Eine leere Chipstüte schwimmt im Wasser.

Das Mittelmeer

Umweltprobleme des Mittelmeers

Das Mittelmeer lockt jährlich 320 Millionen Touristen an. Das stellt die Region vor viele Probleme wie Müll an Stränden und Zerstörung von natürlichen Küstengebieten. Dazu kommen die Folgen des Klimawandels, die den Mittelmeerraum zunehmend bedrohen.

Von Katrin Ewert

Folgen des Massentourismus

Fast das ganze Jahr angenehm warmes Klima, weite Badestrände und hübsche Städte und Dörfer: Auf den ersten Blick sieht der Mittelmeerraum perfekt und fehlerfrei aus. Doch wer genauer hinsieht, erkennt die vielen Umweltprobleme, vor denen die Region steht – darunter Verschmutzung der Strände und Gewässer, Bedrohung durch invasive Arten und die Folgen des Klimawandels.

Das wohl greifbarste Problem ist der Massentourismus und seine Folgen. Die Küsten Spaniens, Frankreichs, Griechenlands oder der Türkei sind sehr beliebt bei deutschen Urlaubern – und bei vielen anderen Touristen auch. Zudem ist das Mittelmeer das zweitbeliebteste Kreuzfahrtziel nach der Karibik.

Großes Kreuzfahrtschiff in der Lagune von Venedig

Viele Umweltfolgen gehen auf das Konto von Massentourismus – wie hier in Venedig

Um die Urlauber zu beherbergen und zu unterhalten, bauen die Anrainerstaaten des Mittelmeers immer mehr Hotels, Häfen und Touristenanlagen: Einem Bericht der Vereinten Nationen (UN) zufolge haben zwei Drittel der Mittelmeer-Länder die Bebauungen ihrer Küstenflächen zwischen 1975 und 2015 verdoppelt. Dadurch bleibe weniger Platz für Ökosysteme, so die UN-Experten.

Nicht nur an den Küsten, auch im Wasser drängt der Tourismus Tier- und Pflanzenarten zurück. Unter anderem sind Motorboote und Jetskis dafür verantwortlich. Meeresbewohner wie Fische, Wale und Delfine fühlen sich von dem Lärm gestört.

Vor allem die Kommunikation fällt den Tieren mit steigendem Lärmpegel schwerer – wie etwa Laute, um Partner anzulocken oder um Artgenossen vor Gefahren zu schützen. Wird es zu laut, flüchten die Tiere aus dem betroffenen Gebiet. Dadurch verlieren sie wertvolle Nahrungs- und Brutplätze.

Auf Pottwalsuche im Mittelmeer

Planet Wissen 20.01.2022 05:11 Min. UT Verfügbar bis 20.01.2027 WDR Von Uli Pförtner

Problematisches Plastik

Die Umweltverschmutzung ist ein weiteres Problem, das durch Massentourismus, aber auch durch Frachtschiffe und Industrie entsteht. Laut dem spanischen Meeresbiologen Manu San Félix, der seit über 30 Jahren die Weltmeere erforscht, ist das Mittelmeer das am stärksten verschmutzte Meer der Erde. Das liegt einerseits daran, dass das Mittelmeer viele Küstenbewohner und Besucher hat und intensiv genutzt wird – etwa durch den Fischfang oder den Abbau von Rohstoffen wie Öl und Gas.

Andererseits liegt die Verschmutzung an der besonderen Geografie des Mittelmeers, erklärt Meeresbiologe San Félix in einem Bericht von National Geographic: "Das Mittelmeer ist (durch die Meerenge von Gibraltar, Anm. d. Red.) ein fast geschlossenes Meer", so der Forscher. "Das Wasser erneuert sich kaum und daher ist die Verschmutzung viel stärker spürbar als in anderen Meeren oder auf den offenen Ozeanen, wo mehr Austausch stattfindet."

Die Verschmutzungen, die sich in diesem Kessel ansammeln, sind vielseitig. Schätzungen zufolge gelangen durch Industrie und Rohstoffabbau jährlich etwa 150.000 Tonnen Rohöl ins Mittelmeer.

Und auch Plastikmüll wie Verpackungen, Einwegflaschen und Tüten gerät durch achtlosen Umgang oder mangelhafte Entsorgung aus Küstenstädten und über Flüsse ins Mittelmeer – einer Studie der Weltnaturschutzunion (IUCN) 230.000 Tonnen jährlich. Das sind umgerechnet etwa 500 Frachtcontainer pro Tag.

Die Müllsammler von Korsika

Planet Wissen 20.01.2022 06:10 Min. UT Verfügbar bis 20.01.2027 WDR Von Sabine Rau

Der meiste Abfall kommt laut der IUCN-Studie aus Ägypten, Italien und der Türkei. Aber auch Länder wie Uganda und Kenia tragen zur Verschmutzung des Mittelmeers bei: Sie liegen im Einzugsbereich des Nils, über den ebenfalls Müll ins Meer gelangt.

Nur rund ein Drittel des Unrats schwimmt an der Wasseroberfläche oder wird sichtbar an die Strände gespült. Der Rest befindet sich unter Wasser, wo er langsam Richtung Meeresboden sinkt und sich erst nach mehreren hundert bis tausend Jahren zersetzt. Bis dahin zerfällt es in immer kleinere Partikel: Mikroplastik.

Sowohl an den Küsten und auf der Wasseroberfläche als auch unter Wasser bedroht der Plastikmüll hunderte Meerestierarten, so das Forschungs- und Technologiezentrum der Universität Kiel.

Seevögel beispielsweise verwechseln den Müll aus der Luft mit Beute. Sie verschlucken die Plastikteile, die sich dann im Magen-Darm-Trakt der Tiere festsetzen und die Verdauung erschweren. In der Folge sind viele Vögel unterernährt und sterben daran.

Schildkröten vertilgen ganze Plastiktüten, weil sie diese mit Quallen verwechseln. Sie verheddern sich auch leicht in Fischernetzen und -schnüren und können sich oft nicht befreien. Sardinen, Garnelen und Krabben nehmen kleine Müllteile und Mikroplastik auf.

Die Fische und Meeresfrüchte landen schließlich auf unserem Teller – und der Müll gelangt so zurück zum Menschen. Schätzungen von Forschern der Universität Gent zufolge nimmt jeder Europäer, der häufig Meeresfrüchte isst, durchschnittlich 11.000 Mikroplastik-Partikel pro Jahr auf. Wie sich die Teilchen auf die Gesundheit von Meerestieren und Mensch auswirken, ist noch weitgehend unerforscht.

Plastikmüll liegt an einem Strand nördlich von Beirut.

Plastik an Stränden bedroht Tiere wie Schildkröten und Wasservögel

Der Klimawandel ist bereits sichtbar

Langfristig gesehen ist die größte Bedrohung jedoch der menschengemachte Klimawandel. Laut einem UN-Bericht ist das Mittelmeer bereits jetzt mehr von den Folgen betroffen als jede andere Region der Erde. Der Mittelmeerraum erwärme sich um 20 Prozent schneller als der globale Durchschnitt.

Laut dem internationalen Netzwerk Mittelmeerexperten für Klima und Umwelt (MEDECC) übersteigt die Temperatur bereits jetzt 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten. Die Auswirkungen sind gravierend:

  • Der Meeresspiegel steigt an. Das ist in der Mittelmeerregion besonders gefährlich, da Menschen aufgrund der fehlenden Gezeiten ihre Häuser sehr nah am Wasser gebaut haben.
  • Das Meer nimmt vermehrt CO2 aus der Luft auf. Dadurch sinkt der pH-Wert des Wassers. Forschende sprechen auch von Versauerung. Die saurere Umgebung bedroht Meereslebewesen wie Korallen und Muscheln. Weil diese die Grundlage vieler Nahrungsketten sind, ist ein großer Teil des Ökosystems betroffen.
  • Es treten häufiger Hitzewellen und Dürren im Küstenbereich auf, die sowohl die Biodiversität als auch Menschenleben gefährdet. Die steigenden Wassertemperaturen sorgen außerdem dafür, dass sich Algen unkontrolliert ausbreiten.

Das Problem: Die Biodiversität des Mittelmeers ist ohnehin bereits sehr angeschlagen. Das liegt an anderen menschlichen Einflüssen, wie zum Beispiel Überfischung. Durch die starke Nachfrage sind vor allem Arten wie Tunfische, Schwertfische und Zackenbarsche stark in ihrer Population zurückgegangen.

Viele Hai- und Rochenarten sind bedroht, weil sie oft in den Netzen der Fischer landen. Fischernetze, Haken und Anker beschädigen auch das Neptungras – eine wichtige Unterwasserpflanze, die CO2 bindet und Lebensraum vieler Meerestiere ist.

"Wenn wir 50 Jahre in die Vergangenheit reisen und die Unterwasserlandschaften des Mittelmeers sehen könnten", sagt Meeresbiologe San Félix in einem Bericht von National Geographic," dann würden wir erkennen, dass das heutige Mittelmeer nichts mehr mit dem Ursprünglichen zu tun hat."

Auch invasive Arten stellen eine Gefahr für die Ökosysteme im Mittelmeer dar. "Ich habe 2017 den ersten Papageienfisch gesehen, und jetzt finde ich diese Art bei fast allen meinen Tauchgängen", so San Félix.

Insgesamt sind es über 700 Arten, darunter der Rotfeuerfisch und der Skorpionfisch, die ursprünglich aus anderen Meeren stammen und heimische Fische bedrohen. Forscher vermuten, dass die meisten dieser Tiere aus dem Roten Meer stammen und über den Suezkanal und mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen und Kreuzfahrtschiffen ins Mittelmeer gelangt sind.

Eine Schleimschicht bedeckt das Wasser an einem Stand.

Eine Folge des Klimawandels: Algen-Schleim, genannt "Meeresrotz", in der Türkei

So lässt sich das Mittelmeer schützen

In der ganzen Mittelmeerregion bemühen sich Wissenschaftler, Aktivisten und Bürger, ihren Lebensraum zu retten. Sie veranstalten unter anderem sogenannte Clean Ups, bei denen sie Strände und Küsten von Müll befreien.

Auch groß angelegte Projekte laufen im Mittelmeer: Ähnlich wie beim bekannten "Ocean Clean Up" im Atlantik tragen Schiffe mithilfe von langen Röhren den Müll auf der Wasseroberfläche ab.

Diese Initiativen helfen zwar, das Meer zu säubern. Forscher kritisieren aber, dass sie das eigentliche Problem nicht lösen. Zum einen beseitigen die Anlagen nicht den größten Teil des Mülls, der unter der Wasseroberfläche schwimmt. Zum anderen helfen sie nicht, den Plastik-Eintrag ins Meer zu stoppen.

Viele Wissenschaftler argumentieren, dass die Ressourcen besser an der Wurzel des Problems eingesetzt werden sollten. Die IUCN rät zum Beispiel dazu, die Abfallwirtschaft von den 100 Städten zu verbessern, aus denen der meiste Müll stammt. Das könne die Abfallmenge um ein Viertel senken.

Ein weiterer Ansatz ist, die Abfallsysteme von Hotels und Schiffen zu verbessern. Auch das Verbot von Einwegplastik und die Aufklärung der Anwohner tragen dazu bei, das Problem einzudämmen.

Wichtig ist, so die Forscher, dass schnell gehandelt wird. Ohne Maßnahmen wird sich die Müllmenge im Mittelmeer laut einer IUCN-Studie bis 2040 verdoppeln. Und auch für die Folgen des Klimawandels gibt es keine guten Prognosen für die Region: Das MEDECC-Expertennetzwerk rechnet damit, dass die Temperatur im Mittelmeerraum bis 2040 um 2,2 Grad und bis 2100 um 3,8 Grad ansteigt.

Der Meeresbiologe und Politiker Marco Affronte findet in einer ARTE-Doku die passenden Worte: "Ein Meer, das nur aus Wasser besteht, ohne eine lebendige Flora und Fauna, ist kein Meer, sondern ein Schwimmbad. Das dürfen wir nicht zulassen. Denn wenn das Meer stirbt, sterben auch viele andere Lebensformen – und wir gefährden unser eigenes Überleben."

Positivbeispiel: Neptungras bei Korsika

Ein erfolgreiches Projekt ist das Meeresschutzgebiet Bouches de Bonifacio bei Korsika. Es erstreckt sich über das gesamte südliche Gebiet der Insel. Hier werden Flora und Fauna geschützt, ohne Bewohner und Besucher komplett zu verbannen. Fischer dürfen rausfahren, aber müssen auf Schleppnetze verzichten. Freizeitboote dürfen nur an speziellen Anlegeplätzen halten und keinen Anker auf den Grund werfen. Diese Regeln werden streng kontrolliert. Das Ergebnis: Die Neptungas-Wiesen haben sich in der Region deutlich erholt. Zahlreiche gefährdete Tierarten wie Langusten lassen sich hier wieder antreffen.

Ein Schiff trägt die obere verschmutzte Schicht des Meerwassers ab.

Schmutz an der Oberfläche lässt sich säubern, ist aber nur ein Teil des Problems

(Erstveröffentlichung 2021)

Weiterführende Links

Quelle: WDR

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