Konzepte und Symbole im Hinduismus

Marmoreinlegearbeit: die Silbe "Om" in Sanskrit-Schrift

Hinduismus

Konzepte und Symbole im Hinduismus

Von Antje Stiebitz

Hindu-Religionen kennen zahllose religionsphilosophische Konzepte und Symbole. Eine kleine Auswahl von Begriffen zeigt, welche grundlegenden Ideen die verschiedenen religiösen Strömungen des indischen Subkontinents teilen.

Brahman – die Kraft, die das Universum zusammenhält

Der Begriff Brahman bezeichnet im Hinduismus quasi das höchste kosmische Prinzip, die Weltenseele oder die absolute Realität. Das Wort leitet sich aus dem Sanskrit ab und wurzelt in der Bedeutung "wachsen, sich ausdehnen".

Verschiedene Schrifte und Schulen interpretieren Brahman immer auf ihre eigene Weise. Doch meist wird es als formlose Kraft verstanden, die jede Form durchdringt. Brahman ist formloses, göttliches Bewusstsein, das sich aber auch in Göttern wie Shiva verkörpert.

Allerdings hat Brahman durchaus auch praktischen Bezug: Beispielsweise gilt es als das höchste Ziel eines Yoga-Praktizierenden, sich mit der göttlichen Realität des Brahman zu verbinden. Und zwar mit Hilfe von Körper- und Atemübungen, durch das Rezitieren von Mantren und Meditation. 

Der Begriff Brahman darf nicht verwechselt werden mit dem Gott Brahma oder den Brahmanen, der Priesterkaste.

Yoga-Guru Ramdev und drei andere Männer bei Yogaübungen

Yoga soll helfen, sich mit dem Göttlichen zu verbinden

Atman – die menschliche Seele sucht die Einheit mit dem Universum

Der Teil des Menschen, der die Verbindung mit Brahman sucht, heißt Atman – die innere Essenz des Indiviuums, das Selbst oder die Seele. Das Sanskrit-Wort Atman und das deutsche Wort Atem sind miteinander verwandt.

Der Begriff Atman taucht bereits in den ältesten Schriften auf, den Veden, und wird in den später entstandenen Upanischaden genauer beschrieben  und charakterisiert.

Atman ist unabhängig vom menschlichen Körper, ist zeitlos und ohne Ego. Ob Atman und Brahman identisch sind oder Atman nur ein Teil von Brahman ist  – darüber streiten die philosophischen Schulen Indiens.

Karma – wenn die eigenen Taten wirken

Indische Religionen basieren auf dem Prinzip des Karma. Karma leitet sich vom Sanskrit-Wort "karman" ab und bedeutet so viel wie "Tat" oder "Wirken".  Das Gesetz des Karmas geht davon aus, dass sich die guten Taten eines Menschen positiv auf sein Leben auswirken werden. Und dass seine schlechten Handlungen negative Konsequenzen auf seine Existenz haben werden.

Diese karmischen Folgen sind nicht unbedingt im gegenwärtigen Leben spürbar. Sie können auch erst in einer weiteren Wiedergeburt sichtbar werden. Die Vorstellung, dass das eigene negative oder positive Verhalten das jetzige oder nächste Leben beeinflusst, ist der ethisch-moralische Kompass in der indischen Ideenwelt. Zudem erklärt Karma, wie das Leiden in unser Leben kommt: Wir haben es selbst verursacht. 

Eine Gruppe von Frauen wäscht sich im Fluss

Wer sich im Fluss in Kathmandu wäscht, soll damit sein Karma verbessern

Was als eine gute oder schlechte Tat gilt, kann sich allerdings von Person zu Person unterscheiden. Hier kommt die Vorstellung des Dharma zum Tragen, denn jeder Mensch hat sein eigenes Dharma – eine Art kosmisches, aber auch soziales Gesetz.

Ausschlaggebend für das Karma eines Menschen ist es, wie gut er sein Dharma erfüllt. Was ein moralisch gutes Leben ausmacht, ist eng damit verknüpft, welcher Kaste ein Mensch angehört.

Moksha – Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten

"Moksha" oder "Mukti" ist die Vorstellung, dass sich der Mensch aus dem als schmerzhaft erfahrenen Kreislauf der Wiedergeburten lösen kann und nicht mehr wiedergeboren wird. Moksha leitet sich von dem Sanskrit-Wort für "sich befreien" ab.

Die unterschiedlichen philosophischen Schulen im Hinduismus bieten verschiedene Wege für die Befreiung des Menschen an: wenn jemand seine ethischen Ziele verfolgt, seinen Gott liebt und ihm dient oder sich von der Welt lossagt.

Es ist tief in den religiösen Vorstellungen indischer Religionen verwurzelt, dass der Rückzug vom Leben und eine asketische Lebensweise eine befreiende Wirkung haben. Nicht nur Seher und Heilige ziehen sich auf dem Subkontinent zur Meditation in die Abgeschiedenheit eines Ashrams oder in den Wald zurück. Sondern auch Menschen, die das familiäre, soziale Leben hinter sich gebracht haben und sich auf die letzte Lebensphase – das Sterben – vorbereiten.

Aum – eine wichtige Silbe für die Schöpfung

Auf dem indischen Subkontinent gibt es nicht nur zahlreiche religionsphilosophische Konzepte, sondern mindestens genauso viele Symbole, die in Städten, Dörfern, Tempeln und im häuslichen Umfeld sichtbar sind.

Eines davon ist das Aum oder auch Om, wie es im Deutschen oft genannt wird. Diese Silbe ist der Name des Göttlichen und soll das erste Wort gewesen sein. Der Überlieferung nach ist Aum der Klang, aus dem das Universum entstanden ist. Die Vibration der Silbe ließ den Schöpfungsakt beginnen.

Viele der alten indischen Seher und Heiligen setzten Brahman, die Weltenseele, mit der Silbe Aum gleich.

Zwei Hände halten einen Stein mit dem Aum-Zeichen

Das Aum wird im Deutschen oft "Om" genannt

Linga – Symbol für die Kraft Shivas

Der "Linga" oder "Lingam" ist eine symbolhafte Darstellung des Gott Shiva. Lingame haben eine phallusartige Form und sind meist aus Stein gehauen, manchmal aus Kristall. Aber es gibt auch von der Natur geformte Lingame, wie Felsen- oder Eisformationen.

Ob groß oder klein: Immer symbolisieren sie die schöpferische, erhaltende und zerstörende Kraft Shivas. Insbesondere natürliche Lingame sind beliebte Pilgerorte für Gläubige. Wer den Lingam verehrt, gießt Butterschmalz, Sandelholzöl, Milch oder Wasser über ihn. Oft schmücken die Gläubigen ihn auch mit Blumen.

Hindus gießen heiliges Wasser und Milch auf ein Lingam

Hindus gießen heiliges Wasser und Milch auf ein Lingam

UNSERE QUELLEN

(Erstveröffentlichung: 2021)

WDR | Stand: 02.06.2021, 14:00

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