Südtirol

Im Hintergrund ein schneebedeckter Berg, im Vordergrund eine mittelalterliche Burg auf einem Felssporn.

Südeuropa

Südtirol

Eisige Berggipfel, blühende Apfelbaumhänge – deftige Küche beim Bergbauern und Haute Cuisine im mondänen Modekurort Meran: Südtirol ist reich an Gegensätzen und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg teilen die Siegermächte das bis dahin österreichische Tirol. Die Region südlich des Brenners sprechen sie Italien zu – die mehrheitlich deutschsprachige Bevölkerung wird für Jahrzehnte zur unterdrückten Minderheit.


Zwei Welten – eine Heimat

In Südtirol leben drei Sprachgruppen. Jeder Einwohner musste seine Zugehörigkeit im Jahr 1991 festlegen. Demnach sind mehr als zwei Drittel deutschsprachig und etwas mehr als ein Viertel italienischsprachig. Fünf Prozent der Bevölkerung sprechen Ladinisch, ein mit dem Rätoromanischen vergleichbares Volkslatein.

Lange Zeit wurden die Kultur und die Sprache der Deutsch-Tiroler unterdrückt – inzwischen schützt ein Autonomieabkommen ihre Interessen. Es gibt kaum noch ethnische oder sprachliche Probleme. Öffentliche Stellen werden in Südtirol nach einem "Sprachschlüssel" besetzt. Er verlangt, dass jede Sprachgruppe entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung berücksichtigt wird.

Südtiroler Ortsschild in drei Sprachen

Drei Sprachen werden in Südtirol gesprochen: Ladinisch, deutsch und italienisch

Wie Südtirol italienisch wurde

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wird die österreichisch-ungarische Monarchie aufgelöst. Das seit mehr als fünf Jahrhunderten zu Österreich gehörige Tirol wird in den Friedensverhandlungen von Saint-Germain im Jahr 1919 entlang der Brennergrenze geteilt. Südtirol wird Italien zugesprochen. Die Südtiroler werden zu einer Minderheit in ihrer eigenen Heimat.

Mit der Machtergreifung der Faschisten unter dem Diktator Benito Mussolini 1922 beginnt eine zwangsweise Italianisierung. Deutsche Orts- und Städtenamen werden übersetzt oder es werden italienische Endungen angehängt. Italiens Regierung verbietet sogar die Verwendung des deutschsprachigen Namens "Südtirol" und verordnet die italienische Bezeichnung "Alto Adige" (Oberetschland).

Auch aus Gerichten, Verwaltung und Schulen wird die deutsche Sprache verbannt, deutsche Aufschriften werden verboten, deutsche Schulen und Kindergärten aufgelöst. Als der erhoffte Erfolg dieser Maßnahmen ausbleibt, beginnt man Mitte der 1930er Jahre mit der "Majorisierung": Durch massenweise Ansiedlung von Italienern sollen die Südtiroler zur Minderheit in ihrer Heimat gemacht werden.

Zwischen Umsiedlung und Wunsch nach Autonomie

Nicht wenige Südtiroler blicken voll freudiger Erwartung auf das faschistische Deutschland. Hitlers Kampfspruch "Deutsche Männer am Brenner", der sich im März 1938 mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich bewahrheitet, schürt bei ihnen die Hoffnung, ebenfalls "heim ins Reich" geholt zu werden.

Die Ernüchterung kommt bald, denn im gleichen Jahr versichert Hitler seinem faschistischen Bündnispartner Mussolini in Rom "die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen".

1939 einigen sich die Diktatoren auf ein Umsiedlungsabkommen. Die Bevölkerung hat die Wahl: Sie kann entweder die italienische Staatsbürgerschaft behalten oder in das deutsche Reichsgebiet umziehen. 213.000 oder 86 Prozent der deutschsprachigen Südtiroler wollen nach Deutschland. Doch der Krieg erschwert die Umsiedlung: Deshalb verlassen nur etwa 75.000 das Land.

Adolf Hitler (l) und Duce Benito Mussolini

Hitler und Mussolini rüttelten nicht an den bestehenden Verhältnissen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Hoffnung der Südtiroler auf eine Rückkehr Südtirols nach Österreich abermals enttäuscht. Die Siegermächte sichern Italien die Anerkennung der Brennergrenze zu.

Im September 1946 unterzeichnen der italienische Ministerpräsident Alcide De Gasperi und der österreichische Außenminister Karl Gruber in Paris das Gruber-De-Gasperi-Abkommen. Es gesteht Südtirol gewisse Autonomierechte zu, vor allem die Gleichstellung der deutschen mit der italienischen Sprache.

Österreich wird zur Schutzmacht Südtirols. Doch eine Gleichberechtigung existiert nur auf dem Papier. Proteste nehmen zu und gipfeln in einer Reihe von Sprengstoffanschlägen unter der Parole "Los von Rom".

1972 wird unter Einbezug der Vereinten Nationen zwischen Rom und Bozen ein Sonderstatut für die Autonomie Südtirols abgeschlossen. Das "Autonomie-Paket" beinhaltet 137 Maßnahmen. Bis sie tatsächlich durchgesetzt werden, dauert es 20 Jahre – aber dann ist die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols die bestgeschützte Minderheit in Europa.

1992 legen Österreich und Italien ihren Streit offiziell bei. Die Regionen Tirol, Trentino und Südtirol vertiefen ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit und schaffen mit der "Europaregion Tirol-Trentino-Südtirol" einen grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum.

Die Landesregierungen Österreichs und Italiens fördern seither gemeinsame Projekte in Bereichen wie Wirtschaft, Politik oder Tourismus. Nach Österreichs Beitritt zur Europäischen Union 1995 werden die Grenzbalken am Brenner abmontiert.

Südtirol heute

Heute ist Südtirol eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen in Italien. Der Tourismus boomt ganzjährig. Südtirol genießt zusammen mit dem Trentino als einzige italienische Provinz weitgehende Befugnisse zur Selbstverwaltung.

Das Autonomiestatut erlaubt der Region eine weitgehende Selbstbestimmung auch bei der Gesetzgebung. Was den Umgang mit der deutschsprachigen Minderheit angeht, gilt Südtirol als Vorbild.

Insgesamt leben heute knapp eine halbe Million Menschen in Südtirol und offenbar leben sie dort gerne. Denn auch in punkto Wohlstand und Lebensqualität stehen Südtirol und seine Hauptstadt Bozen immer an der Spitze der italienischen und europäischen Statistiken.

Arbeitslosigkeit ist in Südtirol kein großes Thema, der Lebensstandard hoch. Viele Südtiroler führen den Erfolg auf die Durchsetzung des Autonomie-Pakets zurück.

Eine Gruppe Skifahrer in den Dolomiten

Die Touristen kommen nicht nur im Winter

Touristenziel für jeden Geschmack

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Meran von einer "Kuhstadt" zur "Kurstadt". Als Kaiserin Elisabeth (Sisi) 1870 ihren Feriensitz in das Südtiroler Schloss Trautmannsdorff verlegt, setzt ein bis heute ungebrochener Reisestrom ein. Künstler wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke kommen zur "Sommerfrische" und preisen die Schönheit der Täler.

Als 1867 die Brennerbahn eröffnet, boomt der Tourismus im Durchgangsland Südtirol ganzjährig. Mit der Erschließung der Alpenwelt zieht es auch immer mehr Sportbegeisterte nach Südtirol.

Wegen ihrer langen touristischen Tradition gilt die Region um Meran einigen sogar als "Wiege des europäischen Tourismus". In jedem Fall beherbergt die Stadt das erste Museum im Alpenraum, das sich einzig dem Tourismus widmet: Das "Touriseum" erinnert an glanzvolle Zeiten im mondänen Modekurort.

Blick über Meran in Südtirol, im Hintergrund die Alpen

Meran gilt als die Wiege des europäischen Tourismus

Das Gemisch zweier Kulturen, des "italienischen Flairs" mit der "österreichischen Gemütlichkeit" lockt auch heute Touristen aller Couleur. Angesichts 450 Burgen – davon allein 40 große Anlagen im Bozener Becken – preisen Reiseführer die "höchste Burgendichte Europas".

Auch die große landschaftliche Vielfalt und die reizvollen Gegensätze Südtirols sind beliebte Attribute in jeder Touristeninformation. Ein Spaziergang entlang blühender Obstbaumwiesen, Kühe melken auf der kargen Alm des Bergbauern, mit Skiern den Gletscher runter oder nach einem deftigen Schlutzkrapfen im Wellness-Tempel saunen – all das geht in Südtirol, notfalls auch an einem Tag.

Autorin: Annette Holtmeyer

Stand: 18.07.2018, 16:23

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