Aufsehenerregende Fake-News-Fälle

Fake-News und Filterblasen Planet Wissen 26.02.2019 03:13 Min. Verfügbar bis 26.02.2024 WDR

Fake News

Aufsehenerregende Fake-News-Fälle

Von Sonja Kolonko

Es gibt Meldungen, die viele Menschen aufregend, verängstigen oder wütend machen. Solche Nachrichten haben die höchste Wahrscheinlichkeit, in sozialen Netzwerken geteilt zu werden.

Die erfundene Vergewaltigung von Lisa

Dass Fake News auch außenpolitisch hohe Wellen schlagen können, zeigt das Beispiel der 13-jährigen Lisa aus Berlin. Lisas Eltern meldeten ihre Tochter im Januar 2016 als vermisst. Russlands TV-Sender "Erster Kanal" veröffentlichte kurz darauf einen TV-Beitrag, in dem eine Verwandte von Lisa behauptet, dass Lisa in Berlin von Asylbewerbern entführt und 30 Stunden lang vergewaltigt worden sei.

Alleine auf Facebook wurde das Video des "Ersten Kanals" über Lisa mit deutschen Untertiteln millionenfach angesehen und tausendfach geteilt. Es kam sogar zu Demonstrationen, die von pro-russischen Bürgern in Deutschland sowie der NPD organisiert wurden, etwa vor dem Kanzleramt in Berlin. Etwa 12.000 Menschen gingen auf die Straßen.

Demonstranten vor dem Kanzleramt mit Schildern

Die Demonstranten zogen im "Fall" Lisa bis vors Kanzleramt

Der russische Außenminister Sergei Lawrow warf den Deutschen vor, den Fall Lisa zu vertuschen, damit man nicht zugeben müsse, dass Deutschland ein Problem mit seinen Migranten habe.  

Die Staatsanwaltschaft stellte schließlich nach einer Auswertung der Handydaten des Mädchens fest: Lisa hatte tatsächlich Sex mit einem Mann mit Migrationshintergrund gehabt – allerdings einvernehmlich. In der Nacht ihres Verschwindens hatte sie bei einem Bekannten übernachtet. Die 13-Jährige hatte Probleme in der Schule und traute sich deswegen nicht nach Hause.

Französischer Staatspräsident Macron angeblich homosexuell

Im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahl 2017 sagt Nicolas Dhuicq, ein konservativer Abgeordneter des französischen Parlaments, am 04. Februar 2017 in einem Interview mit der prorussischen Propagandaseite "Sputnik" in Bezug auf Macron: "Eine sehr wohlhabende Gay-Lobby steht hinter ihm. Das sagt alles." 

Das war der Ausgangspunkt für eine weltumspannende Verbreitung der Falschnachricht, der französische Präsidentschaftskandidat sei homosexuell. In den darauffolgenden Tagen nahmen mehr als 17.000 TV-Beiträge, Artikel, Blogeinträge und Posts auf Twitter und Facebook darauf Bezug. 

Emmanuel Macron reagierte gelassen und ging sofort in die Offensive: Ob man sich vorstellen könne, dass er neben dem Wahlkampf und seiner Ehe auch noch ein geheimes Doppelleben als Homosexueller führe?

Porträtfoto des lachenden Emmanuel Macron

Emmanuel Macron reagierte gelassen auf das Gerücht

Danach diskutierten die französischen Medien weniger, ob an dem Gerücht etwas dran sei, als viel mehr ob und wie Russland versuche, die Wahl zu manipulieren.

Hinterhältiger Anschlag oder Unfall aus Geiz?

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Anton Friesen stellte bei einer Fahrt mit dem Auto in Südthüringen lockere Radschrauben an allen vier Rädern fest. Daraufhin behauptet er, linksradikale politische Gegner hätten sein Fahrzeug manipuliert und erstattete Anzeige gegen unbekannt.

Die Suhler Polizei schrieb tags darauf in einer Pressemitteilung vorsichtig: "Ob eine politisch motivierte Tat vorliegt, kann im Moment nicht zweifelsfrei gesagt werden".

Friesen dagegen sprach in einer AfD-Pressemitteilung von einer "neuen Dimension linksextremistischer Gewalt". Einen Tweet zu dem Vorfall auf seinem persönlichen Account garnierte Friesen mit ähnlichem Vokabular ("Radmuttern gelöst, Menschenleben gefährdet") und einem fünf Jahre alten Foto, das einen ganz anderen – viel dramatischeren – Unfall zeigt.

Porträtfoto von Anton Friesen

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Anton Friesen sprach von einem Anschlag

Die Staatsanwaltschaft sieht einen anderen Unfallgrund: Anton Friesen habe an seinem Auto Billigfelgen einbauen lassen, so dass sich die Muttern nach längerer Fahrt möglicherweise selbst gelöst hätten.  

Müssen Weihnachtsmärkte jetzt Wintermärkte heißen?

Es ist schon fast eine Tradition: Jedes Jahr zu Ostern oder Weihnachten kursieren Geschichten, wonach Oster- und Weihnachtsmärkte aus Rücksicht auf Muslime nicht mehr so heißen dürfen.

Tatsächlich heißt so mancher Weihnachtsmarkt nicht mehr Weihnachtsmarkt, sondern zum Beispiel Lichter- oder Wintermarkt. Doch der Grund ist kein religiöser, sondern ein finanzieller: Die Betreiber der Märkte wollen einen anderen Schwerpunkt setzen.

Der Weihnachtsmarkt am Flughafen München zum Beispiel heißt bewusst Wintermarkt, weil er dadurch bis in den Januar hinein geöffnet bleiben darf. Im schleswig-holsteinischen Elmshorn taufte man den Markt 2007 in "Lichtermarkt" um, denn die Betreiber investierten damals in eine neue Weihnachtsbeleuchtung.

Erleuchteteter Dortmunder Weihnachtsmarkt von oben

Darf der Weihnachtsmarkt noch Weihnachtsmarkt heißen?

Als die Rechtspopulistin Erika Steinbach jedoch zehn Jahre später auf ein Reklameplakat für den "Lichtermarkt" stieß, der auch noch mit einem mit dunkelhäutigem Engel beworben wurde, twitterte sie empört: "Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft". Der Ausspruch zog weite Kreise im Netz, Rechtspopulisten beschworen prompt "den Untergang des Abendlandes".

WDR | Stand: 08.07.2020, 08:35

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