Deutschunterricht

Ein Mädchen schreibt etwas an die Tafel

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Deutschunterricht

Die Begegnung mit großen Dichtern, inspirierende Diskussionen und scharfsinnige Analysen, aber auch langweilige Grammatik, geleierte Gedichte und Angst einflößende Diktate – der Deutschunterricht hat viele Gesichter. Im 17. Jahrhundert gab es ihn noch gar nicht, im 19. Jahrhundert wurde er ideologisch missbraucht. Heute bietet das Fach Deutsch alle Möglichkeiten, Leben und Kultur auf vielfältige Weise zu erleben.

Das Deutsche als "Barbarensprache"

Im 17. Jahrhundert führte die deutsche Sprache ein recht kümmerliches Dasein und das, obwohl es bereits zu jener Zeit schon bekannte Dichter wie Martin Opitz und Andreas Gryphius gab.

Ihre schwermütigen und metaphernreichen Verse spiegelten den damaligen Zeitgeist wider: Nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges war der Tod allgegenwärtig und gleichzeitig herrschte eine Sehnsucht nach Sinnesfreuden und die Gier nach dem Leben. Reichtum und Prunk gab es jedoch nur für die Adeligen, der Großteil der Bevölkerung war verarmt. So spielte die Dichtkunst auch vorwiegend an den Fürstenhäusern eine Rolle.

In anderen europäischen Ländern erlebte dagegen die Literatur eine Blütezeit: Mit William Shakespeare in England, Jean Baptiste Molière in Frankreich und Miguel de Cervantes in Spanien. Das Deutsche aber wurde als barbarisch angesehen – sogar von den Gelehrten in den deutschen Ländern selbst.

Martin Opitz im Jahr 1630: ein Mann in feiner Kleidung, mit Spitz-und Schnauzbart.

Barockdichter Martin Opitz

An den Fürstenhäusern sprach man Französisch, die Händler verständigten sich in Englisch, die geistige Elite sprach und dichtete in Lateinisch. An den Gymnasien war Deutsch oft sogar verboten.

Nur an einigen wenigen Volksschulen gab es Deutschunterricht. Hier stand jedoch die Erziehung der Schüler zu Gehorsam und Frömmigkeit im Vordergrund. Die Unterrichtsinhalte beschränkten sich deswegen darauf, Formeln aus der Luther-Bibel nachzusprechen und vorgefertigte Antworten auswendigzulernen.

Dennoch entstanden in dieser Zeit die ersten Sprachgesellschaften mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu pflegen und den anderen europäischen Sprachen gleichzustellen. Johan Amos Comenius stellte erste Forderungen nach einer "Muttersprachenschule" für alle.

Die Sprache wird Werkzeug der Vernunft

Das 18. Jahrhundert kennzeichnet den Beginn der modernen Zeit. Obwohl etwa zwei Drittel der Bevölkerung als Leibeigene unter erbärmlichen Bedingungen lebten, entstand in den Städten eine neue ökonomische Kraft. Die Handel treibenden Bürger gewannen an Macht und Reichtum.

Sie wollten die Vormachtstellung des Adels nicht länger als gottgegeben hinnehmen. Sie folgten einem neuen Weltbild, dem Glauben an die Vernunft, an die Gleichheit aller Menschen und an die Menschenrechte. In ganz Europa begann die Epoche der Aufklärung.

Literatur sollte nicht mehr nur dem Adel an den Höfen vorbehalten bleiben. Im Zuge dessen begannen einige wenige freie Schriftsteller damit, über die Lebenswelt des Bürgertums zu schreiben, anstatt ein Loblied auf die Fürsten zu singen, wie es lange Zeit üblich war.

Schwarz-weiß Porträt des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing.

"Nathan der Weise" ist Lessings Werk

So erhielt die deutsche Sprache einen völlig neuen Stellenwert. Sie sollte für jedermann verständlich sein. Man bemühte sich um eine einfache und klare Ausdrucksweise. Erstmalig wurde der Deutschunterricht an den oberen Schulen eingeführt. Die Schüler wurden in der "Teutschen Oratierie" – der deutschen Redekunst – unterwiesen. Sie sollten "Wohlgeredheit und Sprachrichtigkeit", also den richtigen Gebrauch ihrer Muttersprache und das Briefschreiben erlernen.

Als Vorlage dienten literarische Werke, wie etwa Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) "Nathan der Weise" oder die "Ringparabel". An den Volksschulen wurde der Deutschunterricht zu einem Mittel der moralischen Erziehung. Eine neue Literaturform entstand: das Kinder- und Jugendbuch.

Letztlich wurde die deutsche Sprache im Laufe des Jahrhunderts zum Werkzeug der Vernunft und der Erkenntnis, zum Instrument des Denkens und der Kommunikation – ganz im Sinne der Aufklärung. Dennoch erfasste die neue Strömung nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Am Ende des 18. Jahrhunderts waren noch immer mehr als ein Drittel der Deutschen Analphabeten.

Der Höhenflug der deutschen Sprache

Die Epoche der Aufklärung brachte keine umwälzenden Veränderungen im Bildungssystem. Trotzdem konnte sich der Deutschunterricht immer mehr etablieren. Das Deutsche entwickelte sich zur klaren Wissenschaftssprache, die Literatur wurde zu einer Kunst auch des Bürgertums. Einen der größten Beiträge für die Entwicklung der sprachlichen Kultur in Deutschland leistete unbestritten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Später als in anderen europäischen Ländern schwang sich die deutsche Literatur zu nie gekannten Höhen auf. Der Dichter wurde zum Schöpfer. Seine Seele lauschte den Schwingungen der Natur, sein Herz litt den Weltschmerz, seine Worte waren frei und genial. Das deutsche Volk fand ein neues Gefühl der Einheit durch seine Dichtkunst. Wer die großen literarischen Werke dieser Zeit, der Klassik, nicht kannte, galt als ungebildet. Bis heute sind die Klassiker von Goethe und Schiller aus dem Deutschunterricht nicht mehr wegzudenken.

Teilansicht des Goethe-Schiller-Denkmals vor dem Nationaltheater in Weimar.

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar

Die deutsche Sprache als Nationalsymbol

Im 19. Jahrhundert wurde flächendeckend die allgemeine Schulpflicht und mit ihr auch der Deutschunterricht eingeführt. Unter Wilhelm von Humboldt wurde das deutsche Bildungswesen reformiert. Der Bildungsweg wurde vereinheitlicht und überall allgemeine Volksschulen eingerichtet.

Friedrich Schleiermacher entwarf ein Konzept, "das Deutsche als zentrales Fach und Prinzip des gesamten Schulsystems zu konstituieren". Ähnlich wie Comenius im 17. Jahrhundert hoffte er, durch muttersprachigen Unterricht das ganze Volk zu bilden.

Das zeitgenössische Porträt zeigt den deutschen evangelischen Theologen und Philosophen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.

Friedrich Schleiermacher

Die politische Entwicklung lief jedoch in eine andere Richtung: Es sollten keine aufgeklärten und selbst denkenden Bürger heranwachsen, sondern gehorsame Untertanen, die dem Kaiser und dem Vaterland treu ergeben waren. So wurde die deutsche Sprache nicht zum Mittel der Volksbildung, sondern zum einheitsstiftenden Nationalsymbol.

Erziehung zum Deutschtum

Im Laufe des Jahrhunderts entwickelten sich die ersten Sprachregeln des Deutschen. Konnte man Anfang des Jahrhunderts noch so schreiben wie man wollte, verfestigte sich gegen Mitte des Jahrhunderts die "Standardsprache" mit festen Grammatik- und Rechtschreibregeln. Das große Wörterbuch von Jacob Grimm und die Schulgrammatiken von Karl Ferdinand Becker sind bis heute bekannte Beispiele aus dieser Zeit.

Der Deutschunterricht verlief entsprechend: In Grammatikunterricht mussten die Schüler Wortformen und Satzglieder einüben. Der Literaturunterricht bestand aus Auswendiglernen von klassischen Werken. Das Ergebnis schien zunächst positiv: Am Ende des Jahrhunderts konnte fast jeder lesen und schreiben.

Für die unteren Bevölkerungsschichten verbesserte sich die Situation dadurch jedoch kaum. An den Volksschulen wurde die Standardsprache nur selten unterrichtet. Die Kinder verharrten in ihren Dialekten und waren gesellschaftlich stigmatisiert.

Das allgemeine Ziel des Deutschunterrichts war es im 19. Jahrhundert, die Schülerinnen und Schüler in allen Schulformen zum "Deutschtum" zu erziehen. Sie wurden auf das Vaterland eingeschworen, sangen Lieder über die Liebe zum Kaiser und schrieben Aufsätze über die Größe des deutschen Volkes und die Freuden des Krieges.

Der Deutschunterricht war gleichgesetzt mit Nationalerziehung. Selbstständiges Denken, freier Umgang mit der Sprache und kommunikative Kompetenz zählten hingegen nicht zu den Lernzielen. Es wurden nur noch Werke der Literatur gelesen, die deutsche Kultur und Geschichte vermittelten und deren Inhalt als spezifisch deutsch galt. Schon damals wurde Heinrich Heine aus dem Schulkanon verbannt. Im Dritten Reich fand diese Entwicklung ihren traurigen Höhepunkt.

Kolorierte Lithographie des deutschen Schriftstellers Heinrich Heine.

Heinrich Heine - früher geächtet, heute geachtet

Rückkehr der Klassiker

Nach dem Krieg 1945 war es das Hauptanliegen des Staates, das nationalsozialistische Gedankengut aus dem Bildungswesen zu verbannen. Die Erziehung zur Demokratie stand von nun an in den Schulen an erster Stelle. Besonders der Deutschunterricht musste völlig neu ausgerichtet werden.

Während das Erlernen der inzwischen fest normierten deutschen Sprache mit Rechtschreibung und Grammatik ein problemloser Bestandteil bleiben konnte, fehlte es für den Literaturunterricht an Schulbüchern und Ideen. Eine Vielzahl der zur Verfügung stehenden Lehrer war noch von der nationalsozialistischen Ideologie geprägt. Moderne Literatur oder die Exilliteratur der vertriebenen Schriftsteller wurden nicht gelesen. So kehrte man stattdessen wieder zu den Klassikern zurück.

Das Foto zeigt eine Schulklasse in den 50er Jahren

Eine Schulklasse in den 50er Jahren

Sprache heißt sprechen und bildet die Persönlichkeit

Erst in den 1960er Jahren wurde Gegenwartsliteratur etwa von Bertolt Brecht, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt im Unterricht behandelt. Gleichzeitig entwickelte sich die Didaktik als Lehrfach an den Universitäten – das Lehren wurde wissenschaftlich überdacht.

Nach den Studentenunruhen Ende der 1960er Jahre bestimmten neue Erziehungsziele auch den Deutschunterricht: Emanzipation, Mündigkeit, Toleranz und Kommunikationsfähigkeit waren einige Schlagworte. Auch heute noch ist die Erziehung der Schülerinnen und Schüler zu frei denkenden, demokratisch orientierten Persönlichkeiten als Lehrziel in den Schulgesetzen und Lehrplänen für das Fach Deutsch zu finden.

Das Auswendiglernen von Gedichten und das Pauken von grammatischen Formeln sind fast vollständig verschwunden. Die Jugendlichen sollen selbst interpretieren, frei Aufsätze schreiben und aktuelle Themen schriftlich erörtern lernen.

Dafür sieht sich der Deutschunterricht jedoch mit neuen Problemen konfrontiert: Für viele Schüler ist das Lesen fremd geworden. Darunter leidet in vielen Fällen die Entwicklung des eigenen Sprachvermögens.

Zwei Mädchen sitzen mit dem Rücken zur Kamera, eins von beiden trägt Kopftuch.

Mehrsprachige Dialoge im Deutschunterricht

Zusätzlich gibt es viele Kinder an den deutschen Schulen, die mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind, weil ihre Eltern aus anderen Ländern eingewandert sind. Sie benötigen einen zusätzlichen Deutschunterricht, in dem ihnen Deutsch als Zweitsprache vermittelt wird.

Auch die scheinbar so fest zementierten Regeln der deutschen Schriftsprache sind durch diverse Rechtschreibreformen in den vergangenen Jahren erschüttert worden. All das hat Einfluss auf den Deutschunterricht, der immer neuen Anforderungen gerecht werden muss.

Autorin: Julia Lohrmann

Stand: 18.01.2018, 15:00

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