Alpujarras – Das Erbe der Mauren

Blick über Obstbäume auf ein weißes Dorf, das an einem Berghang liegt.

Andalusien

Alpujarras – Das Erbe der Mauren

Von Tobias Aufmkolk

Wer von der andalusischen Küste mit dem Auto nach Granada ins Landesinnere fährt, muss sich an kargen Berghängen vorbei durch das tief eingeschnittene Tal des Rio Guadalfeo bewegen, bis er die unwirtliche Hochebene der Stadt erreicht.

Gerade im Sommer wirkt die Gegend zwischen den Dreitausendern der Sierra Nevada und der Küstenebene trostlos, wild und landwirtschaftlich nicht nutzbar. Doch die Mauren erkannten schon früh die klimatischen Vorzüge und die nahezu uneinnehmbare Lage der südlichen Flanken des Hochgebirges.

Die Gebirgsbäche der Täler werden durch den Wasserreichtum der Sierra Nevada ganzjährig gespeist und das Hochgebirge bildet zudem einen natürlichen Schutzwall vor dem kühleren Klima und den Winden aus dem Norden.

Flucht in die Berge

Nachdem die katholischen Könige Isabella und Ferdinand von Kastilien mit der Alhambra in Granada die letzte maurische Festung eingenommen hatten, zogen sich die übrig gebliebenen Mauren in die einsamen Bergregionen südlich der Sierra Nevada zurück.

Sie nannten dieses Gebiet Al-Busherat (Grasland), woraus im Laufe der Zeit das spanische Las Alpujarras wurde. Bis heute ist das Erbe der Mauren in den Alpujarras allgegenwärtig. Sie schufen ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, bauten zahlreiche Obst-, Getreide- und Gemüsesorten auf sorgfältig gepflegten Terrassen an und errichteten eine einzigartige dörfliche Architektur.

Jahrhunderte der Missachtung

Lange Zeit missachteten die herrschenden Völker der Iberischen Halbinsel die Alpujarras. Die Phönizier gründeten um 1100 vor Christus einige Städte an der Küste, wagten sich aber nicht ins Landesinnere vor.

Die Karthager, die von 500 bis 200 vor Christus große Teile Andalusiens beherrschten, bauten in den unteren Alpujarras nahe der Küste Eisen und Blei ab. In die höheren Regionen drangen sie nicht vor.

Auch römische Bauwerke sind in den Alpujarras Mangelware. Durch einige Brücken über Flüsse erhielt die Region vor allem verkehrspolitische Bedeutung: Sie sollte schnell überbrückt werden können, um ins Landesinnere zu gelangen.

Erst mit der arabischen Invasion wurden die Alpujarras in größerem Umfang erschlossen. Bereits im 8. Jahrhundert siedelten sich nordafrikanische Berber an, die in den folgenden Jahrhunderten eine florierende Seidenindustrie entwickelten.

Nach der freiwilligen Aufgabe der Alhambra in Granada zogen sich 1492 König Boabdil und seine Untergebenen in die Alpujarras zurück und errichteten dort die letzte maurische Enklave auf dem spanischen Festland.

Die Repressalien der christlichen Eroberer nahmen jedoch im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu und gipfelten 1568 in Aufständen der arabischen Bevölkerung. Erst nach einem mehrjährigen Krieg in den Gebirgstälern konnte 1572 der Aufstand niedergeschlagen werden. Alle Mauren mussten daraufhin die Gegend verlassen.

1609 erließ König Philipp II. ein Ausweisungsedikt für ganz Spanien. Das Schicksal der Mauren war damit endgültig besiegelt. Die Alpujarras wurden mit christlichen Familien aus den nördlichen Regionen Galicien und Asturien wieder besiedelt.

Einige Mauren mussten jedoch die komplizierten Bewässerungsanlagen instand halten, da die christliche Bevölkerung offenbar dazu nicht in der Lage war.

Platz im andalusien Dorf Bubion

Mittagsruhe im Alpujarras-Dorf Bubión

Das maurische Landschaftsbild

Die jahrhundertelange Anwesenheit der Mauren in den Alpujarras prägt das Landschaftsbild der Region bis heute.

Die vorwiegend auf Südhängen mit maximaler Sonneneinstrahlung angelegten Terrassen wurden mittels eines ausgeklügelten Bewässerungssystems mit Rückhaltebecken, offenen Brunnen und ober- wie unterirdischen, künstlichen Wasserläufen mit Wasser versorgt.

So gedeihen auch heute noch in einer ungewöhnlichen Höhe von teilweise über 1500 Metern Feigen-, Mandel- und Zitronenbäume.

Auch in der ländlichen Architektur sind die Alpujarras vom maurischen Stil mehr beeinflusst als jede andere Gegend in Andalusien. Die typischen Häuser der Berber sind bis heute erhalten, ihr Aufbau orientiert sich an den marokkanischen Vorbildern im Atlasgebirge.

Die würfelförmigen, weiß getünchten Häuser bestehen in der Regel aus zwei Geschossen. Im Untergeschoss sind die Stallungen für das Vieh untergebracht, das für das darüber liegende Stockwerk im Winter die nötige Wärme durch die Decke leitet und so als natürliche Fußbodenheizung fungiert.

Das zweite Geschoss dient als Wohnraum, Küche und Getreidespeicher. Den Abschluss bildet ein Flachdach, das aus einem wasserundurchlässigen Gemisch aus Schiefer und Ton besteht.

Regenwasser wird über eine Rinne entweder auf die Straße oder in eine Zisterne abgeleitet. Das Dach dient hauptsächlich zum Trocknen von Feigen, Paprikas, Tomaten und anderen Obst- und Gemüsesorten.

Nach der Vertreibung der Mauren aus den Alpujarras war die Region lange Zeit vergessen und von der Außenwelt abgeschnitten. Erst in den vergangenen 20 Jahren erwachte die Gegend langsam aus ihrem Dornröschenschlaf.

Die Unesco würdigte bereits 1986 die Einzigartigkeit der Landschaft, indem sie die Alpujarras zusammen mit der Sierra Nevada zum Biosphärenreservat erklärte. Der spärlich einsetzende sanfte Tourismus hilft die Abwanderung der jungen Leute aufzuhalten und das Überleben der Dörfer zu sichern.

Blick von oben auf ein Dorf, das an einem Hang liegt. Man sieht graue Flachdächer, aus denen kleine, weiße Schornsteine herausschauen und eine Kirche im Zentrum des Dorfes.

Typisch maurische Flachdacharchitektur

Stand: 21.05.2019, 16:03

Darstellung: