Siena – der ewige Rivale

Blick über Siena

Florenz

Siena – der ewige Rivale

Malerisch erstreckt sich die verwinkelte Altstadt aus rotbraunem Backstein auf drei Hügeln im Chianti-Gebiet. Für viele ist Siena unbestritten die schönste Stadt in der Toskana.


Eskalation auf dem Schlachtfeld

1260 eskaliert der lange andauernde Konflikt zwischen dem papsttreuen Florenz und dem kaisertreuen Siena. Es kommt zur Entscheidung auf dem Schlachtfeld.

Florenz stand jahrhundertelang im Schatten des viel kleineren, aber wirtschaftlich mächtigeren Siena. Nun wollen sich die Florentiner, die seit geraumer Zeit eine aggressive Expansionspolitik betreiben, den knapp 70 Kilometer südlich gelegenen Rivalen einverleiben.

Zehntausende Soldaten werden vor den Toren Sienas aufgestellt und belagern die Stadt. Doch die Sienesen können in der Schlacht von Montaperti den Angriff abwehren und fügen den Truppen von Florenz eine vernichtende Niederlage zu. 10.000 Florentiner sterben auf dem Schlachtfeld, 15.000 geraten in Gefangenschaft. Siena erringt den größten Sieg in seiner Geschichte.

Ungleiche Entwicklung

Der Konflikt der beiden Stadtstaaten entwickelt sich über einen langen Zeitraum. In spätrömischer Zeit (313) wird in der Kolonie Sena Julia, die 300 Jahre zuvor als römisches Militärlager gegründet worden war, ein kleiner Bischofssitz eingerichtet.

Florenz dümpelt dagegen als ehemaliges römisches Veteranenlager vor sich hin. Im 8. Jahrhundert wird Siena, mittlerweile unter fränkischer Herrschaft, Sitz eines Grafen.

Die Frankenstraße, die vom englischen Canterbury nach Rom führt, geht mitten durch Siena und lässt den Handel und die Wirtschaft in der Stadt erblühen. Florenz ist in dieser Zeit von der Frankenstraße und somit auch vom ertragreichen Handel abgeschnitten.

Ab dem 11. Jahrhundert kommt es zu Spannungen zwischen den Bischöfen und Grafen in Siena. Die Bischöfe schaffen es, den Adel zu vertreiben und regieren eine Zeit lang als sogenannte Graf-Bischöfe.

Mit dem Tod von Markgräfin Mathilde von Tuszien (1115) erlangt Siena, wie viele andere toskanische Städte auch, die formelle Unabhängigkeit. Das aufstrebende Bürgertum will sich fortan nicht mehr von den Bischöfen in seine Belange reinreden lassen. Nach und nach werden die Kirchenväter in ihren Befugnissen eingeschränkt, bis 1147 der letzte von ihnen aus der Stadt gejagt wird.

Wirtschaftliche Blüte

In der Folgezeit wird der Landadel gezwungen, seine Kastelle zu verlassen und sich in der Stadt anzusiedeln. Im Gegensatz zu Florenz ist der Sieneser Adel jedoch an geschäftlichen Unternehmungen sehr interessiert.

Kaufleute und Adel vereinigen sich zu großen Handelsgesellschaften und stellen zu gleichen Teilen die Regierung. Die ersten Banken werden gegründet und Siena entwickelt sich zu einer der wirtschaftlich stärksten Städte in Europa.

Die reichen Erz- und Silbervorkommen in den umliegenden Hügeln sichern der Stadt ein reiches finanzielles Polster. Als bevorzugte Bankiers der Päpste in Rom sind die Sienesen mit der Eintreibung der päpstlichen Steuern, dem sogenannten Petersgroschen, beauftragt.

1186 verleiht zudem Kaiser Friedrich Barbarossa Siena das Recht der Münzprägung. Der wachsende Reichtum der Stadt ruft jedoch immer mehr Neider hervor, vor allem das nahe gelegene, nach Macht strebende Florenz.

Blick von schräg oben auf den Dom von Siena. In der Mitte des Doms ist eine hellgraue Kuppel zu sehen, direkt daneben der schwarzweiß gestreifte Glockenturm.

Der Dom ist Ausdruck wirtschaftlicher Größe

Das Blatt wendet sich

In der Schlacht von Montaperti muss Florenz 1260 zwar eine bittere Niederlage hinnehmen, doch die ehrgeizige Stadt gibt so schnell nicht auf. Die Zeichen der Zeit stehen günstig, überregionale Ereignisse spielen den Florentinern in die Karten.

1268 geht das Kaisergeschlecht der Staufer, auf dessen Seite die Sienesen in den Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser um die Vorherrschaft in Norditalien die ganze Zeit gestanden hatten, unter.

Ein Jahr später unterliegt Siena dem Rivalen Florenz in einer erneuten Schlacht bei Colle di Val d’Elsa. Die papsttreuen Guelfen diktieren nun den Frieden und übernehmen die Regierung in Siena.

Mehrere guelfische Regierungsformen sind nur von kurzer Dauer, bis der "Rat der Neun" die Macht übernimmt. Zusammengesetzt aus neun wohlhabenden Kaufleuten setzt er in erster Linie auf die Wahrung des Friedens, der für einen florierenden Handel unabdingbar ist.

Blick auf den Platz 'Il Campo' in Siena während der Dämmerung. Auf dem großen Platz sind vereinzelt Menschen zu sehen; im Hintergrund die Silhouetten von beleuchteten Häusern und der Turm des Doms.

Siena kommt zur Ruhe

Kulturelle Blüte

In der Zeit des Neunerrates (1287-1355) erlebt Siena seine große kulturelle Blütezeit. Die Sieneser Malerei, die heute vollkommen zu Unrecht im Schatten der Künstler von Florenz steht, läuft in dieser Zeit zur Hochform auf.

Maler wie Duccio di Buoninsegna oder Ambrogio Lorenzetti perfektionieren die mittelalterliche Malerei in Form, Komposition und Farbe und werden so zu den Wegbereitern der modernen Malerei. Unter ihren mittelalterlichen Kollegen gelten sie als die größten Künstler ihrer Zeit.

Eine grenzenlose Bautätigkeit ergreift zudem die gesamte Stadt. In den knapp 70 Jahren des Neunerrats erhält Siena fast vollständig sein heutiges Aussehen. Der Bau des Kommunalpalastes mit dem 102 Meter hohen "Torre del Mangia" wird innerhalb kurzer Zeit fertiggestellt. Unzählige weitere Paläste und Adelshäuser im gotischen Stil entstehen.

1339 soll ein ehrgeiziges Projekt den Ruhm der Stadt in aller Welt erstrahlen lassen: Der ohnehin schon recht große Dom soll erweitert werden, damit er den gerade im Bau befindlichen Dom von Florenz in Größe und Pracht um ein Vielfaches übertrifft. Das heutige Längsschiff soll das Querschiff des neuen Doms werden.

Siena nimmt damit den größten Kirchenbau der Welt in Angriff. Doch der überdimensionale Bau kann nie fertiggestellt werden. 1348 rafft die Pest zwei Drittel der Bevölkerung dahin, das entvölkerte Siena geht einer schweren Krise entgegen, von der es sich nie wieder erholen soll.

Mittelalterliches Gemälde: Vor der Stadtsilhouette Sienas mit Häusern, Palästen und Türmen gehen und reiten Menschen auf den Straßen der Stadt.

Ambrogio Lorenzettis Sicht von Siena

Spielball der Großmächte

In der schwierigen Zeit nach der Pest versuchen zahlreiche wechselnde Regierungen, der Stadt politische und wirtschaftliche Stabilität zu verschaffen – doch ohne großen Erfolg. Die Zeit von Siena scheint abgelaufen zu sein.

Die alte Frankenstraße wird durch neue Verkehrswege abgelöst. Die großen Handelskarawanen ziehen lieber durch die inzwischen entsumpften Ebenen, als den beschwerlichen Weg über die Berge zu nehmen.

Das immer mächtiger werdende Florenz entreißt Siena einen Markt nach dem anderen. Stadtstaaten von der Größe Sienas werden immer mehr zum Spielball der europäischen Großmächte. Dennoch bewahrt sich die kleine Stadt noch verhältnismäßig lange ihre Unabhängigkeit.

Als wieder einmal ein Streit der verschiedenen Parteien über die Regierungsbeteiligung in Siena ausbricht, nutzt Cosimo I. de' Medici zusammen mit seinem Verbündeten Kaiser Karl V. die Gunst der Stunde. Er lässt Siena jahrelang belagern, bis die Bewohner mürbe geworden sind und 1555 kapitulieren müssen.

Karl V. zieht triumphierend in Siena ein. Vier Jahre später muss er die Stadt jedoch an seinen Gläubiger Cosimo I. abtreten. Siena steht fortan unter der Herrschaft seines großen Rivalen Florenz und wird in das Herzogtum Toskana eingegliedert. Das Ende der unabhängigen Stadtrepublik ist besiegelt.

Die "gotischste" Stadt Italiens

Keine andere Stadt in Italien hat sich so ein geschlossenes mittelalterliches Stadtbild bewahrt wie Siena. Während Florenz ganz im Geiste der Renaissance aufging, baute Siena aus Trotz gegenüber dem großen Rivalen im gotischen Stil weiter.

Die wenigen Renaissancepaläste fallen heute in der Stadt kaum auf. Nach dem Ende der unabhängigen Stadtrepublik fehlte das Geld und das Interesse, in neue Gebäude zu investieren.

Die Sieneser Stadtväter haben die architektonische Einzigartigkeit ihrer Stadt früh erkannt und machten sie 1956 zur ersten reinen Fußgängerstadt in Italien.

Heute gleicht Siena einem riesigen gotischen Museum, das weitaus angenehmer zu besuchen ist als Florenz, da es nicht im Verkehrschaos erstickt. 1995 wurde die gesamte, auf drei Hügeln verteilte Altstadt von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Wie sehr Siena noch an seinen mittelalterlichen Traditionen festhält, kann man jedes Jahr beim "Palio", einem der berühmtesten Pferderennen der Welt, bewundern. In einem waghalsigen Ritt um die "Piazza del Campo", dem größten Platz in Siena, kämpfen die Reiter der 17 mittelalterlichen Stadtbezirke um Sieg und Ehre.

Zigtausende verfolgen das Spektakel im Innenraum oder von den Fenstern der umliegenden Häuser. Hunderttausende Besucher sind zu diesem Zeitpunkt in der Stadt und versuchen, die Atmosphäre des Mittelalters aufzunehmen.

Zwei Rennpferde mit Jockeys in einer Kurve auf einem mittelalterlichen Platz. Im Hintergrund zahlreiche Besucher im Innenraum des Platzes und an den Fenstern und Balkonen der umliegenden Häuser.

Der "Palio" ist das bekannteste Fest in Siena

Autor: Tobias Aufmkolk

Weiterführende Infos

Stand: 18.09.2017, 13:00

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