Juden und Christen

Geschichte des jüdischen Volkes

Juden und Christen

Das Verhältnis zwischen Juden- und Christentum hat sich für die Angehörigen beider Religionen als besonders schicksalsträchtig erwiesen. Dabei war der Anfang viel versprechend, bis zum Hochmittelalter lebten Juden und Christen meist friedlich zusammen. Doch mit dem Beginn der Kreuzzüge wurden die Juden zunehmend Opfer christlicher Angriffe.

Papst Benedikt in weißer Kleidung schüttelt einem schwarz gekleideten Rabbiner die Hand.

Papst Benedikt XVI. mit dem Kölner Rabbiner Netanel Teitelbaum

Am Anfang stand der Jude Jeschua, Jesus, der sich eine Reform des Judentums wünschte. Sein Charisma und die menschennahe Art sowie die Verständlichkeit seiner Botschaften zogen schnell viele Schüler und Anhänger an. Sein Erfolg war der damaligen religiösen Elite Judas, den Sadduzäern und Pharisäern, ein Dorn im Auge. Als die Zahl seiner Anhänger, die Nazzarener genannt wurden, wuchs und sich gleichzeitig Gerüchte verbreiteten, er sei der ersehnte Erlöser, ließen ihn die Römer kreuzigen.

Keimzelle des Christentums: Nazzarener und Heiden

Gemälde: Ein Mann mit Bischofsmütze mit erhobener rechter Hand und dem Blick gen Himmel.

Der heilige Augustinus

Auch nach dem Tod Jesu waren die Nazzarener nur eine religiöse Gruppierung unter vielen. Sie waren ein Teil des jüdischen Volkes. Allerdings warfen sie bald die beiden ehernen Regeln des Judentums - keine Konvertierung und keine Missionierung - über Bord. Die Heiden ließen sich für die neue Religion begeistern und wurden eine Mehrheit unter den Christen, wie sie jetzt am Ende des ersten Jahrhunderts hießen.

Im inzwischen christlichen Römischen Reich des 4. Jahrhunderts hatte man ein gespaltenes Verhältnis zu den Juden. Der heilige Augustinus, Bischof von Hippo, verachtete die Juden im Grunde. Dennoch rettete einer seiner Grundsätze vielen Juden in den folgenden Jahrhunderten das Leben. Dieser Grundsatz besagte, dass die Juden historische Zeugen für die Geschichte Jesu seien und deshalb nicht vernichtet werden dürften. Andererseits jedoch waren sie für ihn "Ungläubige", die folgerichtig Demütigungen als Strafe Gottes hinzunehmen hatten.

Offene Ablehnung der Ostkirche

Gemälde: Ein Kreuzritter erschlägt einen am Boden liegenden Mann mit einem Stein. Rechts besprenkelt ein Mönch eine Frau und ein Kind, die sich beide die Hände vors Gesicht halten, mit Weihwasser.

Gewalt gegen Juden während des ersten Kreuzzugs

Während die meisten Päpste die Lehre von Augustinus akzeptierten, wendete sich die Ostkirche bald entschieden gegen die Juden. Im Byzantinischen Reich wurden sie früh verfolgt, mussten konvertieren oder wurden massakriert. Unter den Juden verbreitete sich mehr und mehr eine anti-christliche Haltung. In dieser Zeit erschienen negative Legenden und Geschichten über Jesus und das Christentum in jüdischen Schriften.

Die Spannung beschränkte sich aber vorerst auf die Gelehrten, die die Schmähschriften von beiden Seiten lesen konnten. Die meisten Christen und Juden lebten bis zum Hochmittelalter friedlich miteinander. Erst die Vorstellungen des "Endes aller Tage" und der Apokalypse änderten das. Der Aufruf Papst Urbans II. zum ersten Kreuzzug brachte die bislang nur schwelenden Spannungen zur Explosion. Der Fanatismus der Kreuzritter und des Pöbels beruhte auf der Vorstellung, dass mit den Kreuzzügen die Wiederkunft des Messias bevorstehe, der die Menschheit vom Leid erlösen würde. Nach dieser Vorstellung war nicht nur die Rettung des Heiligen Landes von zentraler Bedeutung, sondern auch die Beseitigung der Ungläubigen in auf dem Weg dorthin.

Die Reaktion: Rückzug und Abgrenzung

Als Ergebnis rückten die Juden enger zusammen. "Die Frommen", eine neue religiöse Bewegung im europäischen Judentum, verstand die Massaker als Strafe Gottes für die Entfernung vom ursprünglichen Judentum. Diese "Chassidei Aschkenas" lebten asketischer, ohne Kontakt zu Andersgläubigen. Das führte zu einem noch weiter reichenden Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben. Sie lebten in ihren eigenen Vierteln und blieben unter sich. In den folgenden Jahrhunderten prägten Ausschreitungen, Morde und ständige Vorwürfe das Verhältnis von Christen und Juden. Letztere mussten zwar in Armut am Rande der Gesellschaft leben, wurden aber in Grenzen geduldet.

Christliche Taktik: Juden als gelegentliche Blitzableiter

Allerdings hetzten Mönche und Wanderprediger - weit genug entfernt von Rom und nahe genug dran an den Laien - gegen Juden. Auch machtpolitisch war es manchmal günstig, die Wut der Menschen zu kanalisieren, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Päpste wurden ebenfalls zum Teil von Angst und Hass angesteckt. Trotz allem lebten die Juden in der Regel immer noch friedlich mit ihren Nachbarn zusammen. Gerade diejenigen, die Kontakte zu den Christen unterhielten, berichteten von angenehmen Beziehungen. In Spanien waren die Juden bis zum 14. Jahrhundert als Übersetzer und Wissenschaftler gefragt. In ganz Europa waren jüdische Ärzte berühmt, Kultur und Wissenschaft blühten auf beiden Seiten.

Das Verhältnis von Christen zu Juden steuert auf einen Tiefpunkt zu

Nach Pogromen in Bayern 1298/99, Verfolgungen während der Pestepidemie 1348/49 und Ritualmordvorwürfen in ganz Europa wurden die friedlichen Phasen seltener. Juden mussten vor der Gefahr gen Osten fliehen. Das 15. Jahrhundert verschärfte die angespannte Lage weiter. Nicht nur, dass in Toledo eine Vorschrift erlassen wurde, die das Judentum als erblich ansah ("Reinheit des Blutes"), also rassistisch war. Die Juden Spaniens wurden auch noch aus dem Land vertrieben, Spanien wurde "judenfrei". Dies war nicht die erste Vertreibung, aber weder die antiken Vertreibungen aus Byzanz noch die aus England (1290) oder Frankreich (1394) waren von ähnlicher Konsequenz.

Luthers Äußerungen und die Folgen

Schwarzweiß-Foto eines alten Mannes mit weißem Vollbart.

Suchte den Dialog mit dem Christentum: Martin Buber

Zwischen 1536 und 1546 hetzte der Reformator Martin Luther gegen die Juden. Seine Predigten und Schriften hatten einen beispiellosen Charakter. Er rief zur Zerstörung alles Jüdischen auf. Dabei war er zunächst ein Judenfreund. Seine neue reformatorische Lehre, dachte er, würde die Juden dazu bringen, seiner Kirche beizutreten. Als dieser Erfolg ausblieb, ließ der enttäuschte Luther seiner Wut freien Lauf. Er veröffentlichte "Von den Juden und ihren Lügen" und empfahl, kein Mitleid mit ihnen zu haben, sondern sie zu vernichten.

Trotzdem war das protestantische Christentum nicht überall anti-jüdisch. Auch wenn der französische Reformator Calvin und andere die Meinung Luthers teilten, hatten sie nicht vor, diese in die Tat umzusetzen. Gerade die protestantischen Niederlande zeigten sich als besonders tolerant. Sie akzeptierten die Juden vor dem Hintergrund eines Erlasses, nach dem kein Mensch auf Grund religiöser Überzeugung zu verfolgen sei.

Mit der Aufklärung in Europa und der Haskala-Bewegung unter den Juden entstanden viele Beziehungen zwischen bedeutenden Denkern beider Religionen. Die starren Grenzen wurden flexibler. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland einen großen Kreis von jüdischen Gelehrten, der den Dialog mit dem Christentum suchte. Martin Buber, Franz Rosenzweig und Leo Baeck waren die bekanntesten Mitglieder dieses Kreises. Die Nazis setzten dem ein jähes Ende. Der Ausbruch antisemitischer und antijüdischer Ressentiments hinterließ einen tiefen Graben zwischen den Religionen.

Autor/in: Allon Sander

Stand: 25.06.2014, 13:00

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