Reinhold Messner – der berühmteste Südtiroler

Das Schwarzweiß-Bild zeigt rechts Reinhold Messner, kaum zu erkennen mit Sonnenbrille und einer gestreifte Mütze, kinnlangem Haar und Vollbart

Südtirol

Reinhold Messner – der berühmteste Südtiroler

Von Annette Holtmeyer

"Es sind nicht die höchsten Berge der Welt, auch nicht die gefährlichsten, aber bestimmt sind es die schönsten", sagt Reinhold Messner über die Gipfel seiner Heimat. Aus seiner Liebe zu Südtirol macht er keinen Hehl. Vor den Karren konservativer Patrioten hat er sich trotzdem nie spannen lassen. Im Gegenteil: Statt bei öffentlichen Auftritten mit der Südtiroler Fahne zu wedeln, zieht er lieber sein benutztes Taschentuch und erklärt: "Das ist meine Fahne!" Was nicht bei allen Landsleuten gut ankommt. Doch auch Kritiker dürften kaum abstreiten, dass er wohl der bekannteste lebende Südtiroler ist.

Hoch hinaus – der Weg eines Lehrerkindes zum Gipfel

1944 kommt Reinhold Messner als zweites von neun Kindern im Südtiroler Städtchen Brixen zur Welt. Schon als Kind beginnt er seine Kletterkarriere.

Mit fünf Jahren schafft er seinen ersten Dreitausender – allerdings noch gemeinsam mit seinen Eltern, einem Lehrerehepaar. Während der Schulzeit wird das Bergsteigen zu seiner größten Leidenschaft.

Nach dem Abitur studiert er zunächst Hoch- und Tiefbau, später tritt er für einige Jahre in die Fußstapfen seines autoritären Vaters und arbeitet als Realschullehrer.

Gleichzeitig nimmt er jede Gelegenheit wahr, seiner katholisch-konservativen Umgebung den Rücken zu kehren und auszubrechen. Mit Mitte 20 hat er sich durch Hunderte von Touren längst einen Namen als Extremkletterer gemacht.

Erfolg und Tragödie

International bekannt wird Messner durch seine erste Himalaja-Expedition im Jahr 1970. Sein bis dahin größter Erfolg ist verbunden mit der größten Tragödie seines Lebens: Er bezwingt den 8125 Meter hohen Nanga Parbat in Pakistan über die bis dahin als unbesteigbar geltende, fast senkrechte Rupal-Wand. Sein jüngerer Bruder Günther, der ihn begleitet, kommt beim Abstieg in einer Eislawine ums Leben.

"Sein Tod ist das Schlüsselereignis meines Lebens", sagt Messner. Jahrzehntelang wehrt er sich gegen die Anschuldigungen ehemaliger Bergkameraden und Kritiker, er habe seinen höhenkranken Bruder gleich unterhalb des Gipfels im Stich gelassen, um sein eigenes ehrgeiziges Ziel nicht zu gefährden.

Er selbst hält sich für rehabilitiert, als 35 Jahre nach dem Unglück Knochen seines Bruders am Fuße des Nanga Parbat gefunden werden.

Rekorde eines Grenzgängers

Nicht das "Gipfelglück" sei bei seinen wahnwitzigen Rekordklettereien entscheidend gewesen, meint Messner, sondern die Rückkehr nach Hause. "Ausgesetzt und ausgeliefert zu sein zwischen Leben und Tod und dann doch wieder in die eigene Welt zurückkommen zu dürfen, das ist wie eine Wiedergeburt", sagt er 2006 in einem Interview mit einer Illustrierten. Demnach dürfte kaum ein anderer Mensch so oft wiedergeboren worden sein wie Messner.

Mit einem Minimum an technischen Hilfsmitteln stellt er einen Rekord nach dem anderen auf: 1986 hat er als erster Mensch alle 14 Achttausender-Gipfel der Welt bezwungen. Kein anderer Bergsteiger vor ihm schaffte die 4500 Meter hohe Rupal-Flanke, kein anderer kletterte vor ihm ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest.

Reinhold Messner 1980: Solo auf dem Mount Everest ohne Sauerstoff

Reinhold Messner 1980: Solo auf dem Mount Everest ohne Sauerstoff

Messner besteigt als Erster allein einen Achttausender, ihm gelingt als Erster eine Achttausender-Doppelüberschreitung. In der Rekordzeit von fünf Tagen erklimmt er den zweithöchsten Berg der Welt, den K2 oder Lambha Pahar zwischen Pakistan und China. Insgesamt ist er auf 3500 Gipfeln gewesen, mehr als 100 Berge bestieg er als Erster.

Seine Besessenheit, die eigenen Grenzen auszuloten, beschränkt sich nicht auf Expeditionen in der Bergwelt: Er durchquert zu Fuß die Antarktis, marschiert durch Grönland und unternimmt eine 2000 Kilometer lange Wanderung durch die "Todeswüste" Gobi. Das alles trotz verkrüppelter Füße – nach seiner Himalaja-Tour 1970 mussten ihm wegen Erfrierungen sechs Zehen amputiert werden.

Das Foto zeigt Reinhold Messner dick vermummt mit Schutzmaske, Skibrille und Skianzug im Schnee. Er geht auf Skiern und zieht einen kleinen Lastenschlitten hinter sich her.

Messner marschierte auch durch die Antarktis

Heute sei er ein Sonntagsbergsteiger wie Tausende anderer auch, sagt Messner. Was ihn nicht daran hindert, gegen die Heerscharen von Möchtegern-Abenteurern zu wettern, die in seinen Augen die Natur der Alpen zerstören.

Den immer wieder laut werdenden Vorwurf, dass er durch die geschickte und ungeheuer erfolgreiche Vermarktung seiner eigenen Touren den Bergtourismus erst so richtig angekurbelt habe, lässt Messner nicht gelten. Er selbst, sagt er, habe sich der Natur immer untergeordnet.

Politiker, Ökobauer, Autor – Leben jenseits der Gipfel

Mit seinem 60. Geburtstag im Jahr 2004 ist die Zeit der Extremtouren für Reinhold Messner vorbei. Was nicht heißt, dass er damit zum Nichtstun verdammt ist.

Fünf Jahre lang hat er, ausnahmsweise fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, als Abgeordneter für die italienischen Grünen im Europaparlament gesessen. Aufsehen erregte nur sein Besuch bei Saddam Hussein 2003 – eine Delegation des Europaparlaments versuchte damals, den drohenden Irak-Krieg zu verhindern.

Messner hat Dutzende Bücher geschrieben, als Schriftsteller und Redner viele Millionen Euro verdient. Da passt es, dass er seit 1983 auch Burgherr ist: Damals hatte er das Südtiroler Schloss Juval gekauft und es als Sommerwohnsitz ausgebaut. Der dreifache Vater besitzt einen Ökobauernhof, ein Weingut, Restaurants, Cafés und züchtet Yaks (tibetanische Rinder).

Das Mountain Museum – der "15. Achttausender"

Auch mit seinem Projekt "Messner Mountain Museum" (MMM), hat sich der Bergsteiger-Titan in Südtirol nicht nur Freunde gemacht. Messner wolle sich damit selbst ein Mausoleum bauen, argwöhnten die einen. Andere hielten ihm vor, er wolle sich damit die Rente sichern.

Fakt ist wohl dagegen, dass er sich mit dem Museum einen Traum erfüllt, der zugleich eine gigantische Herausforderung ist. Messner selbst bezeichnet das Bergmuseum als seinen "15. Achttausender".

Alle sechs Museen sind mittlerweile fertig gebaut. MMM Firmian auf Burg Sigmundskron widmet sich dem Verhältnis zwischen Mensch und Berg – es ist das Herzstück des Museums.

Das Foto zeigt von schräg oben Burg Sigmundskron mit dem alpinen Museum von Reinhold Messner

Sigmundskron ist das Zentrum von Messners Museum

In seinem Privatschloss Juval hat Messner Ausstellungsstücke zusammengetragen, die sich mit den religiösen Seiten des Mythos Berg auseinandersetzen (MMM Juval). Dann gibt es noch ein Dolomitenmuseum (MMM Dolomites) und ein Gletschermuseum (MMM Ortles).

Das fünfte Haus MMM Ripa, in dem es um die Bergvölker geht, ist im Schloss Bruneck im Pustertal beheimatet. Das MME Corones befindet sich auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes in 2275 Metern Höhe und beschäftigt sich mit dem traditionellen Alpinismus.

100.000 Besucher muss er jedes Jahr nach Sigmundskron locken, damit sich das Ganze rentiert. Das Land Südtirol hat ihn finanziell unterstützt – im Gegenzug musste Messner sich verpflichten, die Ausstellung 30 Jahre lang ohne Subventionen zu betreiben. Dann ist er 90 Jahre alt. Bis dahin wird er sich aber wohl kaum mit der Betreuung seiner Museen begnügen.

Das Foto zeigt Reinhold Messner auf dem Dach seines Bergmuseums auf dem Monte Rite in den italienischen Dolomiten

Messners Dolomitenmuseum liegt auf dem Monte Rite

Stand: 15.05.2019, 16:27

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