Wirtschaft und Gesellschaft

Blick auf die riesige Erdölraffinerieanlage in Abadan, Iran.

Iran

Wirtschaft und Gesellschaft

Von Martina Frietsch

Iran verfügt mit seinen reichen Vorkommen an Öl und Erdgas über wahre Schätze. Dennoch leidet die Bevölkerung an Arbeitslosigkeit und Versorgungsengpässen. Und international sorgt das Mullah-Regime mit seinem Atomprogramm für Konflikte und die Angst davor, dass das Land waffenfähiges Plutonium herstellt.

Irans Öl: Reichtum und Gefahr

Irans großer Reichtum – das Erdöl – ist für das Land auch gleichzeitig die große Gefahr: Immer wieder sorgte das "schwarze Gold" im 20. Jahrhundert für die massive Einflussnahme anderer Staaten wie Großbritannien, Russland, USA, die sich den Zugriff auf das erdölreiche und strategisch günstig gelegene Land sichern wollten. Gleichzeitig macht das Öl den Iran verwundbar, denn das Land ist vom Export des Rohstoffs und von den Preisen am Weltmarkt abhängig. Verheerende wirtschaftliche Folgen hatte der erste Iran-Irak-Krieg (Erster Golfkrieg), der acht Jahre dauerte und schätzungsweise eine Million Menschenleben kostete. Der anschließende Preisverfall beim Erdöl beschädigte die iranische Wirtschaft enorm.

Iran verfügt heute über die viertgrößten Ölreserven der Welt – direkt nach Kanada, Saudi-Arabien und Kuweit. Beim Erdgas steht Iran international sogar an zweiter Stelle. Die Einnahmen aus den Exporten machen mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus und gut vier Fünftel der Deviseneinnahmen. Ebenso wie Erdöl und Erdgasförderung befinden sich auch Banken, Verkehr und das Kommunikationswesen mehrheitlich in den Händen des Staates. Entsprechend haben wichtige politische Entscheidungen des Iran fast immer direkte Folgen für die Wirtschaft.

Sanktionen gegen den Iran

Bereits 1979, direkt nach dem Sturz des Schah-Regimes und der Machtübernahme durch die Mullahs, beschlossen die USA erste Sanktionen gegen Iran. Die USA hatten jeglichen Einfluss im Land verloren und mussten zusehen, wie in der US-Botschaft in Teheran mehr als ein Jahr lang Amerikaner als Geiseln gefangen gehalten wurden.

Doch es dauerte bis 1995, bis tatsächlich wirkungsvolle Sanktionen verhängt wurden: Die amerikanische Regierung unter Bill Clinton beschloss ein Handelsembargo; amerikanischen Firmen wurden Investitionen im Iran verboten. Hintergrund war ab diesem Zeitpunkt das Atomprogamm Irans. 2011 verschärften die USA die Sanktionen noch einmal.

Ein alter Mann kauft ineiner Apotheke in Teheran Medikamente.

Das Handelsembargo erschwerte die Einfuhr wichtiger Medikamente massiv

Ab 2006 verhängte der UN-Sicherheitsrat mehrmals Sanktionen gegen den Iran. Wirtschaftlich stark getroffen wurde das Land auch durch Maßnahmen der Europäischen Union: Dazu zählten unter anderem Ein- und Ausfuhrverbote für Waffen und zahlreiche Technologien. Verboten waren auch Investitionen in die Öl- und Gasindustrie, Auslandsvermögen wurden eingefroren. 2012 folgte das Ölembargo der Europäischen Union, wodurch das iranische Bruttoinlandsprodukt stark sank.

Das Atomabkommen mit dem Iran

1975 begann in Iran der Bau des ersten Atomkraftwerks in der Provinz Bushehr. Der Bau wurde durch die Revolution unterbrochen und erst später mit russischer Hilfe fortgesetzt; 2011 wurde das Kraftwerk in Betrieb genommen. Obwohl der Iran beteuerte, die Kernkraft nur zivil zu nutzen, geriet das Land international immer wieder wegen seines Atomprogramms in die Kritik. Unter dem Druck der politischen und wirtschaftlichen Isolation Irans wurde das Atomabkommen möglich, das im Juli 2015 in Wien unterzeichnet wurde. Das Abkommen verpflichtet den Iran dazu, seine Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. Außerdem willigte das Land in strenge Kontrollen seines Atomprogramms ein.

Die wirtschaftliche Lage im Land

Die Erneuerungen der Sanktionen durch die USA 2018 bedeuteten für den Iran wieder einen harten wirtschaftlichen Einschnitt – dies, nachdem sich die wirtschaftliche Lage infolge des Atomabkommens 2015 und der Lockerung der Sanktionen schnell verbessert hatte. Die Inflationsrate stieg um über 20 Prozent, die Arbeitslosenquote erhöhte sich leicht: 2020 lag sie bei 16,3 Prozent. Sehr hoch ist allerdings die Jugendarbeitslosigkeit, sie lag bereits 2018 bei 27,7 Prozent. Auch die Frauenerwerbsquote ist im internationalen Vergleich extrem niedrig. Die schlechte wirtschaftliche Lage und erhebliche Lücken in der Versorgung sorgten für Proteste im Iran.

Arbeiter warten auf Arbeitsangebote an einer Strassenkreuzung in Aran, Iran.

Warten auf Arbeitsangebote an einer Strassenkreuzung in Aran, Iran

Proteste gegen die Mullahs

Nach dem Tod des Revolutionsführer Chomeini 1989 erlebte der Iran erste zaghafte Reformversuche, die, auch unter liberalen Präsidenten, immer wieder ins Stocken kamen.

2009 kam es anlässlich der Präsidentschaftswahlen zu Großdemonstrationen und schließlich zu Protesten: Drei Wochen vor der Wahl machten die Iranerinnen und Iraner ihrem Unmut gegenüber dem Mullah-Regime auf der Straße Luft. Die iranische Opposition wählte bewusst die Farbe grün, die Farbe des Islam. Mehrheitlich wurde die grüne Bewegung von der Jugend und besonders auch von Frauen mitgetragen. Tage vor der Wahl kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Junge Leute filmen mit ihren Handys, was sie auf den Straßen Teherans erleben und stellen es für die ganze Welt sichtbar ins Internet. Als einen Tag nach der Wahl bereits der Sieg des Konservativen Mahmud Ahmadinedschad feststand, warfen die Demonstranten dem Regime Wahlfälschung vor. Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen. Die Forderungen nach einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und gesellschaftlichen Reformen wurden nicht erfüllt.

Die erneuten Sanktionen durch die USA ab 2018 verschärften die Versorgungslage im Iran. In der Folge kam es zu landesweiten Protesten, die 2019 mit großer Härte niedergeschlagen wurden. Mehrere hundert Menschen kamen ums Leben, viele wurden verhaftet. Erneute Massenproteste löste der versehentliche Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs durch den Iran am 8. Januar 2020 aus – Viele der Opfer waren Iraner. Der versehentliche Abschuss sollte vertuscht werden, was den Machthabern nicht gelang. Die folgenden Proteste richteten sich vor allem gegen den Ajatollah Khamenei.

Weiterführende Infos

SWR | Stand: 30.06.2020, 17:00

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