Deutsch-chilenische Beziehungen

Die deutsche und chilenische Flagge, im Hintergrund Berge.

Chile

Deutsch-chilenische Beziehungen

Von Marika Liebsch & Katrin Ewert

Gut 12.300 Kilometer trennen Chile und Deutschland, und doch gibt es vielfältige Beziehungen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fanden viele Deutsche in Chile eine neue Heimat. In umgekehrter Richtung flüchteten Tausende Chilenen während der Diktatur Pinochets nach Deutschland.

Die ersten deutschen Einwanderer kamen 1850

Als Chile im Jahr 1826 den Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier gewann, war der Norden und die Mitte Chiles bereits recht gut erschlossen. Was die chilenische Regierung nun interessierte, war das Gebiet, das Geografen heute als "kleiner Süden" bezeichnen. Es war das Land von chilenischen Ureinwohnern, den Mapuche. Sie waren das einzige indigene Volk, das die spanischen Kolonialherren trotz ständiger brutaler Angriffe nicht unterwerfen konnte.

Die chilenische Regierung wollte dieses Land aber den Mapuche nicht allein überlassen und suchte Siedler, die sich dort ebenfalls niederlassen sollten: Menschen mit militärischer Erfahrung, Ausdauer und Fleiß. Recht schnell fiel die Wahl auf Deutsche, deren Ruf als strebsame Soldaten bis nach Chile gedrungen war.

Gezielt reisten chilenische Regierungsgesandte nach Deutschland und machten Werbung. Sie fanden leicht begeisterte Umsiedler. Zwischen 1850 bis 1870 kamen rund 6000 Deutsche in die neue Heimat Chile, hauptsächlich in die Gegend um Puerto Montt im Süden, auf halber Strecke zwischen der Hauptstadt Santiago und dem Kap Hoorn.

Eine Karte von Chile

Die Atacama-Wüste liegt im Norden Chiles

Deutsche Schulen, Feuerwehr und Bratwurst

Die Mapuche suchten keinen Kontakt zu den Neuankömmlingen und so blieben die Deutschen lange unter sich. Sie bauten Siedlungen nach deutschem Vorbild und gründeten deutsche Schulen, um die eigenen Kinder zu unterrichten.

Bis heute gibt es Kirchen, Häuser und Schulen aus den ersten Jahren. Zum Beispiel die Schule in Osorno, die 1854 als erste deutsche Schule gegründet wurde. Insgesamt gibt es heute noch mehr als 20 deutsche Schulen in ganz Chile, die von 15.000 Schülern besucht werden und deren Ausbildung als besonders hochwertig gilt.

Die ersten freiwilligen Feuerwehren wurden von Deutschen gegründet und existieren heute ebenfalls noch. In den Städten des kleinen Südens wie Puerto Montt sind deutsches Bier und deutsche Bratwurst gängige Lebensmittel. Wer dort einen Kuchen möchte, bestellt einfach mit dem deutschen Wort "Kuchen".

Politische Flüchtlinge kamen ins Exil

Nach 1930 flohen deutsche Juden und Kommunisten vor dem Hitlerregime nach Chile. Sie wussten von der gut entwickelten Infrastruktur, die die deutschen Einwanderer dort aufgebaut hatten und versprachen sich fern der Heimat einen Neuanfang. Nach 1945 diente Chile als Zufluchtsort für die Nazis. Schon während Hitlers nationalsozialistischer Herrschaft pflegten die beiden Länder politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Verbindungen.

Deutschland wurde zu dieser Zeit zum wichtigsten Handelspartner Chiles. Im Jahr 1931 wurde in Chile sogar eine Auslandsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP-AO) gegründet. Die Elite der chilenischen Ärzte bildete sich in Nazi-Deutschland weiter. Es gibt Berichte über deutsche Ärzte, die im Auftrag Hitlers in Zusammenarbeit mit chilenischen Wissenschaftlern an chilenischen Universitäten Rassenexperimente durchführten.

Dieses dunkle Kapitel der Beziehungen zwischen den beiden Ländern wird weiterhin erforscht und aufgearbeitet. Im Jahr 2018 hat die chilenische Nationalpolizei Dokumente der geheimen Abteilung Departamento 50 veröffentlicht. Sie belegen, dass die Ermittler zur Zeit des zweiten Weltkriegs mehrere deutsche Spionageringe in Chile aufgelöst haben. Diese sollen unter anderem chilenische Militärschiffe in der Hafenstadt Valparaíso und an der Magellanstraße im Süden des Landes abgehört haben.

Pinochet und die Folgen

Am 11. September 1973 führte Augusto Pinochet einen brutalen Militärputsch an, bei dem der amtierende und demokratisch gewählte Präsident Chiles, Salvador Allende, ums Leben kam. Nach dem Putsch begann unter Pinochet eine 17-jährige Diktatur. Zehntausende Chilenen wurden durch Folter in Konzentrationslagern misshandelt und getötet. Bis heute gibt es tausende spurlos Vermisste.

Während Pinochets Diktatur flohen etwa 22.000 Chilenen ins Exil nach Deutschland. Viele hatten deutsche Wurzeln oder Kontakt zu sogenannten Deutsch-Chilenen und fühlten sich deshalb Deutschland enger verbunden als anderen Ländern.

Kupfermine Chuquicamata

Chuquicamata ist die größte offene Kupfermine der Welt

Die Wirtschaftsbeziehungen laufen gut

Chile ist reich an Bodenschätzen. Im 20. Jahrhundert war Salpeter aus der Atacama-Wüste noch der wichtigste Rohstoff. Benötigt wurde Salpeter vor allem zur Herstellung von künstlichem Dünger.

Heute sind Kupfer und Lithium zu den wertvollsten Rohstoffen geworden. Chile hat weltweit das größte Kupfer- sowie große Lithium-Vorkommen. Beide Rohstoffe werden global stark nachgefragt. Denn die stetig wachsende Elektro- und Computertechnologie benötigt immer mehr Kupfer und Lithium für ihre Produkte.

Deutschland importiert beide Rohstoffe, aber auch Lebensmittel wie Wein, Lachs und Obst aus Chile. Umgekehrt exportiert Deutschland chemische und technologische Produkte sowie Autos nach Chile. Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Chiles. Ein Viertel der EU-Importe kommt aus Deutschland. Auf der Liste der wichtigsten Importländer Chiles steht Deutschland auf Platz 5 nach China, USA, Brasilien und Argentinien.

Deutsche und chilenische Forscher arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Die Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Umweltschutz, erneuerbare Energien, Astronomie, Biotechnologie, Gesundheitswesen, Digitalisierung und duale Berufsausbildung.

Besonders im Bereich der Solar- und Windenergie gibt es eine wachsende Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Chile plant, bis 2030 zu den weltweit führenden Produzenten des sogenannten grünen Wasserstoffes zu werden. Dieser wird aus erneuerbaren Energien gewonnen und gilt daher als umweltfreundlicher Energieträger. Chile steht diesbezüglich mit deutschen Investoren und Unternehmen in Kontakt.

WDR | Stand: 05.02.2021, 11:12

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