Römer in Germanien

Eine Karte zeigt das Imperium Romanum  unter Kaiser Augustus

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Römer in Germanien

Von Jo Siegler, Frank Endres und Andrea Böhnke

In Deutschland finden sich zahlreiche Orte, an denen man einen Hauch von römischer Geschichte atmen kann. Die vielen Funde sind in diversen Museen zu bestaunen. Doch was wollten die Römer in Germanien?

Die ersten Feldzüge nach Germanien

In den Jahren 58 bis 51 vor Christus eroberte Gaius Julius Caesar (100 bis 44 vor Christus) Gallien. Dieses Gebiet bestand aus dem heutigen Frankreich, Belgien, der Westschweiz und den größten Teilen des linksrheinischen Deutschlands.

Hierdurch wurde der Rhein zur Grenzlinie zwischen den rechtsrheinischen Siedlungsgebieten germanischer Stämme und dem Imperium Romanum. Doch die Römer hatten die Germanen unterschätzt. Regelmäßig fielen germanische Stämme in die gallischen Provinzen ein und sorgten für Unruhe.

Die Sicherheitslage war für Rom unbefriedigend. So erlitt zum Beispiel im Jahr 17/16 vor Christus M. Lollius, der römische Statthalter der gallischen Provinzen, eine schwere Niederlage gegen einfallende germanische Stämme.

Dies nahm Kaiser Augustus (63 vor Christus bis 14 nach Christus) zum Anlass, die militärische Strategie gegenüber den Germanen rechts des Rheins entscheidend zu ändern.

Höchste Priorität hatte nun die Sicherung Galliens durch die Verteidigung der Rheingrenze. Die im Inneren Galliens stationierten Legionen verlegte Rom in Militärlager entlang der Rheinlinie. Durch diese strategische Lage konnten sie gleichzeitig mehrere Aufgaben übernehmen.

Zum einen dienten sie als Truppenbereitstellungslager, um Einfälle der Germanen nach Gallien rechtzeitig abzufangen. Zum anderen ermöglichten sie als Ausfall- und Versorgungsbasen militärische Operationen in das rechtsrheinische Germanien.

Rekonstruiertes Römerkastell

Rekonstruktion einer Grenzmauer mit Eckturm

Die Taktik der vorgelagerten Verteidigung

Doch auch diese Strategie ging nicht auf. Im Jahr 12 vor Christus fielen die germanischen Stämme der Sugambrer und Usipeter in Gallien ein. Der Stiefsohn von Kaiser Augustus, Drusus (38 bis 9 vor Christus), wurde beauftragt, eine neue Taktik der Grenzsicherung umzusetzen.

Die Drususfeldzüge (12 bis 9 vor Christus) in das rechtsrheinische germanische Gebiet sollten eine vorgelagerte Grenzsicherung ermöglichen. Durch Kontrolle und Befriedung der dort siedelnden germanischen Stämme wollte Augustus weitere Einfälle nach Gallien verhindern.

Mit diesen Feldzügen, die ihren vorläufigen Abschluss in den Jahren 8 und 7 vor Christus hatten, gelang die Unterwerfung der stärkeren germanischen Stämme, die zwischen Rhein und Elbe siedelten. Es schien fast so, als habe das Imperium die Sugambrer, Usipeter, Cherusker, Chauken, Chatten und Markomannen nun endlich unter Kontrolle gebracht.

Rekonstruktion einer Zeichnung: Köln um das Jahr 200 nach Christus.

Köln – römische Kultur im hohen Norden

Herrsche und teile

Das Römische Imperium setzte nun auf eine Doppelstrategie. Neben der militärischen Unterwerfung versuchte man mit politischen und diplomatischen Mitteln Unruhen und Aufstände zu verhindern. Rom schmiedete strategische Allianzen, um die einzelnen germanischen Stämme gegeneinander ausspielen zu können.

Ausgewählte Germanenoberhäupter ehrte man mit römischen Titeln und zahlreiche Germanen traten in die Dienste römischer Legionen. Das Ziel war es, die Germanen Schritt für Schritt zu romanisieren.

Einer der ausgewählten Germanen war Armin (17 vor Christus bis 21 nach Christus), der unter dem römischen Namen Arminius schon bald einen Legende werden sollte. Ab dem Mittelalter wurde Arminius dann oft mit dem eingedeutschten, aber unhistorischen Namen Hermann bezeichnet.

Rollenspiel: Gruppe römischer Soldaten

Militärische Macht führte nicht zum Erfolg

Varus und der Arminius-Aufstand

Der Frieden schien gesichert, als im Jahr 7 nach Christus Publius Quinctilius Varus Statthalter der gallischen Provinzen wurde. In dieser Funktion war er auch Oberbefehlshaber über die Rhein-Legionen. Der um 46 vor Christus geborene Abkömmling alten römischen Adels hatte bereits eine erfolgreiche politische und militärische Karriere hinter sich.

Im Jahr 13 vor Christus war er römischer Konsul gewesen, später dann Statthalter in Syrien und Afrika. Varus hatte den Auftrag Germanien unter strenges römisches Provinzialrecht zu stellen. Dies bedeutete Steuern einzutreiben und die Germanen wie Untertanen Roms zu behandeln.

Dem Germanen Arminius gelang es im Jahr 9 nach Christus einige zerstrittene germanische Stämme (Cherusker, Chattten, Angrivarer, Marser, Brukterer) unter seiner Führung zu vereinen und sich Varus zu widersetzen.

Der Arminius-Aufstand kam völlig überraschend. 15.000 bis 20.000 Römer fielen in einer dreitägigen Schlacht durch die Hände der Germanen im Kessel von Kalkriese. Heute ist sie als die Varusschlacht bekannt. Varus selbst nahm sich während der Schlacht das Leben. Zu groß war der Ehrverlust für einen Mann seines Standes.

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald erinnert an Arminius

Rom gibt seine Expansion auf

In den Jahren 14 bis 16 nach Christus führten Kaiser Tiberius (42 vor Christus bis 37 nach Christus) und sein Adoptivsohn Germanicus (15 vor Christus bis 19 nach Christus) Strafexpeditionen gegen Arminius durch, die dieser jedoch zurückschlagen konnte.

Der Aufstand hatte die römische Herrschaft über die Germanen rechts des Rheins beendet. Wieder war der Rhein die Grenze zwischen der linksrheinischen römischen Provinz Niedergermanien und den rechtsrheinischen freien Germanen.

Rom verabschiedete sich für lange Zeit vom Wunsch weiter in den Norden vorzudringen. Um die bestehenden Grenzen aufrecht zu erhalten, wurde später sogar ein Bauwerk errichtet, dessen Überreste auch heute noch zu finden sind: der Limes.

Schwarzweiß-Stich: Germanicus mit Soldaten

Germanicus unternahm noch einige Strafexpeditionen nach Germanien

Zivilisatorische Errungenschaften gehen verloren

Angesichts dessen, dass die Römer in vielen Belangen sehr fortschrittlich waren, stellt sich die Frage: Warum gerieten viele zivilisatorische Errungenschaften nach dem Abzug der Römer in Vergessenheit? Auch Wissenschaftler beschäftigen sich mit dieser Frage bis heute.

Ein Grund für den Verlust ist wohl, dass es nach dem Untergang des Römischen Reiches auf einmal viele kleinere Reiche gab – statt einer großen Einheit herrschte eine Art Flickenteppich.

Es fehlte gewissermaßen an übergeordneten Organisationen und Institutionen, die die vormals römischen Gebiete verwalteten; es fehlten die Infrastruktur und auch das Wissen, wie man Aquädukte, Statuen und Steinhäuser erhält, pflegt und weiterbetreibt. In der Folge zerfielen viele Bauwerke und die römische Stadtkultur verschwand vielerorts.

Daneben waren, je nach Region, wahrscheinlich noch andere Gründe für den Verlust der römischen Zivilisation verantwortlich. Die heutige Stadt Xanten, die Colonia Ulpia Traiana, wurde zum Beispiel gegen Ende des dritten Jahrhunderts von den Franken vollständig zerstört.

(Erstveröffentlichung 2003. Letzte Aktualisierung 28.10.2021)

WDR

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