchen Fällen?

Viele Faktoren können ausschlaggebend dafür sein, ob ein Mensch zu einem späteren Zeitpunkt im Leben seine Muttersprache lernt. Möglicherweise hat es etwas mit dem Alter zu tun.

Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass es eine kritische Phase gibt, in der ein Mensch eine Sprache erwerben kann. Diese Phase reicht etwa von der Geburt bis in die Pubertät hinein.

Unklar ist, ob ein Mensch auch nach dieser Phase noch dazu in der Lage ist, eine Sprache zu erwerben. Isabelle war sechseinhalb, als sie anfing, sprechen zu lernen. Schon nach kurzer Zeit konnte sie Sätze bilden.

Genie und Victor waren doppelt so alt. Beide waren auch nach langem Training nicht in der Lage, vernünftig zu sprechen. Über einzelne Wörter oder Wortfolgen kamen sie nicht hinaus.

Die sozialen Umstände in der Kindheit können ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Genie war durch die jahrelangen Misshandlungen psychisch stark traumatisiert. Isabelle hingegen wuchs bei ihrer Mutter auf, wenn auch abgeschieden vom Rest der Welt. Oxana und Edik kannten nur das Sozialverhalten der Hunde, nicht aber das der Menschen.

Dass Isabelle sprechen lernte, kann damit zusammenhängen, dass sie von ihrer Mutter die Gebärdensprache gelernt hatte. Sie kannte zumindest eine rudimentäre Form von Sprache, wenn auch keiner gesprochenen. So konnte sie ihr Gebärdensprachwissen später auf die gesprochene Sprache übertragen.

Die Frage, ob es eine kritische Phase für den Spracherwerb gibt, werden Sprachwissenschaftler so schnell nicht eindeutig beantworten können. Denn solchen Forschungen geht immer ein tragisches Ereignis voraus – ein Kind, das von seinen Eltern misshandelt wird oder in vollkommener Isolation aufwächst.

Ein Baby im Arm der Mutter.

Stand: 06.09.2017, 09:37

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