Bhutan

Buddhistisches Kloster an einer Felswand.

Himalaja

Bhutan

Von Eva Mommsen und Anette Kiefer

Unberührte Himalaja-Gipfel, burgartige Klöster und blühender Rhododendron – Bhutan ist unbestritten eines der letzten Paradiese auf dieser Erde. Im Königreich wohnen in etwa so viele Menschen wie in Frankfurt am Main, auf einer Fläche so groß wie die Schweiz.

Arm, aber glücklich?

Rund 750.000 Einwohner hat Bhutan, das sich selbst "Land des Donnerdrachens" nennt. Die Bhutaner gehören zu den ärmsten Menschen der Welt – aber offenbar auch zu den glücklichsten.

Und das ist kein Zufall. Seit Jahrhunderten sind die Machthaber des Landes angehalten, das Glück der Bevölkerung bei ihren politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Der Rechtskodex von Bhutan – eine Art frühe Verfassung des Landes – besagte bereits im 18. Jahrhundert: "Wenn die Regierung keine Freude für sein Volk erzeugen kann, dann gibt es für die Regierung keinen Grund zu existieren."

Das Glück blieb durch die Jahrhunderte ein wichtiges politisches Ziel. In den 1970er Jahren prägte der damalige König Jigme Singye Wangchuck den Begriff des "Bruttonationalglücks", das wichtiger sei als das Bruttoinlandsprodukt. Inzwischen wurde diese Idee weiter ausgearbeitet – heute besitzt Bhutan sogar eine staatliche "Kommission für das Bruttonationalglück".

Die königliche Familie von Bhutan: Jigme Khesar mit seiner Frau Jetsun Pema und ihren zwei Söhnen

Glück als nationales Ziel: Die königliche Familie von Bhutan

Die nepalesischen Einwanderer

Ab den 1950er Jahren ermöglichten weitreichende Reformen allen Bhutanern den kostenlosen Zugang zu Schulen und zur ärztlichen Versorgung.

Doch eine Bevölkerungsgruppe ist bis heute am Rande der bhutanischen Gesellschaft geblieben und hat wenig von den Reformen profitieren können: die nepalesischen Einwanderer, die vorwiegend im Süden des Landes leben.

Denn als bei einer Volkszählung im Jahr 1980 diese nepalesische Minderheit, deren Anhänger Hindus sind, fast 50 Prozent der Bevölkerung ausmachten, verfolgte die Regierung einen strikten Bhutanisierungs-Kurs, der zur Benachteiligung und schließlich auch zur Vertreibung der nepalesisch-stämmigen Einwanderer führte.

So verließen etwa 100.000 Süd-Bhutaner Anfang der 1990er Jahre das Land und leben seitdem in Nepal. Weitere 15.000 flohen nach Indien. Bis heute versuchen sie, ihre Rechte geltend zu machen, um nach Bhutan zurückzukehren.

Zwei Frauen arbeiten auf einem Feld in Süd-Bhutan.

Zwei Frauen bei der Feldarbeit in Süd-Bhutan

Buddhismus als Staatsreligion

Als einziges Land weltweit hat Bhutan den Vajrayana-Buddhismus als Staatsreligion. Die größte buddhistische Schule in Bhutan ist die Drukpa-Kagyü, eine Schulrichtung des tibetischen Buddhismus. Das hat das Leben im Land in allen Bereichen stark beeinflusst.

Der Je Khenpo, höchster Abt und Oberhaupt der Drukpa-Kagyü, wird vom König in allen Entscheidungen zu Rate gezogen. Die Kloster und Klosterburgen (Dzongs) bilden oft gesellschaftliche Zentren. Hier trifft sich die Bevölkerung zu Festen, zu Debatten und zum Gebet.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Klöster sogar die einzigen Schulen des Landes. Unterrichtet wurde ausschließlich von Mönchen.

Kloster mit gelben Dächern an einem bewaldeten Hang.

Kloster in der bhutanischen Hauptstadt Thimpu

Der Weg zur konstitutionellen Monarchie

König Jigme Dorji Wangchuck leitete ab 1952 einen Reformprozess für Bhutan ein. Er sorgte für die Aufhebung der Leibeigenschaft, für die Aufnahme in die Vereinten Nationen und berief erstmals eine Nationalversammlung ein. Auch sein Sohn und sein Enkel führten diesen Prozess weiter fort.

Mit der Unterzeichnung der Verfassung durch den König wurde Bhutan 2008 auch formal eine konstitutionelle Monarchie nach britischem Vorbild mit einem Ober- und Unterhaus.

Der Wandel von einer absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie wurde hier somit vom König und von der herrschenden Oberklasse angeordnet – anders als bei vielen anderen Monarchien weltweit, die vom Volk gestürzt wurden.

Flagge von Bhtuan vor einem blauen Himmel

Das Safrangelb der Flagge steht für den König, das Orange für den Buddhismus

Bewahrung der Tradition

Bhutan wurde lange als "Versteck jenseits der Modernität" gesehen. Im Jahr 1999 war es das letzte Land weltweit, das das Fernsehen einführte. Etwas später folgten Internet und Mobiltelefone.

Die restriktive Politik soll verhindern, dass die Traditionen verwässert werden oder verloren gehen. Auch der Tourismus wird als Risiko betrachtet, weil er die Gesellschaft verändern könnte.

Deswegen durften erst 1974 die ersten Urlauber ins Land einreisen und seitdem setzt Bhutan – anders als Nepal – eher auf den sanften Tourismus als auf den Massentourismus. Die Touristenzahlen werden stark begrenzt. Mit rund 250 US-Dollar Reisepauschale pro Tag ist das Land ohnehin eher ein teures Reiseziel.

Da auch kommerzielles Bergsteigen wegen religiöser Bedenken verboten ist, wird nur eine bestimmte Klientel angesprochen. Das hohe Preisniveau kontrolliert also den Tourismus und so können die jahrhundertealten Traditionen fast unverfälscht erhalten bleiben.

Vier buddhistische Mönche in festlichen, reich verzierten Trachten.

Bhutanische Musiker und Tänzer in traditionellen Trachten

Aufbruch ins moderne Zeitalter

Bhutaner sind sehr umweltbewusst. Schon in den Schulen wird den Kindern die Verantwortung für ihre Umwelt beigebracht, Naturschutz gilt als nationale Maxime.

Deswegen setzt Bhutan im Vergleich zu vielen anderen Himalaja-Staaten im Kampf gegen den Klimawandel und die Umweltverschmutzung seit einigen Jahren auf Wasserkraftwerke und Solarenergie. So wird das wertvolle Holz geschont, das noch 2006 mehr als 70 Prozent des Energiebedarfs des Landes deckte.

Inzwischen gilt Bhutan als einziges klimaneutrales Land der Welt. Mehr noch: Dank der vielen Wälder schluckt das Königreich sogar dreimal so viel CO2, wie seine Bürger verbrauchen.

In den entlegenen Bergregionen liefert Solarenergie den Bauern den Strom. Damit nimmt Bhutan eine Vorreiterrolle innerhalb der Himalaja-Region ein.

WDR | Stand: 18.09.2020, 12:25

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